MIT Technology Review 6/2017
S. 12
Aktuell

Interview

Wenn der Astronaut mal muss

THATCHER CARDON arbeitet als Familien- und Flugarzt bei der US Air Force im texanischen Del Rio. Auf dem Bild zeigt er die Komponenten seines Astronautenklos. Screenshot: USAF Public Affairs

TR: Sie haben die „Space Poop Challenge“ der Nasa gewonnen. In dem Wettbewerb wurde nach Lösungen gesucht, wie Astronauten trotz längerer Aufenthalte im Raumanzug ihre Notdurft verrichten können. Wie funktioniert Ihr Entwurf?

Thatcher Cardon: Im Schritt meines Raumanzugs ist ein Ventil eingebaut, durch das verschiedene Hilfsmittel eingeführt werden können. Es gibt eine Vorrichtung für Männer und Frauen, um zu urinieren. Außerdem habe ich eine aufblasbare Bettpfanne mit Bidet entworfen. Ein Apparat an der Seite des Raumanzugs erzeugt den Unterdruck, um die Ausscheidungen abzusaugen und die Bettpfanne aufzublasen. Die Nasa ist aber vor allem an meinem Hygienestab interessiert. Das ist eine mit einem Reinigungstuch überzogene Röhre. Damit können die Astronauten sich anschließend wieder säubern. Das verschmutzte Tuch wird durch die Röhre wieder nach draußen gezogen, sodass nur sauberes Tuch in Kontakt mit der Haut kommt.

Wie verhindern Sie, dass Luft austritt, wenn die Geräte durch das Ventil geschoben werden?

Das Ventil und die Röhre für die Geräte stellen zwei Teile einer Luftschleuse dar. Sie schließen luftdicht ab, wenn sie ineinandergesteckt werden.

Wurde Ihr System bereits in der Schwerelosigkeit getestet?

Bisher gab es noch keine Tests, denn das System ist zunächst ein Entwurf. Es ist noch nicht funktionsfähig, sondern verdeutlicht das Funktionsprinzip.

Warum haben Sie sich entschlossen, an der „Space Poop Challenge“ teilzunehmen?

Ich wollte schon immer im Bereich der Medizintechnik arbeiten. Ich habe mich dann doch für Familienmedizin entschieden, weil ich dachte, Medizintechnik kann ich auch später noch machen. Dass die „Space Poop Challenge“ mein Ticket in das Feld ist, hätte ich aber nie gedacht.

Dass Astronauten in ihren Anzügen Windeln tragen müssen, ist seit fast einem halben Jahrhundert ein Problem. Wie haben Sie es geschafft, in nur fünf Wochen eine Alternative zu entwickeln?

Das weiß ich nicht genau. Aber die Nasa forscht auch erst seit ein paar Jahren ernsthaft an dem Thema. Das liegt vor allem daran, dass sich die Missionen verändern. Astronauten sind heute bedeutend länger im All als vor einigen Jahrzehnten. Im Fall eines Defekts der Station müssen sie bis zu sechs Tage im Raumanzug verbringen können – dafür reicht eine Windel einfach nicht. Und die künftigen Projekte der Nasa werden noch bedeutend länger dauern.

Wie werden Sie Ihr System weiterentwickeln?

Ich habe die Nasa besucht und mit den Entwicklern gesprochen. Sie haben einen Vertrag mit einer Firma geschlossen, die den Hygienestab zu einem funktionsfähigen Prototyp weiterentwickeln soll. MARCO LEHNER

NEUROLOGIE

Besser denken mit Strom

Eine elektrische Stimulation des Hirns kann das Kurzzeitgedächtnis verbessern. Das fanden Forscher des Imperial College in London heraus (DOI: 10. 7554/eLife.22001). Dazu brachten sie Elektroden an der Kopfhaut von 24 gesunden Testpersonen an. Wurden zwei Hirnregionen – der Gyrus frontalis am Frontallappen und das untere Parietalläppchen – synchron mit Pulsen von 1000 Mikroampere in einem Bereich von vier bis acht Hertz stimuliert, erkannten die Probanden kurze Zahlenfolgen schneller und fehlerfreier wieder als ohne Stimulation. Gleichzeitig ließ sich per funktioneller Magnetresonanztomografie eine erhöhte Hirnaktivität ablesen. Eine asynchrone Anregung verschlechterte hingegen das Erinnerungsvermögen der Versuchspersonen.

Ob das Verfahren auch Patienten mit Erinnerungsproblemen helfen kann, lässt sich bisher nicht absehen. Dazu wären weitere Messungen mit einer deutlich größeren Probandengruppe nötig. JAN OLIVER LÖFKEN