Debian GNU/Linux 4.0: Erster Test
Debian Etch bringt neben dem grafischen Installer noch viele weitere Neuerungen wie den Umstieg auf Udev und Unicode. Außerdem wurde die Software auf den aktuellen Stand gebracht.
Mehrere kritische Bugs verhinderten im Dezember das pünktliche Erscheinen von Debian 4.0, doch im Gegensatz zur Vorversion Sarge mussten die Anwender diesmal nur vier Monate auf das neue Debian warten, das von Alpha über Intel x86 bis Sparc insgesamt 11 Architekturen unterstützt. Dank dieser neuen Pünktlichkeit muss sich die Distribution nicht mehr den Vorwurf gefallen lassen, schon beim Erscheinen nur veraltete Software mitzubringen. Mit Kernel 2.6.18 (aktuell 2.6.20), KDE 3.5.5 (aktuell 3.5.6) und Gnome 2.14 (aktuell 2.18 [1]) enthält Debian Etch annähernd aktuelle Software. Die Tabelle listet die Versionen weiterer Pakete auf, von denen einige zusätzlich noch in älteren Versionen installierbar sind. So haben Anwender beispielsweise die Wahl zwischen PHP 5.2.0 und 4.4.4.
| Debian 4.0 (Etch): Programmversionen | |
|---|---|
| Kernel | 2.6.18 |
| Xen | 3.0.3 |
| glibc | 2.3.6 |
| gcc | 4.1.1 |
| Xorg | 7.1 |
| Gnome | 2.14 |
| KDE | 3.5.5 |
| Compiz | 0.2.2 |
| OpenOffice | 2.0.4 |
| Evolution | 2.6.3 |
| Iceweasel (Firefox) | 2.0.0.3 |
| Samba | 3.0.24 |
| Apache | 2.2 |
| Postgres | 8.1 |
| Perl | 5.8.8 |
| Python | 2.4.4 |
| PHP | 5.2.0 |
Einen weiteren Vorwurf, Debian sei schon wegen der kryptischen Installation nicht einsteigerfreundlich, entkräftet der neue grafische Installer, den allerdings nur diejenigen zu sehen bekommen, die das System mit der Option installgui booten. In wenigen Schritten erfragt das Programm alle Informationen, die nötig sind, um das System einzurichten. Besonders angenehm fällt auf, dass der Installer eine geführte Partitionierung anbietet und in der Lage ist, Windows-Partitionen mit dem Dateisystem NTFS zu verkleinern. Im Rahmen der geführten Partitionierung lässt sich Debian auch auf einem LVM-Volume und einer verschlüsselten Partition installieren. Bereits vorhandene andere Linux-Distributionen erkennt der Installer und trägt sie automatisch ins Grub-Bootmenü ein. Nach dem Reboot am Ende der Installation startet Debian mit dem Gnome-Desktop.
Erfahrene Linux-Nutzer, die mehr Einfluss auf den Verlauf der Installation nehmen wollen, können mit den Optionen expert oder expertgui booten. Dann ist es beispielsweise möglich, Debian so zu konfigurieren, dass das Root-Konto deaktiviert ist und der erste eingerichtete Benutzer mit dem Programm sudo und seinem eigenen Passwort die zur Administration nötigen Rechte erlangt.
Mit Bootparametern lassen sich noch weitere Optionen auswählen:
installgui tasks="kde-desktop,standard"
spielt beispielsweise statt Gnome den KDE-Desktop ein. Andere Optionen schalten Teile der Hardware-Erkennung ab oder gestalten die Installation für sehbehinderte Benutzer durch eine kontrastreiche Anzeige einfacher ("installgui theme=dark").
