MIT Technology Review 6/2017
S. 62
TR Mondo

Botswana

Unsichtbare Zäune für Löwen und Rinder

Früher töteten Viehbesitzer die Löwen, um ihre Herden zu schützen. Jetzt tragen einige Tiere GPS-Sender, die warnen, wenn sich beide zu nahe kommen. So können die Löwen verscheucht werden. Foto: Barry Skinstad
Foto: Universität Siegen

Der Löwe Nduraghumbo ist wieder auf Tour. Sein Name bedeutet im Dialekt der Bewohner des Okavango-Deltas im nördlichen Botswana „Oberhaupt der Siedlung“. Doch im Gegensatz zu früher bleibt es diesmal nicht unbemerkt, wenn der Löwe sich einem Dorf nähert. Auf dem Handy von Andrew Stein leuchtet eine SMS auf: „Nduraghumbo bei Geo-Zaun 1, nähert sich Gunotsoga. Koordinaten 18°08'S – 24°34'E.“

Der amerikanische Biologe ist der Gründer von Claws Conservancy. Die Naturschutzorganisation versucht, den Konflikt zwischen Raubtieren und Menschen zu entschärfen. Ihr Löwenprojekt in Botswana begann 2014. „Ein Jahr zuvor hatten die Bewohner des Deltas Rache für ihr gerissenes Vieh genommen und Löwen erschossen, aber auch vergiftet“, berichtet Stein. Beinahe 60 Prozent der Tiere kamen damals ums Leben. Heute leben im Delta noch etwa 1200 Löwen.

Nduraghumbo verdankt Claws Conservancy wahrscheinlich sein Leben. Denn das Projekt versucht eine Beziehung zwischen Dorfbewohnern und Raubkatzen aufzubauen. „Wir lassen die Menschen den Löwen ortstypische Namen geben. Dann erzählen wir von ihrem Verhalten und ihren Schicksalen“, sagt Stein.

Noch wichtiger aber dürfte sein, dass die Organisation den Dorfbewohnern mitteilt, wenn Löwen in der Nähe sind. So ist Nduraghumbo eines von sechs Tieren, die Halsbänder mit GPS-Sendern tragen. Per Satellit wird alle zwei Stunden ihre Position ermittelt. So geben die Löwen Aufschluss über die Bewegungen ihrer fünf Gruppen.

Wenn die Löwen bestimmte Linien überqueren, verschickt das System Warnungen: „Wir haben zwei virtuelle Zäune errichtet. Geo-Zaun 1 beschreibt die Grenze zwischen kommunalem Weideland und touristisch genutzten Gebieten. Geo-Zaun 2 ist zwei Kilometer von den Dörfern entfernt“, sagt Stein. Wird der erste Zaun durchbrochen, erfolgt eine Mitteilung. Nähern sich die Löwen den Dörfern, greifen die Forscher ein. Sie versuchen, die Tiere zu vertreiben, und starten eine Telefonkette, um die Bewohner zu warnen.

Zusätzlich tragen die Leittiere der Rinderherden GPS-Sender. Denn sie grasen ohne Aufsicht. Auch bei ihnen können die Tierschützer sehen, ob sie einem Löwenrudel zu nahe kommen.

Seit Beginn des Projekts ist Stein zufolge kein einziger Löwe mehr vergiftet worden. „Dorfbewohner fragen uns, wann wir noch mehr Löwen mit GPS-Halsbändern ausstatten können. Andere Dörfer möchten ebenfalls am Projekt beteiligt werden“, erzählt Stein. Doch das System birgt auch Nachteile. „Es ist arbeitsintensiv“, räumt Stein ein. Die Telefonkette führe zu Verzögerungen, manchmal gebe es Sprachprobleme. Er hofft nun, die Schwierigkeiten mit einem automatisierten System beheben zu können.

Die Entwicklung ist bereits im Gange. Helmut Hauptmeier, Wirtschaftsinformatiker an der Universität Siegen, erfuhr durch einen Kollegen von dem Projekt. Bald war klar, dass die Siegener iSchool helfen könnte, eine spezielle Software zu entwickeln. Dazu kam ein Team ins Delta und sprach mit allen Beteiligten: „Es geht darum, die Nutzer mit einzubeziehen, aber auch ihren Alltag und ihre Vorstellungen von der Entwicklung der Region zu verstehen“, sagt Hauptmeier. Im Herbst soll das verbesserte Warnsystem im Einsatz sein.

