Blick unter die HĂĽllen der Venus
Seite 3: Blick unter die HĂĽllen der Venus
Für einen Umlauf wird Venus Express genau 24 Stunden benötigen, was die Abstimmung mit der Bodenkontrolle vereinfacht. Sobald die Techniker die Instrumente für betriebsbereit erklärt haben, können die eigentlichen wissenschaftlichen Beobachtungen beginnen, voraussichtlich Anfang Juni nächsten Jahres. Dann werden Helbert und seine Kollegen endlich erfahren, wie die Quetzalpetlatl Corona im Infrarotlicht aussieht und was sich daraus über die Entwicklungsgeschichte der Venus lernen lässt. "Vielleicht gelingt es uns sogar, erstmals aktiven Vulkanismus auf der Venus zu beobachten", hofft Helbert. Venus Express ist nicht die erste Venus-Sonde, die man aus übrig gebliebenen Teilen anderer Raumgefährte zusammengebastelt hat.
Die erfolgreiche US-Sonde Magellan entstand auf ähnliche Weise aus Ersatzteilen von Sonden wie Voyager und Galileo, nachdem eine kostspielige Venus-Mission namens "Voir" Anfang der achtziger Jahre von der US-Regierung unter Präsident Reagan gestoppt worden war. Von August 1990 bis Oktober 1994 umkreiste sie den Planeten und erstellte mit Hilfe von Radar die bis heute genauesten Karten. Sie erfassen 97 Prozent der Oberfläche.
Die Magellan-Daten zeigen eine von vulkanischen Prozessen geprägte Landschaft. Auffällig ist das ausgeglichene Höhenprofil: Nur etwa fünf Prozent der Oberfläche liegen mehr als zwei Kilometer über der Durchschnittshöhe. Mehr als 90 Prozent sind sanft gewellte Ebenen. Einige Landschaftsformationen sind einzigartig für die Venus. Dazu zählen Coronae wie Quetzalpetlatl, konzentrische Ringe aus Hügelketten und Gräben, die um ein flaches Becken angeordnet sind. Sie werden zumeist als Einbruchkrater interpretiert, die sich bildeten, als von unten aufsteigendes Magma den Boden anhob, sich dann aber verteilte, bevor es ihn ganz durchbrechen konnte.
Auf der Erde hat die vergleichsweise dicke Kruste eine Entstehung ähnlicher Strukturen verhindert, vermuten Experten. Ebenfalls charakteristisch für die Venus sind die "Tesserae", benannt nach dem russischen Wort für Dachziegel: unebene, zerklüftete Gebiete, die etwa zehn Prozent der Oberfläche bedecken, zumeist in höher gelegenen Regionen. Sie deuten auf eine lange Abfolge tektonischer Deformierungen hin. Trotz der Vielfalt ihrer vulkanischen Strukturen konnte auf der Venus jedoch bislang keine vulkanische Aktivität beobach- tet werden. Möglicherweise ist das nur Zufall, und die bisherigen Raumsonden waren immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Vieles deutet aber darauf hin, dass der Vulkanismus auf der Venus einem anderen Rhythmus folgt als auf der Erde.
"Während auf der Erde die innere Hitze kontinuierlich durch Vulkane nach außen abgeführt wird, scheint das auf der Venus in größeren zeitlichen Abständen in Form katastrophaler globaler Eruptionen zu geschehen", sagt Helbert. Die gleichmäßige Verteilung von Einschlagkratern lässt jedenfalls darauf schließen, dass die Venus-Oberfläche überall gleich alt ist. Demnach müsste sich die letzte katastrophale vulkanische Umformung vor etwa 500 Millionen Jahren ereignet haben. Die Auswirkungen eines solchen Ereignisses hat Sean Solomon von der Carnegie Institution in Washington gemeinsam mit zwei Kollegen in einer Modellrechnung abgeschätzt. Dagegen wirken die auf der Erde drohenden Klimaveränderungen geradezu harmlos: Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa 200 Millionen Kubikkilometer Lava ausgestoßen wurden, was einer den gesamten Planeten bedeckenden, 500 Meter dicken Schicht entspricht. Die dadurch freigesetzten Mengen an Wasser und Schwefeldioxid intensivierten den Treibhauseffekt der Atmosphäre und bewirkten über die nächsten 100 bis 200 Millionen Jahre einen Anstieg der Oberflächentemperatur um ungefähr 60 Grad, gefolgt von einer relativ raschen Abkühlung um 100 Grad aufgrund der Ausdünnung der Wolken 250 Millionen Jahre später. Die Abkühlung setzte sich nach und nach ins Innere fort und führte dazu, dass der Boden sich zusammenzog - und die von Furchen durchzogenen Ebenen herausbildete, die heute zu sehen sind.