Missing Link: Nützes Gedöns (V.) – Sweet streams are made of this

Seite 3: Some of them want to get used by you

Inhaltsverzeichnis

Scrobbeln? Der zum US-Sender CBS gehörende Dienst Last.fm bekommt von allen Geräten, auf denen ich Musik aus dem Internet höre, Titel und Name der Interpreten übermittelt und erfasst sie in meinem Nutzerprofil. Die Daten werden für mich individuell statistisch aufbereitet, um mich mit anderen Nutzern ähnlichen Geschmacks zusammenzubringen und mir weitere Musik vorzuschlagen. Die Vorschläge hauen recht oft hin. Und da ich ja nicht wie ehedem gehörte Schallplatten als Gedächtnisstütze ein wenig aus dem Regal herauslugen lassen kann, schlage ich im Web nach, was ich wann wie oft gehört habe.

Meine Freunde mit den Plattenspielern würden jetzt rufen: "Streaming klingt doch scheiße! Wo bleibt die Haptik, die intensive Beschäftigung mit dem Werk? Cover und Musik gehören doch zusammen!" Ich widerspräche ihnen nicht. Aber, mein Musikverhalten hat sich grundlegend verändert. Als ich noch Schallplatten kaufte, etwa ein Album im Monat, hörte ich es einen Monat lang fast täglich, las die beigedruckten Texte und lernte sie auswendig. Viele von ihnen habe ich bis heute nicht vergessen. Ich lieh mir LPs von Geschwistern oder Freunden, kopierte sie auf eine Musikkassette oder stellte Sampler zusammen, um damit einer eine Freude zu machen. Ansonsten hörte ich Radio, "Hitline International" und "Please Mr. DJ" auf der Hansawelle von Radio Bremen mit Christian Günther und werktags "Musik für junge Leute" auf NDR II mit Peter Urban – und natürlich – noch früher – AFN, BBC und Radio Luxemburg auf der Mittelwelle.

Eine Zeitlang existierten Musik-CD-Verleihe, einen davon, das "Phonodrom" suchte ich oft auf, um mir die CDs auf Kassette zu kopieren. Der Laden musste aber wegen neuer europäischer Richtlinien in den 90-ern schließen. Mittlerweile verdiente ich etwas mehr und konnte mir CDs selbst kaufen, ich fand sie praktischer als den Umgang mit Schallplatten, die ich allesamt verschenkte; dann führte der umständliche Weg übers Filesharing Ende der 90-er und dem Herumfummeln an der Squeezebox in den 00-er Jahren schließlich zu den Streamingdiensten mitsamt smarten Lautsprechern. Heute höre ich nicht mehr einen Monat lang ein Album, ich wechsele zwischen Neuerscheinungen und alten Vorlieben. Texte lese ich im Web nach.

Doch nicht nur meine Freunde mit den Plattenspielern dürften spätestens jetzt heftig den Kopf schütteln. "Von dem wenigen, was Streaming-Dienste an die Musiker ausschütten, können diese doch gar nicht leben!" Soweit ich mich erinnere, waren schon vor den großen Zeiten des Streamings und der Videoplattformen Konzerte zunehmend zu einer wichtigen Einnahmequelle für Musiker geworden, bereits in den 90-er Jahren, als zunächst in den USA die Preise für Musik-CDs zu sinken begannen. Das Hören im Streaming hat mich schon öfter dazu gebracht, auf Konzerte von Bands zu gehen, von denen ich sonst nie etwas gehört hätte und die mich sonst nicht gereizt hätten.

"Und was ist mit dem Datenschutz, Deiner Privatsphäre?" Ja, ich bin ein "gläsener Hörer"; für den Streaming-Dienst, der weiß, was ich letzten Sommer gehört habe, für Last.fm, das weiß, was ich all die Sommer seit 2007 gehört habe, und für alle, die sich für mein Profil auf deren Website interessieren. Im Grunde sind meine Hörvorlieben so transparent wie die eines DJs in der Disko oder auf einer Party, eines Moderators im Radio, eines Pubertierenden, der mit seinem Gangsta-Rap den Baggersee beschallt oder aufgemotzte Kleinwagen die Nachbarschaft.

"Und was ist, wenn das Internet ausfällt?" Dann gibt es für mich keine neue Musik mehr, keine Podcasts, möglicherweise finde ich in irgendeiner Kellerecke mein altes UKW-Radio, damit ich Nachrichten hören kann. Arbeiten könnte ich dann auch nicht, also würde ich hinausgehen an die frische Luft, unberieselt, bezwitschert von den letzten Vögeln der Stadt. "Und was ist, wenn Spotify pleitegeht oder es gar überhaupt kein Streaming mehr gibt?" Dann hat die Musi halt ausgespielt, jedenfalls in ihrer bisherigen Form.

Wir könnten die Fragerei so weiter spinnen bis zu dem Punkt, an dem die Demokratie, die Zivilisation, ja, die ganze Welt vor dem Untergang stehen. Alles, was bleiben wird, sind Erinnerungen und die Hoffnung stirbt zuletzt etc. pp. Ich könnte es auch mit Built to Spill halten (btw einer der Höhepunkt meiner Besuche der Weekender am Weißenhäuser Strand):

Waste your life,
but you don't know what it's worth
Comb your mind for the treasures of the soul
Too close to find anything outside yourself
So what
Grow on

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(anw)