ROMAN GOERGEN

Nigeria

Solarstrom kühlt Lagerhäuser

In den solarbetriebenen ColdHubs (o.) können die Bauern ihre Ernte (r.) lagern, um sie nach und nach auf dem Markt zu verkaufen. Foto: ColdHubs
Foto: ColdHubs

In den heißen Gegenden Afrikas verrottet fast die Hälfte der Obst- und Gemüseernte auf dem Weg zum Verbraucher, denn es gibt keine Kühlkette, die die Haltbarkeit verlängert. Entweder fehlt in ländlichen Regionen der Netzanschluss, oder es kommt häufig zu Stromausfällen. Dieses Problem fiel auch dem Nigerianer Nnaemeka C. Ikegwuonu auf, der als Radioreporter über das Leben der ortsansässigen Bauern berichtete. Mit den ColdHubs fand er eine ebenso einfache wie effiziente Lösung für das Problem: Dank einer Solarstromanlage können die Kühlhütten je zwei Tonnen Früchte bei einer Temperatur von fünf Grad lagern. Kalt genug, um die Haltbarkeit leicht verderblicher Ware von zwei Tagen auf drei Wochen zu verlängern. Fünf ColdHubs sind im Südosten Nigerias in der Region um die Stadt Owerri im Einsatz – genutzt von insgesamt mehr als 150 Bauern.

„Der Solarstrom reicht aus, um die ColdHubs bei jeder Witterung kühl zu halten“, sagt Ikegwuonu. Die Solarpaneele sind auf einem Schatten spendenden Dach über der etwa neun Quadratmeter großen und zwei Meter hohen Kühlhütte angebracht und erreichen 5,5 Kilowatt Leistung. Der Strom wird in Bleibatterien zwischengespeichert und treibt das integrierte Kühlaggregat rund um die Uhr an. Die Wände des Kühlhauses bestehen aus einer 15 Zentimeter dicken Isolierschicht, ummantelt von Edelstahlplatten. „Die Kombination ist technisch einfach, leicht zu warten und daher für diesen Einsatz besonders gut geeignet“, sagt Jörg Waschull vom Institut für Luft- und Kältetechnik in Dresden, an dem das System im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) konzipiert wurde.

Die Kosten für eine Kühlhütte beziffert Ikegwuonu auf 25000 US-Dollar. „Die wichtigsten Investoren waren die GIZ und das amerikanische Venture-Capital-Unternehmen Factor [e]“, berichtet der Nigerianer. 15 ColdHubs-Angestellte, bevorzugt Frauen, nehmen die genormten 30-Kilogramm-Körbe entgegen und händigen sie bei Bedarf wieder aus. Pro Tag und Korb fällt eine Gebühr von 100 Nigerianischen Naira an, das sind knapp 30 Eurocent. Mit dem Geld sollen der Betrieb, das Gehalt für die Angestellten und in Zukunft auch der Ausbau finanziert werden.

Bei den Bauern der Region kommen die Kühlhütten gut an. „Seit ich mein Gemüse in ColdHubs lagere, bin ich ein glücklicher Mann“, sagt Godwin Onwuliri. Wie andere Bauern auch kann er seine Ware nun über mehrere Tage auf einem Markt in der Nähe anbieten. Noch in diesem Jahr will Gründer Ikegwuonu weitere 20 ColdHubs in Nigeria aufstellen, wenn weitere Gelder von Investoren oder Entwicklungsorganisationen fließen „Und wir planen, nach Kenia und Simbabwe zu expandieren.“ Auch international erregte sein Projekt bereits viel Aufmerksamkeit. So ehrten ihn die Vereinten Nationen 2015 als einen von 14 Gründern, die helfen, die ehrgeizigen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 zu erreichen. Im März 2017 folgte der Start Up Energy Transition Award in Berlin.

JAN OLIVER LÖFKEN