MIT Technology Review 1/2019
S. 10
Aktuell

Auferstehung der Ausgestopften

Die kalifornische Organisation Revive & Restore möchte die Wandertaube zum Leben erwecken – aus ökologischen Gründen. Ihr Erbgut haben sie bereits rekonstruieren können.

Illustration: Bridgeman Images

Ben Novak hat eine recht klare Vorstellung, wie das mit den Wandertauben so war, als die Vögel noch die Welt bevölkerten: Gewaltige Schwärme von über einer Milliarde Tieren verdunkelten über Tage den Himmel. Ihr Kot regnete in dunklen Klecksen herab. In engen Sozialverbänden zogen die Tauben von Wald zu Wald. „Die Äste der Bäume, die sie dicht an dicht besetzten, brachen massenhaft ab, während die Vögel das Futter abräumten. Sie hinterließen so viel Kot auf dem Boden, dass der Unterbewuchs starb“, erzählt der Biologe von der gemeinnützigen, spendenfinanzierten Organisation Revive & Restore. „Was die Tauben anrichteten, war einem Sturm oder einem Feuer vergleichbar.“ Bis das letzte Exemplar 1914 in einem Zoo in den USA einsam verendete.

Warum also sollen sie nun wieder auferstehen? „Genauso wie Stürme und Feuer sind auch die Wandertauben gut für den Wald“, ist Novak überzeugt. „Er erneuert sich von Grund auf. Arten, die überhandgenommen hatten, werden dezimiert. Seltene Spezies haben wieder Raum.“

Tatsächlich hilft Zerstörung mitunter, Ökosysteme im Gleichgewicht zu halten. Naturschützer fällen Birken in Mooren, entfernen Gehölz aus Schilf. In Australien praktizieren Feuerwehreinheiten das kontrollierte Abbrennen von Gestrüpp und Unterholz auf weiträumigen Flächen. Die Tabula rasa tariert das Gleichgewicht unter den Arten aus.

Nun also soll die Wandertaube ihren Teil beitragen. Um sie und ihren „unschätzbaren ökologischen Wert“, wie Novak es nennt, wieder zum Leben zu erwecken, fand er in Museen genügend ausgestopfte und konservierte Exemplare. Aus der Haut zwischen den Krallen von vier Vögeln gewann sein Team bruchstückhafte DNA-Stränge.

Dann machten sich die Forscher daran, den gesamten genetischen Code zu rekonstruieren – eine ziemliche Herausforderung. Doch 2015 konnten sie der Fachwelt die Früchte ihrer Arbeit präsentieren. „Durch einen Vergleich der vier Genome und mit dem der verwandten, noch lebenden Schuppenhalstaube haben wir den Code derzeit zu 85 Prozent entschlüsselt“, sagt Novak. Die übrigen 15 Prozent werde man nicht brauchen, da sie keine wesentlichen Erbinformationen enthielten.

Nun wartet die nächste Herausforderung: Sein Team müsste aus dem genetischen Code ein Erbgutmolekül mit knapp einer Million Buchstaben künstlich herstellen. Selbst modernste DNA-Synthesemaschinen schaffen diese Dimension allerdings nicht. Der Rekord liegt derzeit bei 770000 Buchstaben.

Deshalb setzt die Wiederbelebungsforschung auf eine andere Methode: Sie nimmt das Erbmaterial eines lebenden Verwandten als Träger. Mit der Crispr-Genschere schneiden sie einzelne Abschnitte zielgenau heraus, um Erbgutmaterial des ausgestorbenen Tiers in die Leerstellen einzufügen. So baute die Gruppe um den Genetiker George Church von der Harvard Medical School das Erbgut des Asiatischen Elefanten um. Das Team fügte 44 Genabschnitte vom Mammut ein.

Genauso möchten Novak und seine Kollegen verschiedene Erbmerkmale der Wandertaube in das Genom der Schuppenhalstaube einfügen. „Wir konzentrieren uns auf vier wichtige Merkmale: Eines sorgt dafür, dass die Vögel in engen Verbänden lebten. Ein weiteres, dass Männchen eine andere Gefiederfarbe haben als Weibchen. Außerdem nehmen wir das Erbmerkmal für das prächtige Schwanzgefieder, das ansonsten untypisch bei Tauben ist. Und schließlich als viertes Merkmal jenes für das rasche Wachstum der Tiere“, sagt Novak. Das Ergebnis ist dann allerdings keine echte Wandertaube, genauso wie Churchs Versuche nicht zu einem echten Mammut führen. Es handelt sich am Ende immer um Mischwesen, sogenannte Hybriden.

