Wie sich das Kino gegen die Streaming-Konkurrenz wehrt
Seite 3: Tonfilm, Farbfilm, Cinemascope
Konkurriert das Kino also nicht eher mit anderen Außer-Haus-Unterhaltungsangeboten wie Theatern, Opern, Restaurants, Bars, Clubs, Konzerten, Bowling oder Jahrmärkten als mit dem Streaming, das ja ausschließlich daheim stattfindet? Und wenn man das Kino weder als reine Abspiel-Plattform noch als Museum für Filmkunst sieht, was bleibt dann übrig?
Aus Sicht der Filmemacher bedeutet Kino eine Art Vertrag: Das Publikum bezahlt dafür, sich zwei Stunden lang einsperren zu lassen, auf Ablenkungen zu verzichten und dem Filmerlebnis seine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Im Gegenzug versprechen die Filmemacher nichts weniger als eine emotionale Achterbahnfahrt, welche die Zuschauer vergessen lässt, dass sie im Kino sitzen.
Das Aus der Kinoprojektoren
Um das Achterbahn-Gefühl zu verstärken und sich Alleinstellungsmerkmale zu sichern, setzte die Branche immer wieder auf technische Neuerungen. Auf den Tonfilm folgten Farbfilm und Cinemascope. Gleich zwei 3D-Booms erlebte das Kino – zunächst in den 1950er-Jahren, dann von 2010 bis 2015. Beide endeten mehr oder weniger als Flops, genauso wie das Geruchskino. Lediglich in Asien werden weiterhin 3D-Kinosäle in Betrieb genommen.
Als sich 2012 das Aus der analogen Kinoprojektoren abzeichnete, drohte Quentin Tarantino gar, seine überaus erfolgreiche Regisseurlaufbahn zu beenden. Digitalprojektion sei wie öffentliches Fernsehen, verkündete er auf dem Filmfestival in Cannes, das habe nichts mehr mit Kino zu tun. Er könne "das digitale Zeug" nicht ertragen. Besonders seinen Einsatz als Gastregisseur einer Sequenz in Robert Rodriguez’ "Sin City" von 2005 mag er als traumatisch erlebt haben, denn die Comic-Verfilmung entstand nicht nur digital, sondern komplett virtuell vor grünem Hintergrund.
Tarantino blieb dem Zelluloid treu: Seinen Western "The Hateful Eight" von 2015 gibt es sogar als 90 Kilo schwere Einzelrolle in 70 Millimeter. Zwei Personen mĂĽssen sie in den Projektor hieven.
Fernsehen im Kinosaal
Eine Art Gegenentwurf dazu möchte Samsung etablieren: Bisher 30 Leinwände weltweit ersetzte der Elektronikkonzern durch seinen "Onyx"-LED-Screen. Den könnte man tatsächlich als Fernsehen im Kinosaal bezeichnen. Der "Traumpalast" in Esslingen bei Stuttgart etwa installierte 2018 einen aus 96 randlosen Einzelmodulen zusammengesetzten Riesenbildschirm im Format 10,3 mal 5,4 Meter. Durch den Wegfall der Projektionslinse kommt die Technik ohne Verzerrungskorrektur aus. Sie ermöglicht "echtes" Schwarz sowie eine zehnmal höhere Leuchtdichte: HDR-Inhalte (High Dynamic Range) stellt sie mit 500 Candela pro Quadratmeter dar (und zieht so mit heimischen TV-Geräten gleich). Auch 3D-Filme sollen auf dem Riesenfernseher erst richtig zur Geltung kommen. Inzwischen ließ LG ein Konkurrenzprodukt zertifizieren.
(Bild:Â Tobias Rank)
Manche Distributionsexperten, etwa der Potsdamer Kinodisponent Marc Eric Wessel, erwarten vor allem für kleinere Independent-Filme zudem eine Neuausrichtung Richtung Event. Ähnlich wie bei einer Band auf Konzerttournee gibt es dabei ein, zwei lange vorher angekündigte Termine pro Stadt, gerne mit Anwesenheit der Macher und Macherinnen zwecks Gespräch nach der Vorstellung. Die herkömmliche Dauer-Abspielschleife bliebe dann hauptsächlich Blockbustern vorbehalten.