Debian GNU/Linux 4.0: Erster Test
Eine Standardinstallation enthält die wichtigsten Desktop-Programme: OpenOffice kümmert sich um den Schreibkram, Evolution kommt als PIM- und Mail-Programm und Epiphany als Browser zum Einsatz. Für den Ausflug ins Web befindet sich auch der wegen eines Streits über die Verbreitungsbedingungen [2] in Iceweasel umbenannte Firefox auf der Festplatte. Nur der symbolische Link /usr/bin/firefox erinnert noch an den ursprünglichen Namen. Debian 4.0 arbeitet mit der Zeichensatzkodierung UTF-8 und hat darauf geachtet, dass die mitgelieferten Pakete damit umgehen können. So bringt die Distribution beispielsweise die Bibliothek slang in einer um UTF-8-Support erweiterten Version mit. Benutzer, die eine ältere Debian-Version aktualisieren, sollten eigentlich das Paket utf8-migration-tool zum Konvertieren ihrer Textdateien nutzen können, doch die Software schaffte es nicht in die stabile Version und ist nur im Unstable-Zweig zu finden. Die Entwickler raten dazu, vor dem Einsatz des Tools ein Backup aller Dateien zu erstellen.
Mit dem Umstieg von XFree auf Xorg kann man nun auch unter Debian einen 3D-Desktop mit dem Fenstermanager Compiz betreiben. Diesen spielt die Distribution nicht automatisch ein, was jedoch über eines der apt-Frontends aptitude oder synaptic schnell erledigt ist.
In der neuen Version gehören die wichtigsten Entwicklerpakete wie gcc, libc6-dev und die Kernel-Header nicht mehr zum Umfang der Standardinstallation, lassen sich jedoch über das Metapaket build-essential in einem Rutsch nachrüsten. Dafür findet sich nach der Lizenzänderung durch Sun [3] Java im Non-free-Zweig von Debian. Erstmals gehört in Version 4.0 die freie .Net-Implementierung Mono zu Debian, so dass einige Mono-basierte Programme wie der Bildbetrachter F-Spot und die Desktop-Suche Beagle die Programmauswahl vergrößern.
Auch unter der Haube hat sich bei Debian einiges getan: Die größte Umstellung ist die von devfs auf udev, eine Userspace-Implementation von devfs. udev kümmert sich nicht nur um die Geräteverwaltung, sondern zusammen mit dem Kernel auch um die Hardwareerkennung und das Laden der benötigten Module.
Das Paketmanagement kann nun mit Secure-Apt die Integrität signierter Pakete überprüfen. Mit dem Tool apt-key ist es möglich, den Apt-Schlüsselring mit weiteren vertrauenswürdigen Schlüsseln zu bestücken oder welche zu entfernen. Ein weiteres, jedoch standardmäßig deaktiviertes Sicherheitsfeature ist die Kernelerweiterung SELinux.
Für die Virtualisierung mit Xen [4]und Linux-VServer [5] bringt Etch eigene Kernel-Varianten mit, die man parallel zum Standard-Kernel einspielen kann.
Debian 4.0 entspricht der Linux Standard Base (LSB [6]) 3.1, wozu es nötig war, die Dokumentation von /usr/doc nach /usr/share/doc zu verschieben. Wechseldatenträger wie CDs und Disketten hängt Debian Etch in den Verzeichnissen unterhalb von /media ein.
Debian 4.0 überzeugt mit annähernd aktueller Software und punktet wie eh und je mit seiner umfangreichen Paketauswahl. Der grafische Installer, der im Standardmodus nur wenig Interaktion vom Benutzer fordert, dürfte dazu beitragen, Debian auch für Linux-Einsteiger attraktiver zu machen. (amu [7]) (amu [8])
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[1] http://www.heise.de/open/news/meldung/86758
[2] https://www.heise.de/hintergrund/Debian-vs-Mozilla-oder-Namen-sind-Schall-und-Rauch-221989.html
[3] http://www.heise.de/open/news/meldung/80916
[4] http://www.xensource.com/
[5] http://linux-vserver.org/
[6] http://www.linux-foundation.org/en/LSB
[7] mailto:amu@heiseopen.de
[8] mailto:amu@ct.de
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