"Ich habe die Kosten unterschätzt"

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TR: Hat sich auch die Technologie in den fünf Jahren seit der Veröffentlichung Ihres Berichts verändert?

Stern: Die Technologie hat sich schneller entwickelt, als ich angenommen hatte. Bei Autos zum Beispiel hat es enorme Fortschritte gegeben. Vor fünf Jahren hätte man nicht damit gerechnet, dass General Motors heute Elektroautos bauen würde, und man hätte nicht gedacht, dass die Frage heute lauten würde "Wie schnell lassen sich die Kosten von Elektroautos so weit senken, dass sie konkurrenzfähig sind?". Wo immer man auch schaut, gibt es bemerkenswerte Fortschritte – von visionären wie Biotreibstoff aus Algen und neuartigen Batterien bis zu Ingenieursleistungen wie der ständigen Verbesserung von Dieselmotoren. Die Technologie hat sich also schneller verändert, als ich erwartet hatte. Das finde ich recht ermutigend.

TR: Aber ein Preis fĂĽr Kohlendioxid-Emissionen wĂĽrde doch sicher bei der Kommerzialisierung dieser neuen Technologien helfen?

Stern: Es braucht eine Kombination von Faktoren. Hinsichtlich Marktversagen ist ein Preis für Kohlendioxid das große Thema – ohne wird es schwer zu beheben sein. Aber ich möchte auch die Bedeutung von Regulierung betonen. Wir sollten es uns nicht zu leicht machen, indem wir einfach denken "Wir setzen wir einen Preis für Kohlendioxid fest, und den Rest erledigt der wunderbare Prozess des Unternehmertums für uns."

TR: WĂĽrden Sie UnterstĂĽtzung fĂĽr Forschung und Entwicklung als intelligente Politik bewerten?

Stern: Ja, ebenso wie UnterstĂĽtzung fĂĽr die Anwendung.

TR: Ihr Bericht bringt ein Gefühl der Dringlichkeit für die nächsten fünf bis zehn Jahre zum Ausdruck...

Stern: Das gehört zu den Punkten, wo unsere Argumente in meinen Augen nicht erfolgreich genug waren: die Leute dazu zu bringen, dass sie verstehen, wie wichtig die nächsten fünf bis zehn Jahre sind. Wenn wir warten, bis wirklich der volle Schrecken schweren Klimawandels zu sehen ist, wird es sehr schwierig, noch gegenzusteuern. Genau hier liegt die große Herausforderung in der Kommunikation.

TR: Gibt es einen Punkt, ab dem Sie entmutigt wären, wenn bis dahin nichts geschehen ist? Gibt es eine Deadline zum Handeln?

Stern: Ich denke, dass ab sofort schneller gehandelt werden muss. China ist schon dabei, was bemerkenswert ist. Die Regierung dort hat sieben Schlüsselbranchen vorgegeben, die von heute 3 Prozent Anteil an der Gesamtwirtschaft auf 15 Prozent in zehn Jahren zulegen sollen. Dabei wird sich die Gesamtwirtschaft selbst wahrscheinlich verdoppeln, von sechs Billionen US-Dollar auf zwölf. Für jede dieser Branchen werden pro Jahr wahrscheinlich eine halbe Billion Dollar an Investitionen gebraucht. Drei davon sind erneuerbare Energie, Energieeffizienz und saubere Technologien. Warum? Weil die Führung China für extrem verwundbar durch den Klimawandel hält, weil sie China als groß genug ansieht, um seine eigene Zukunft in Klimafragen zu gestalten, und weil sie glaubt, dass diese Branchen Wachstumsstorys für die Zukunft sind. Das ist ein bemerkenswerter Wandel, und er ist nicht auf China begrenzt. Trotzdem habe ich die Sorge, dass es nicht schnell genug geht. Wir müssen das Tempo erhöhen.

TR: Was hat sich seit der Veröffentlichung des Berichts in der Wissenschaft getan?

Stern: Die Wissenschaft sieht besorgniserregender aus. Es gibt ein paar hässliche Rückkoppelungen, die wir vor fünf Jahren weggelassen haben, weil sie sehr schwierig zu modellieren sind. Viele der Einflussfaktoren scheinen stärker und schneller zu wirken, und die Rückkoppelungen geben noch mehr Anlass zur Sorge.

TR: Wie würden Sie vor diesem Hintergrund die Ergebnisse Ihres Berichts verändern?

Stern: Ich fürchte, dass ich die Kosten der Folgen eines unverminderten Klimawandels unterschätzt habe – aus heutiger Sicht erscheinen die Risiken noch deutlich größer. Wegen des schnellen technischen Fortschritts könnten zugleich die Kosten für Gegenmaßnahmen etwas niedriger sein. Aber ich will hier nicht suggerieren, dass nicht viel auf dem Spiel steht: Wir müssen jetzt große Investitionen tätigen, um Risiken für die Zukunft anzugehen und die Grundlagen für kohlendioxidarmes Wachstum zu schaffen.

TR: Ihr Bericht schätzt, dass pro Jahr ein Prozent des BIP ausgegeben werden müsste, um den Klimawandel einzudämmen.

Stern: Ich würde das jetzt höher ansetzen, eher bei ein bis zwei Prozent. Ich denke, dass wir entschiedener handeln müssen, als ich im Report empfohlen habe, weil die Risiken größer sind. Ich möchte nur betonen, dass wir für diese ein bis zwei Prozent des BIP nicht nur ein verringertes Risiko bekommen würden, sondern auch enorme Innovation, Kreativität, Lerneffekte und Entdeckungen.

TR: Welche Bedeutung haben ein bis zwei Prozent vom BIP? WĂĽrden die Menschen das als Verlust zu spĂĽren bekommen?

Stern: Die Höhe der Investition ist signifikant, aber es ist nicht so schwierig zu verstehen, warum sie nötig ist – vor allem, wenn man bedenkt, dass sich das Wachstum innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren beschleunigen würde, weil Lernprozesse Wirkung zeigen Und natürlich ist es ein sehr wichtiger Punkt, dass eine wirtschaftliche Schwächephase genau die richtige Zeit für langfristige Investitionen ist. Denn dann gibt es weniger Konkurrenz um Ressourcen, und die Zinsen sind niedrig. Jetzt ist die richtige Zeit, mit Investitionen in das Stromnetz und andere Infrastrukturen zu beginnen.

TR: Aber können wir uns das leisten?

Stern: Es ist eine Investition. Man muss es als Investition betrachten, denn um nichts anderes handelt es sich. Und jetzt ist der richtige Moment für diese Investitionen. Wir können uns nicht leisten, sie nicht vorzunehmen: das Risiko ist zu hoch, um darauf zu verzichten, und die möglichen Vorteile sind zu groß. (bsc)