Fast übernatürlich
Ein Physiker und ein Molekulargenetiker erklären Biologie auf eine völlig neue Weise.
Warum können Rotkehlchen Magnetfelder sehen – auch wenn die eigentlich viel zu schwach sein müssten, um einen Sinnesreiz auszulösen? Wie finden Clownfische den Weg zu ihrer Koralle? Und, vor allem immer wieder die wichtigste Frage: Was unterscheidet belebte von unbelebter Materie?
Auf diese und mehr Fragen präsentieren Jim Al-Khalili und Johnjoe McFadden, ein Theoretischer Physiker und ein Molekulargenetiker, eine überraschende Antwort: Es sind seltsame Effekte aus der Quantenmechanik, bei denen Teilchen „durch Wände gehen, zwei Dinge gleichzeitig tun und gespenstische Verbindungen aufrechterhalten“.
Dieses seltsame Verhalten von Teilchen in der Quantenwelt wird dabei von den Autoren erfrischend anschaulich erklärt. Die quantenmechanische Wellenfunktion eines Elektrons beispielsweise verhält sich wie ein Juwelendieb, „der gerade auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wurde“, schreiben Al-Khalili und McFadden. „Statt nun ein besseres Leben anzufangen, kehrt er zu seinen Gewohnheiten zurück und bricht überall in der Stadt in Häuser ein. Die Polizei kann zwar nicht sagen, wo er sich befindet. Aber sie kann Aussagen darüber treffen, mit welcher Wahrscheinlichkeit er Einbrüche begehen wird.“
Und auch das rätselhafte Zusammenbrechen dieser Wahrscheinlichkeitswelle bei einer Messung lässt sich so erklären: „Wie steht es nun, wenn die Polizei einen Tipp bekommt? Dann ist die Wahrscheinlichkeitsverteilung auf einen Schlag zusammengebrochen“, heißt es weiter. „Denn der Dieb befindet sich ganz sicher an einem Ort und definitiv nirgendwo sonst. Ähnlich ist es auch mit einem Elektron.“ Durch die Vielzahl an Beispielen und Metaphern wird die Erklärung zur Abenteuerreise – vom Schwanz einer Kaulquappe bis in das Innere eines Apfels.
Quantenphänomene zur Erklärung biologischer Vorgänge zu verwenden, ist von der Fachwelt lange abgelehnt worden. Denn eigentlich sind sie für die „warme, feuchte Welt des Lebens“ nicht robust genug. Und so diskutieren die Autoren an verschiedensten Beispielen, wie es sein kann, dass lebendige Zellen „mit einem Bein in der geisterhaften Quantenwelt“ verharren.
Erst in den letzten zehn Jahren mehren sich die Hinweise, dass Al-Khalili, McFadden und andere „Quantenbiologen“ auf der richtigen Spur sind. Das Buch ist deshalb nicht nur ein Erklärstück. Man kann hier live einer jungen Wissenschaft bei der Entstehung zusehen. Doch was fangen wir mit diesen Erkenntnissen an? Im letzten Kapitel skizzieren Al-Khalili und McFadden eine „Technologie des Lebendigen“ – eine synthetische Biologie, die vielleicht eines Tages einen alten Traum erfüllen könnte: aus unbelebter Materie belebte zu erschaffen. So spannend dieser Ausblick ist, so schade ist es, dass er ziemlich kurz geraten ist. WOLFGANG STIELER