Missing Link: Autonomes Fahren – ja, wo fahren sie denn? (Teil 1)

Seite 2: Stuttgart: Adios new mobility

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Vor fünf Jahren hörte sich das noch ganz anders an! Auf der Elektronik-Messe CES in Las Vegas stellte der damalige Daimler-Chef Dietmar Zetsche den F015 vor – die Vision für die S-Klasse des Jahres 2030. Das futuristische Fahrzeug wartete mit einander gegenübergestellten Lounge-Sesseln auf, dem Lenkrad den Rücken zukehrend, alle an Bord zu Passagieren machend. Mit dem "pilotierten Fahren" müsse das Auto von Anfang an neu gedacht werden, so Zetsche. Das autonome Fahren wurde damals noch ganz großgeschrieben, ebenso wie Daimlers Engagement in der sogenannten neuen Mobilität, bei Vernetzung und digitalen Plattformen. "Wir sehen ein riesiges Potenzial für Carsharing mit autonomen Autos", gab der Chef damals zu Protokoll.

Mercedes-Benz F0 15 – Luxury in Motion (7 Bilder)

(Bild: Daimler )

Im Januar 2019 hatten Daimler und BMW dann ihre Anstrengungen beim autonomen Fahren zu einer strategischen Allianz vereinigt: "Durch die Zusammenführung der großen Kompetenzen unserer beiden Häuser erhöhen wir die Innovationskraft und beschleunigen die Verbreitung dieser Technologie", sagt damals Klaus Fröhlich, Entwicklungsvorstand bei BMW, man wollte gar Industriestandards setzten, Mitbewerber aus China und dem Silicon Valley einholen und überholen.

Daraus wird nichts. "Wir treten zu keinem Rennen an, das wir nicht mehr gewinnen können", teilt eine Unternehmenssprecherin kürzlich mit. CEO Ole Källenius konzentriert sich auf die Rentabilität, geht umfassende Kostensenkungen im Unternehmen an, und muss alles über Bord werfen, was nicht zur Kernkompetenz gehört: Daimler wird gesundgeschrumpft und kann sich keine Sperenzchen mehr leisten. Unverblümt äußert der Chef, was die Folge davon ist, Daimler werde notgedrungen zum "kleinen Unternehmen" – Degrowth aus Untertürkheim, und Greta kann sich freuen! Bei Audi und BMW sieht es nicht viel anders aus, es muss gespart werden. Der neue Audi A8 geht ohne Level 3 an den Start, zu teuer und nicht ausgereift waren dort wohl die Entwicklung, beim Zulieferer Continental wird das Thema gleichermaßen auf die lange Bank geschoben.

Auch der Umbau zum Mobilitätsanbieter ist vorerst passé. Dabei hatten Daimler und BMW im vergangen Jahr gerade ihre new-mobility-Sparten DriveNow und Car2go verheiratet, mit dem fusionierten Unternehmen "Share Now" sollte Tesla, Uber und Google die Stirn geboten werden. Mit dem Kartendienst Here schien man zudem gut gerüstet für die kommende Transformation der Mobilität. Der Autoexperte und Berater Mario Herger, der die deutschen Hersteller aus eigener Erfahrung kennt, spottete damals schon: "Zwei Unternehmen, die Software nicht können, wollen jetzt Software entwickeln". Aus dem Höhenflug mit globaler Perspektive auf New Mobility, autonomes Fahren und Connected Cars ist eine Bruchlandung geworden. Aus "Share now" ist binnen eines Jahres "Share no" geworden…

Die neue S-Klasse zeigt, in welche Richtung es geht: In die Vergangenheit. Mit Technik und Luxus vollgestopfte Edelkarossen, an alte Oktanzeiten erinnernde Luxuskarossen, verkaufen an Firmen (dank Dienstwagenprivileg) und an solvente Männer, deren Durchschnittsalter bei 55 Jahre liegt. Ausfahrbare Griffe, aber kein batteriebetriebenes Modell in Sicht: Daimler fährt sich selbst und ganz allein in die Bedeutungslosigkeit, wird bald eher wie Bugatti oder Maybach zum Nischenhersteller.

Gleichzeitig wird im Verkehrsministerium mit der geplanten Novelle einem ganze anderen Anwendungsszenario der Weg geebnet: Neben dem Betrieb fahrerloser Flotten zählt das Ministerium auf: Shuttle-Verkehre, People-Mover, nachfrageorientierte Angebote in Randzeiten und die Beförderung von Personen und/oder Gütern auf der ersten oder letzten Meile. Hier wird das Modell fahrerloser Verkehr in begrenzten Situationen angegangen. Es gibt also keinen Fahrer mehr, der eingreifen müsste bzw. könnte, die Verantwortlichkeit verschiebt sich auf den Betreiber.

Die Autoindustrie kann da nicht mit, muss wohl den Mitbewerbern aus dem Silicon Valley und China das Terrain ĂĽberlassen. "Es wird nicht mehr lange dauern, bis feststeht, ob wir beim autonomen Fahren zukĂĽnftig in die RĂĽcklichter der Fahrzeuge von Waymo One, Tesla und Co. blicken werden", sagte Philipp Raidt, Rechtsanwalt und Chief Operating Officer der Axel Springer Digital Ventures gegenĂĽber dem Tagesspiegel. Dazu passt, dass der angebliche Kaufinteressent fĂĽr die New Mobility Sparte von Daimler und BMW ausgerechnet UBER heiĂźt.

Nächste Woche in Teil zwei geht es um aktuelle Entwicklungen in Kalifornien, Waymo hat im Oktober einen wichtigen Schritt in Richtung Robo-Taxi-Betrieb getan. Außerdem stelle ich die Frage, ob der Begriff "autonomes Fahren" überhaupt sinnvoll ist, und ob das Stufenmodell nicht ebenfalls hinterfragt gehört.

(bme)