Schmutzige Bomben als Psycho-Waffe

Seite 3: Schmutzige Bomben als Psycho-Waffe

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Am 11. September nutzten die Terroristen geschickt aktuelle US-Verhaltensregeln aus. Sie wussten, sie würden keine Pistolen brauchen, um Flugzeuge in ihre Gewalt zu bekommen - Piloten hatten damals die Anweisung, mit Entführern zu kooperieren. Niemand erwartete, dass jemand Flugzeuge in Waffen verwandeln könnte. Ähnlich könnte ein Terrorist heute eine radiologische Waffen einsetzen: Nicht wegen des tatsächlichen Schadens, sondern aufgrund der gigantischen Panik, die dann entsteht - und die dann auch die Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde.

Sind andere radiologische Angriffe gefährlicher als unser Zäsium-137-Beispiel? Elektrische Generatoren, die mit Radioisotopen betrieben werden, waren in verlassenen russischen Leuchttürmen zu finden. 400.000 Curie Strontium-90 enthielten sie. Allerdings gibt Strontium-90 fast keine Gammastrahlung ab - es ist nur gefährlich, wenn man es einatmet oder direkt zu sich nimmt. Eine Aerosol-Wolke aus Strontium-90 kann töten, aber es bleibt nicht lange in der Luft. Aus diesem Grund wäre sogar eine radiologische Bombe aus Plutonium eher ungefährlich. Anthrax, der Milzbranderreger, wäre tödlicher, lässt sich außerdem leichter besorgen und transportieren. Atommülllager und Atomreaktoren enthalten erheblich mehr radioaktives Material - sie sind wesentlich gefährlicher, wenn ihre Radioaktivität freigesetzt werden könnte.

Wenn kleine schmutzige Bomben so wenig Schaden anrichten können, stellt sich die Frage, warum sie gern in einem Atemzug mit echten Massenvernichtungswaffen genannt werden. Der Grund sind die US-Gesetze. 1997 wurden schmutzige Bomben in den so genannten National Defense Autorization Act aufgenommen. Enthalten sind sie außerdem in einigen Gesetzen der Bundesstaaten, etwa in Kalifornien.

Schmutzige Bomben als Massenvernichtungswaffen zu definieren, ist ein Fehler - und er könnte dazu führen, dass die Ressourcen an der falschen Stelle verwendet werden. Und es könnte zu einer generellen Überreaktion kommen, wenn die Waffen bei Anschlägen eingesetzt werden. Ich hoffe und erwarte, dass die oben erwähnten 450 Millionen Dollar des Energieministeriums im Kampf gegen Nuklearsprengstoffe und Angriffe auf nukleare Einrichtungen verwendet werden - und nicht spezifisch gegen die Gefahr radiologischer Waffen.

Wenn Terroristen Amerika in diesem Sommer mit einer schmutzigen Bombe angreifen, sterben die Leute während ihrer Flucht an Autounfällen. Schmutzige Bomben sind keine Massenvernichtungswaffen, sie führen allerhöchstens zu Massenpanik. Sie sind dann erfolgreich, wenn Öffentlichkeit und Regierung überreagieren. Angst müssen wir nicht vor der Radioaktivität haben, sondern vor Nuklearwaffen. In der Angst vor der schmutzigen Bombe liegt ihre größte Gefahr.

Von Richard A. Muller. Ăśbersetzung: Ben Schwan.

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Richard A. Muller ist Physik-Professor an der University of California in Berkeley. Dort hält er die Vorlesung "Physics for Future Presidents"; außerdem ist Muller seit 1972 Berater für die nationale Sicherheit der USA. (sma)