"Es gibt noch genĂĽgend Forschungsbedarf bei der Endlagerung"

Seite 2: "Es gibt noch genĂĽgend Forschungsbedarf bei der Endlagerung"

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TR: Im Zusammenhang mit der Lagerung von hochradioaktiven Abfällen ist gelegentlich auch von Verfahren wie der Transmutation zu lesen, bei der man versucht, die wirklich gefährlichen Stoffe noch im Reaktor umzuwandeln. Sehen Sie da ein Potenzial?

Mengel: Das geht mit der jetzigen Generation von Kraftwerken definitiv nicht. Es müsste eine neue Generation von Kernkraftwerken entwickelt werden. Man ist aber nach meiner Ansicht – ohne, dass ich nun ein Experte auf diesem Gebiet bin – noch weit davon entfernt, ein schlüssiges, technisches Konzept für eine solche völlig neue Generation von Kraftwerken zu haben. Jedoch ist auch in diesem Falle eine sichere Endlagerung der radioaktiven Abfälle erforderlich.

TR: Sie bieten erstmals auch einen Studiengang zum "Radioactive and Hazardous Waste Management". Dass heiĂźt, Sie gehen auch davon aus, dass es Bedarf in der Wirtschaft dafĂĽr gibt?

Mengel: Lassen Sie mich die Frage von einer anderen Sichtweise aus beantworten. Heutzutage weiß niemand, der ein Studium anfängt, wie seine Berufsaussichten sind – Stichwort: Schweinezyklus. Die Verbringung von gefährlichen Abfällen in tiefe geologische Formationen wird aber ein Dauerthema der nächsten zwei Generationen sein.

Wie die Genehmigung des Endlagers in Schacht Konrad zeigt, kann es durchaus 30 Jahre dauern, bis es zu einer Einlagerung von gefährlichen Abfällen in einem Endlager kommt. In dieser Zeit ist viel Forschung und Entwicklung notwendig; bei Forschungsinstituten, bei der beteiligten Industrie und auch bei Behörden. Würden wir jetzt nicht dafür sorgen, dass der wissenschaftliche Nachwuchs erhalten bleibt und das Know-How in die Zukunft transportiert wird, bekommen wir irgendwann einen Fadenriss und können nicht mehr auf dem aufbauen, was wir bis heute erarbeitet haben. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum uns die Industrie mit einer Stiftungsprofessur geholfen hat, diesen Studiengang zu betreiben: Kompetenzerhalt.

TR: Es gibt also keinen unmittelbaren Zusammenhang damit, dass vielerorts davon gesprochen wird, dass die Atomkraft vor einer Renaissance steht?

Mengel: Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich gebe folgendes zu bedenken: Für den Fall, dass heute der große Hebel umgelegt und sämtliche AKWs heruntergefahren würden, hätten wir doch das Problem des Abfalls zu lösen. Das, was bis zur Laufzeit 2020 noch dazu kommt, ist durchaus nicht wenig, aber wir haben schon eine große Menge Abfall angesammelt, die es sicher endzulagern gilt.

TR: Sie haben vorhin erwähnt, dass das Problem der chemischen Abfälle sehr viel größer sei als das der radioaktiven Abfälle. Wie begründen Sie diese Einschätzung?

Mengel: Zwei Stichworte: Zunächst ist deren Volumen um mindestens drei Zehnerpotenzen größer. Zum anderen haben chemotoxische Abfälle – wenn wir von vielen organischen Abfällen mal absehen – die uncharmante Eigenschaft, eben nicht zu zerfallen. Während wir davon ausgehen, dass hochradioaktive Abfälle nach etwa einer Million Jahren ein Aktivitätsniveau erreicht haben, von dem keine unmittelbare Gefahr mehr ausgeht, zersetzen sich chemotoxische Abfälle eben nicht, sie bleiben giftig – für alle Zeiten.

TR: Letze Frage: Gerade im Zusammenhang mit Endlagerforschung gibt es immer wieder Streit um die Objektivität dieser Forschung. Und natürlich gibt es auch immer wieder den Versuch, auf die Ergebnisse politischen Einfluss zu nehmen. Wie können Sie sicherstellen, dass das an Ihrem Institut nicht passiert?

Mengel: Das können wir ganz einfach steuern. Wir können uns die Geldgeber, die uns unsere Projekte finanzieren, aussuchen. Wir haben in den letzten Jahren relativ umfangreiche Forschungsprojekte vom Bundeswirtschaftsministerium bekommen, sowohl unter der rot-grünen Regierung als auch unter der jetzigen.

So ist unsere Forschung völlig unabhängig von dem, was in Berlin gerade politisch passiert. Wenn uns jemand ein unanständiges Angebot machen sollte, würden wir das natürlich niemals annehmen, weil wir damit unsere Freiheit der Forschung und Lehre aufgeben würden. (bsc)