Missing Link: Zweifel trotz Nobelpreis – Streit über Gravitationswellen-Messungen
Seite 3: GerĂĽchte und die "glitches"
Die weiterhin ausstehende unabhängige Bestätigung, das LIGO/Virgo wirklich Ereignisse außerirdischen Ursprungs sieht, inspiriert inzwischen Gerüchte. In einem Artikel bei Telepolis etwa spekuliert der deutsche Physiker Alexander Unzicker, ob das schöne erste Signal eventuell lediglich ein Scheinsignal zu Testzwecken gewesen sei. Die drei Wissenschaftler, die für solche Scheinsignale zuständig sind, streiten dies natürlich ab. Da es aber für Außenstehende nicht nachzuvollziehen ist, was in dieser wissenschaftlichen Kollaboration vor sich geht, und wer sonst noch Zugang zu dem Testprozess gehabt haben könnte, lassen sich solche Spekulationen nicht leicht von der Hand weisen.
Hinzu kommen die sogenannten "glitches": Dabei handelt es sich um Detektorsignale unbekannten Ursprungs, deren Frequenzverteilung nicht so aussieht, wie man es für ein Gravitationswellenereignis erwartet. Die Kollaboration nummeriert die glitches mit einem Datum und zwei Ziffern, was darauf hinweist, dass pro Tag etwa 10 bis 100 davon vorfallen. Die Kollaboration hat ein Citizen Science Projekt – der "Gravity Spy" – um Freiwillige zu rekrutieren, die sie visuell identifizieren und kategorisieren sollen. Denn es gibt nicht nur eine Art von glitch, sondern viele verschiedene. Sie haben inzwischen Namen wie "Koi Fish", "Whistle" oder "Blip".
(Bild:Â Gravity Spy)
Diese falschen Treffer machen deutlich, dass es generell unklar ist, genau was diese Detektoren eigentlich detektieren. Ein Verfahren, bei dem unverstandene und ungewollte Daten schlicht per Hand aussortiert werden, ist aber kein guter wissenschaftlicher Standard. Hinzu kommt, dass die LIGO/Virgo-Kollaboration keinen systematischen Versuch gemacht hat, andere Erklärungen für ihre Messungen auszuschließen. Andrew Jackson fasste die Situation wie folgt zusammen:
"Das charakterische Signal hier ist ziemlich generisch. Was findet [die Kollaboration]? Sie finden [ein Signal] bei dem die Amplitude ansteigt und die Frequenz ansteigt und dann verstummt. Das beschreibt so ziemlich jedes katastrophische Ereignis, was man sich vorstellen kann [...] Deshalb hätten sie wirklich jeden irdischen Effekt ausschließen müssen, inklusive seismischer Ereignisse und der Tatsache, dass es in Burkina Faso einen Blitzeinschlag zu exakt derselben Zeit gab [wie das erste Signal]."
Niemand kann die Resultate kontrollieren
LIGO und Virgo sind die ersten Experimente ihrer Art. Die Kollaboration umfasst mehrere tausend Physiker und damit fast jeden, der heute als Experte zu Graviationswellen durchgeht. Aus diesem Grund kann die LIGO/Virgo-Kollaboration es sich leisten, Kritik einfach zu ignorieren, auf ihre eigenen Analyseverfahren zu vertrauen und die Welt im Unklaren darĂĽber zu lassen, genau wie sie eigentlich was analysiert.
Es ist zwar auch in der Teilchenphysik der Fall, dass Riesenkollaborationen ihre Daten nach eigenem Gutdünken analysieren, aber die Situation ist nicht vergleichbar. In der Teilchenphysik hat man die heute benutzten Datenanalysemethoden über Jahrzehnte hinweg in Dutzenden von unabhängigen Experimenten und Kollaborationen entwickelt. In dem Fachbereich hat man daher gute Gründe, den Methoden zu vertrauen. Mit Gravitationswellen ist das nicht so. Es gibt schlicht niemand, der die Resultate kontrollieren kann.
Zumindest noch nicht: Noch im Dezember diesen Jahres soll sich das japanische Experiment KAGRA der Gravitationswellensuche anschließen. Im Gegenteil zu LIGO und Virgo ist dieses Gravitationswelleninterferometer unterirdisch angelegt, was irdische Streusignale weniger wahrscheinlich macht. Das KAGRA-Interferometer benutzt außerdem tiefgekühlte Spiegel, wodurch thermische Fehlerquellen reduziert werden. Damit wird dann hoffentlich die Richtungsbestimmung akkurat genug, damit ein Teleskop endlich bestätigen kann, dass die angeblichen Gravitationswellensignale außerirdischen Ursprungs sind. Was ja eigentlich niemand bezweifelt.
Oder doch? (mho)