Hätte man erst einmal das Schuppenhalstaubengenom mit dem nötigen Schuss Wandertaube, könnte man sich ans Wiederbeleben machen. Der erste Schritt dorthin wäre, normale Körperzellen der Schuppenhalstaube genetisch zu verändern. Dann würde man den Zellkern mit dem Erbmaterial entnehmen – und in befruchtete Keimzellen injizieren. Damit entsteht ein Embryo, der genetisch der Wandertaube ähnelt. Ihn kann man dann zurück in ein Schuppenhalstauben-Weibchen bugsieren, das nun hoffentlich bald das zugehörige Ei legt. „Die nötigen Verfahren der künstlichen Reproduktion müssen wir für die Schuppenhalstaube erst noch entwickeln“, gesteht Novak. „Das wird fünfzehn Jahre dauern.“ Derzeit steht Novak bei Schritt eins: Er sucht nach einem Weg, die Vogelzellen so im Labor zu kultivieren, dass überhaupt genetische Veränderungen möglich sind.

Erreichbar ist sein Ziel aber durchaus. Seit wenigen Jahren kann man immerhin Hühnerembryos genetisch modifizieren. Die Reproduktionsmedizinerin Katarina Jewgenow vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin will daher „auf gar keinen Fall ausschließen, dass es mit den rasanten Fortschritten der Gentechnik möglich ist, einzelne ausgestorbene Arten wiederzubeleben“.

Sie hält allerdings wenig von der Rolle rückwärts in der Evolution. Um interessante Merkmale ausgestorbener Arten zu studieren, genüge es schon, Genabschnitte in Mikroben einzufügen. Dafür brauche es nicht das Revival der Verschwundenen. Geht es um Biodiversität, sollten die Forschungsgelder lieber in die Erhaltung bedrohter Spezies fließen. Befürworter wie George Church verstehen es hingegen als Wiedergutmachung an der Natur, als ethische Pflicht, genauso selbstverständlich, wie man Berlin nach der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs wiederaufgebaut hat.

Dass die Wandertaube sich wie früher massiv ausbreiten und die Wälder kahl fressen wird, glaubt kein Experte. Denn es gab schließlich einen Grund, weshalb sie dort nicht überlebt hat: Der Mensch hat ihr den Lebensraum genommen. Die eigentliche Herausforderung derartiger Projekte ist daher nicht die Wiederauferstehung der Tiere – sondern ihres Lebensraums. Wenn die Wiederansiedlung der Wandertaube also tatsächlich glücken sollte, wird man froh sein, wenn sich der Bestand von selbst hält. SUSANNE DONNER

Interview

Organismen für den Weltraum

Dirk Wagner (55) leitet die Abteilung Geomikrobiologie im neu entstehenden Helmholtz-Labor GeoBioLab in Potsdam. Der Forschungsschwerpunkt liegt auf tief unter der Erde lebenden Bakterien und ihrem Einfluss auf das Leben auf der Oberfläche. Foto: Karla Fritze/Universität Potsdam

TR: Was sind Tiefenbakterien, und welchen Einfluss haben sie auf das Leben an der Erdoberfläche?

WAGNER: Man weiß erst seit gut 20 Jahren, dass auch die tieferen Schichten der Erdkruste unterhalb der obersten zwei Meter von Bakterien und Archaeen besiedelt sind. Diese tiefe Biosphäre ist das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde und umfasst den ganzen Globus. Ihr Stoffumsatz ist signifikant. Deshalb nehmen wir an, dass es eine Verbindung zwischen den Stoffwechselkreisläufen in der Tiefe und jenen an der Erdoberfläche gibt.

Wie beeinflussen die Tiefenbakterien denn das Klima?

