Gezähmte Zeit
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Ihre Präzision ist jedoch schon jetzt ein "klein wenig höher als die von Cäsium-Fontänen", wie David Wineland bei ersten Vergleichsmessungen am NIST festgestellt hat. Dauerhaft eingependelt, werden die optischen Uhren in zehn Milliarden Jahren voraussichtlich höchstens eine Sekunde fehlgehen. Zurückgerechnet könnten sie dann die Zeit von der Gegenwart bis zu den Kindertagen des Universums auf die Sekunde exakt angeben.
Wieder einer jener überflüssigen Einträge für das Guinnessbuch der Rekorde? "Keineswegs", widerspricht Wineland. Der Physiker ist vom Gebrauchswert der neuen Zeitmesser überzeugt. "Selbst wenn der Nutzerkreis anfangs klein ist -- wann immer eine bessere Uhr erfunden wird, kommt sie letztendlich auch vielfältig zum Einsatz", lautet seine These.
Und ein Blick in die Geschichte scheint ihm Recht zu geben. Als beispielsweise Christiaan Huygens 1656 die erste Pendeluhr entwarf, wollte er mit dem sekundengenauen Messinstrument lediglich den Lauf der Sterne rekonstruieren. Der holländische Astronom ahnte sicher nicht, dass seine Kollegen rund zwei Jahrhunderte später den Spruch "Zeit ist Geld" wörtlich nehmen und von ihren Observatorien aus das Zeitsignal ihrer Präzisionspendel gegen Bezahlung telegrafisch an umliegende Städte weiterleiten würden; dass die Uhren eine wichtige Voraussetzung für die weltweite Vereinheitlichung der Zeit bilden würden; oder dass sie am Anfang des 20. Jahrhunderts den Arbeitsrhythmus in den Fabriken so stark prägen würden, dass der amerikanische Historiker Lewis Mumford die Uhr schließlich zur "wichtigsten Maschine des Industriezeitalters" ausrief.
Die Karriere der Quarzuhr startete ähnlich unspektakulär. Was inzwischen jedes Handgelenk ziert, begann 1928 als kühlschrankgroßer Trumm, der im Dienst der Wissenschaft Unregelmäßigkeiten der Erdrotation nachweisen sollte.
Auch die Atomuhr war zunächst nur für die Forschung gedacht. Den Erfindern ging es darum, Chronometer zu entwickeln, die als Schrittmacher stets vollkommen identische Teilchen enthielten und sich daher ohne Schwierigkeiten miteinander vergleichen ließen. Von der Erfindung der ersten Cäsium-Uhr dauerte es mehr als 15 Jahre, bis die 13. Generalkonferenz für Maß und Gewicht 1967 mit den Geräten die offizielle "Standardsekunde" festsetzte.
Mittlerweile haben mehrere Elektronikkonzerne Atomuhren im Angebot. Trotz ihres stattlichen Preises von 25 000 bis 70 000 Euro sind die Präzisionsinstrumente an vielen Schaltstellen des technischen Lebens unentbehrlich geworden. So sitzt zum Beispiel eine Cäsium-Uhr in der Schweiz an einem Hauptknotenpunkt des europäischen Stromnetzes und sorgt dafür, dass die Netzfrequenz von 50 Hertz nicht außer Tritt gerät.