Roboter im Alltag: Der Spielgefährte
Seite 3: Roboter-Baby
Gewissermaßen als Gegenstück dazu ließe sich am anderen Ende der Skala ein Roboter wie iCub betrachten. Gestaltet nach dem Vorbild eines dreieinhalb Jahre alten Kindes dient er den gleichen Zielen wie Flatcat und andere Playful Machines: Erforschung der Entstehung von Kognition im Wechselspiel von Körper und Umwelt.
Doch von einfachem Körperbau kann keine Rede sein: Insgesamt verfügt iCub über 53 Freiheitsgrade, davon allein neun in jeder Hand. Das Interesse der Forscher war von vornherein vor allem auf die Hände gerichtet, die als Wahrnehmungs- und Manipulationsorgane beim Menschen die kognitive Entwicklung gerade in den ersten Lebensmonaten stark prägen. In seiner 2009 fertiggestellten ersten Version konnte der aus einem EU-Projekt hervorgegangene Roboter wie ein neugeborenes Baby denn auch erst einmal nur krabbeln. Seitdem sind Hardware und Software kontinuierlich weiter entwickelt worden. Inzwischen kann der iCub aufrecht auf zwei Beinen gehen und fast der gesamte Körper kann mit einer berührungsempfindlichen Haut überzogen werden.
(Bild:Â Hans-Arthur Marsiske)
Gegenwärtig beträgt die Zahl der iCubs weltweit 42. In 19 Ländern arbeiten Forschungsteams mit dem Roboter. Sie entwickeln neuronale Netze, mit denen er die Ausrichtung seines Kopfes besser einschätzen und damit die Kamerabilder besser verarbeiten kann. Außerdem versuchen die Forscher an ihm Stadien der frühkindlichen Entwicklung wie etwa die Hand-Auge-Koordination nachzuvollziehen – oder sie lassen ihn mit Karten spielen.
Der iCub kann mit einigem Recht für sich in Anspruch nehmen, das derzeit ambitionierteste und teuerste Roboterspielzeug zu sein. Wer ungefähr 250.000 Euro für die Komponenten erübrigt, kann versuchen, ihn mithilfe der veröffentlichten Dokumentationen selbst zusammenbauen. Der bloße Oberkörper ohne Beine ist für 200.000 Euro zu haben, der Kopf für 40.000 Euro.
Wer mit Robotern spielen möchte, kann sich diesen Wunsch aber natürlich auch für deutlich weniger Geld erfüllen. So sind die Roboterhunde Chippies schon für weniger als 50 Euro erhältlich. Ähnlich wie Flatcat reagieren sie auf Berührungen, allerdings auf vorprogrammierte und damit vorhersehbare Weise.
Manche Spielzeugroboter werden bereits für Kinder ab drei Jahren angeboten. Sie lassen sich fernsteuern, zum Teil über gesprochene Kommandos, können vorprogrammierte Verhaltenssequenzen ausführen oder lassen sich mehr oder weniger frei programmieren. Häufig wird ein didaktischer Zweck damit verbunden. So soll Elmoji kleine Kinder mit dem Programmieren vertraut machen, indem sie ihn durch die Anordnung von Emojis steuern. Der fahrende Roboter Cozmo dagegen bietet verschiedene Programmiermöglichkeiten und kann dadurch beim Übergang von grafischer zu textbasierter Programmierung helfen.
(Bild:Â Hans-Arthur Marsiske)
Roboter-Spielgefährte zum Selberbauen
Am besten lernen Kinder wie auch Erwachsene ihre neuen Spielgefährten jedoch kennen, wenn sie sie selbst bauen und gestalten. Dabei hilft eine Vielzahl von Bausätzen wie zum Beispiel NIBObee, der speziell für den Schulunterricht konzipiert wurde. "Das Lernen verläuft dann am effektivsten, wenn es mit der Herstellung eines Produkts verbunden ist, an dem der Schüler ein persönliches Interesse hat", zitiert der Anbieter Nicai Systems auf seiner Homepage den Erziehungswissenschaftler Seymour Papert (1928-2016), Mitbegründer des MIT Media Lab. Dessen 1980 erschienenes Buch "Mindstorms – Children, Computer and Powerful Ideas" lieferte den Namen für den wohl immer noch bekanntesten Bausatz Lego Mindstorms, der mittlerweile in der vierten Generation angeboten wird.
In der Humanoid League des RoboCup verwenden viele Teams den Bausatz Darwin. Wer bereit ist, sich die notwendigen Komponenten für einen Roboter selbst zu beschaffen, kann sich jedoch auch auf die von manchen Teams veröffentlichten Baupläne ihrer Eigenkonstruktionen stützen. So wollen etwa die Hulks von der TU Hamburg, die ihren Einstieg in die Humanoid League vorbereiten, den 135 cm großen Open-Source-Roboter NimbRo-OP2 des mehrfachen Weltmeisters NimbRo (Universität Bonn) nutzen. Dessen Kosten liegen mit ungefähr 30.000 Euro bei etwa einem Zehntel dessen, was ansonsten für vergleichbare Plattformen aufgewendet werden muss, erklären die Konstrukteure.
Nicht ganz so schön, nicht ganz so groß, dafür aber mit Materialkosten von etwa 1400 Euro deutlich günstiger ist der Roboter Gretchen, der auf einen Entwurf von Flatcat-Schöpfer Matthias Kubisch zurückgeht und im vergangenen Jahr bei einem Workshop der Humanoid League vorgestellt wurde. Bemerkenswert ist die ausführliche und mit zahlreichen Fotos illustrierte Bauanleitung, die selbst eingefleischte Bastelverweigerer auf die Idee bringen könnte, vielleicht doch mal Schraubenzieher und Lötkolben in die Hand zu nehmen.
Roboter zum Spielen, Lernen und Selberbauen (8 Bilder)

(Bild: WowWee (Screenshot))
Der Ernst des (Arbeits-)Lebens
Als Spielzeug hat sich der Roboter zu einer beeindruckenden Vielfalt entwickelt, die alle anderen, mehr am Werkzeug orientierten Typen in den Schatten stellt. Aber was geschieht mit den kleinen Roboterchen, wenn sie erwachsen werden? Ist dann Schluss mit lustig und sie müssen am Ende doch schuften? Dient all die Spielerei nur der Vorbereitung auf den Ernst des (Arbeits-)Lebens – oder entfaltet sich hier die Aussicht auf eine gemeinsame Existenz von Menschen und Robotern jenseits der Mühsal, sich für ein abstraktes Wirtschaftswachstum abzurackern?
Doch wohin auch immer der weitere Weg auf lange Sicht führen mag, er beginnt ganz unten: beim Sklaven. Das ist das Thema des nächsten Artikels der Serie.
Ăśbersicht der Artikel-Serie "Roboter im Alltag"
- Roboter im Alltag: Der Spielgefährte
- Roboter im Alltag: Der Sklave
- Roboter im Alltag: Der Kollege
- Roboter im Alltag: Der Freund
- Roboter im Alltag: Der Angebete
(olb)