Meine Gruppe untersucht unter anderem Bakterien in Permafrostböden, die stark im Fokus der Klimadiskussion stehen. Eine Hauptfrage dabei ist: Was passiert mit dem organischen Kohlenstoff – jenem in den Permafrost-Ablagerungen gespeicherten, abgestorbenen Pflanzenmaterial –, wenn diese Sedimente im Zuge der Klimaerwärmung auftauen. Wir untersuchen auch, welche Mikroorganismen im submarinen Permafrost, der in den flachen Schelfmeeren vor Sibirien vorkommt, an den Stoffumsetzungen beteiligt sind.

Welche Probleme kommen auf uns zu?

Durch Mikroorganismen wird in Permafrostgebieten Methan gebildet und freigesetzt. Das ist ein großes Problem für die Zukunft: Wenn es wärmer wird, taut immer mehr Permafrost auf, damit werden mehr organische Substanzen zu Methan umgesetzt. Das muss man aber in Relation zu anderen Prozessen sehen, die eine Senke für Methan bilden, indem sie dieses Methan zu CO2 umwandeln.

Also gibt es auch einen positiven Effekt?

Das Methan, das beim Auftauen des submarinen Permafrosts gebildet wird, wird durch ein Bakterien-Konsortium unter Ausschluss von Sauerstoff oxidiert und zu CO2 und anderen Verbindungen wie Schwefelverbindungen oder Stickstoffgas umgesetzt. Da Methan ein sehr starkes Klimagas ist, haben wir hier also einen biologischen Filter, der die Freisetzung von Methan vermindert.

Wie überleben die Bakterien in der Tiefe?

Sie sind sehr anpassungsfähig. In der Tiefe ist die steigende Temperatur der limitierende Faktor. Die Organismen, die wir kennen, halten maximal 113 Grad aus. Man findet diese speziellen Mikroben-Gemeinschaften oft in sogenannten Hotspots wie tektonischen Störungszonen, wo Flüssigkeiten und Gase wie CO2, Wasserstoff oder Methan nach oben steigen und Nährstoffe transportieren.

Während des kurzen Sommers erwacht die sibirische Tundra zum Leben. Doch unter dem Wasser bleibt der Boden gefroren. Foto: Bernhard Edmaier/ Science Photo Library

Was sind Ihre weiteren Forschungsgebiete?

Wir interessieren uns ebenfalls dafür, wie Bakterien nach Extremereignissen als Pionier-Organismen fungieren und zur Entwicklung der Habitate beitragen. Durch Bergstürze wird die ursprüngliche Oberfläche inklusive des vorhandenen Pflanzenbewuchses zum Beispiel komplett zerstört und mit Geröllmaterial bedeckt. Für die weitere Entwicklung spielen Mikroorganismen eine entscheidende Rolle, weil sie in der Lage sind, Stickstoff und CO2 aus der Atmosphäre zu binden, um damit Biomasse zu produzieren. Sie spielen auch bei der Verwitterung eine Rolle, bei der Nährstoffe freigesetzt werden, die dann für die nächsthöhere Stufe von Leben die Lebensgrundlage schaffen.

Welche weltraumbiologische Bedeutung hat Ihre Arbeit?

Wir haben einen neuen methanbildenden Mikroorganismus aus dem sibirischen Permafrost isoliert – Methanosarcina soligelidi. Er ist sehr resistent und auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aktiv. Er übersteht Gefriertau-Prozesse und Langzeit-Austrocknung, also Hungerzeiten. Und er ist extrem resistent gegenüber UV-Strahlen und radioaktiver Strahlung. Bei einer Marssimulation mit den Kollegen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt überlebten die Stämme tägliche Temperaturschwankungen zwischen minus 70 und plus 20 Grad. Andere methanogene Archaeen, die nicht aus Permafrosthabitaten stammen, haben das nicht überstanden.

Sie testen also Mikroben auf ihre Weltraumtauglichkeit?

Wir waren ausgewählt, um auf der Internationalen Raumstation ISS ein Experiment durchzuführen. Da ging es darum, wie sich diese Organismen auf mars-analogen Mineralien unter einer Marsatmosphäre verhalten. Diese Proben analysieren wir allerdings noch. Das ist natürlich interessant, um zu verstehen, wie Leben in solchen extremen Habitaten überhaupt möglich ist und wo die Grenzen des Lebens letztendlich sind. INTERVIEW: VERONIKA SZENTPÉTERY-KESSLER