MIT Technology Review 6/2017
S. 97
Fundamente
Rückschau

Langes Siechtum

An dieser Stelle blicken wir zurück auf Artikel, die vor fünf Jahren in Technology Review erschienen sind. Diesmal: Digital bezahlen

technology review 6/2012 Wer gewinnt das Rennen um die Zahlungsmittel der Zukunft?

Google, Ebay und andere Internetgrößen treiben das Bezahlen mit dem Handy voran“, schrieb TR 2012. „Dabei wetteifern sie mit Mobilfunk- und Finanzunternehmen um ein Milliardengeschäft mit Kundendaten und Transaktionsgebühren.“

Mittlerweile zeichnen sich Gewinner und Verlierer ab. Zu Letzteren gehören offenbar die Mobilfunkprovider. Ihr gemeinsames System mpass verschied 2016 nach langem Siechtum. Und auch die Telekom stellte ihr erst kurz zuvor eingeführtes Verfahren MyWallet wenig später ein.

Dabei sah 2012 noch alles danach aus, als könnten Smartphones endlich das Versprechen einlösen, die Geldbörse überflüssig zu machen. Kreditkarten mit NFC-Funkchips wurden gerade eingeführt, und mit ihnen verbreiteten sich auch die dazugehörigen Bezahlterminals. „Mit entsprechender App funktionieren Handys dann genauso wie eine NFC-fähige Kreditkarte“, so TR damals.

Doch wer etwa MyWallet nutzen wollte, brauchte eine spezielle SIM-Karte, ein Telekom-gebrandetes Android-Gerät, einen Telekom-Laufzeitvertrag sowie ausreichend Leidensfähigkeit für die umständliche Anmeldung. Das musste man wirklich wollen. Die Kunden wollten nicht.

Apple und Google sind bislang ebenfalls nur mäßig erfolgreich. Sie bieten ihre NFC-basierten Payment-Systeme in Deutschland gar nicht erst an. Auch Ansätze, die auf dem Abfotografieren eines QR-Codes beruhen, sind gescheitert. Weder Otto noch PayPal noch die Post kamen damit auf einen grünen Zweig. Kein Wunder: Laut EHI-Institut wird hierzulande immer noch mehr als die Hälfte des Einzelhandelsumsatzes mit Bargeld erzielt. Knapp 40 Prozent entfallen auf Girokarten, gut sechs Prozent auf Kreditkarten.

Es sieht also nicht danach aus, als könnten die Herausforderer den Banken die Butter vom Brot nehmen. Wenn es dem Bargeld wirklich an den Kragen gehen sollte, dann wohl am ehesten durch NFC-Karten. Praktisch alle Kreditkarten dürften mittlerweile einen Funkchip haben, mit dem man kleinere Beträge sekundenschnell begleichen kann – ohne PIN, ohne Unterschrift. Dazu kommt nun das neue Verfahren „Girocard kontaktlos“. Es erlaubt direktes Abbuchen von bis zu 25 Euro vom Girokonto. Neu ausgegebene Girocards werden sukzessive mit dieser Funktion versehen. 14 Millionen sind schon im Umlauf. Allerdings müssen die vorhandenen NFC-Terminals dafür aktualisiert werden. So lange hat das Bargeld noch eine Verschnaufpause. GREGOR HONSEL