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Zeichen beim EuropÀischen Patentamt stehen weiter auf Streik

Stefan Krempl

PrĂŒfer der MĂŒnchner Behörde wollen auch an diesem Dienstag eine Warnaktion durchfĂŒhren, um gegen eine drohende Überlastung und den strategischen Kurs des Managements zu demonstrieren.

PrĂŒfer des EuropĂ€ischen Patentamtes (EPA [1]) wollen am heutigen Dienstag erneut eine Warnaktion durchfĂŒhren, um gegen eine drohende Überlastung und den strategischen Kurs des Managements zu demonstrieren. Die Demonstration soll am Nachmittag vor dem Treffen der Budget- und Finanzkomitee der Einrichtung stattfinden. Hauptanlass fĂŒr die innerbetriebliche Auseinandersetzung sind die PlĂ€ne der EPA-Spitze zur EinfĂŒhrung eines neuen Beurteilungsverfahrens fĂŒr die Arbeit der PatentprĂŒfer. Diese befĂŒrchten, dass sie kĂŒnftig AntrĂ€ge auf gewerbliche Schutzrechte aus ZeitgrĂŒnden weniger genau unter die Lupe nehmen können.

Der Streik am vergangenen Dienstag [2] gilt in Gewerkschaftskreisen des EPA als voller Erfolg. Die wichtigsten MĂŒnchner BĂŒrogebĂ€ude der Behörde seien gleichsam ohne PrĂŒfer dagestanden, heißt es in einer Mitarbeiter-Rundmail. Trotz des "klaren Signals" gebe es aber Zweifel, ob die kontroversen PlĂ€ne von der Tagesordnung fĂŒr das Treffen der Budget- und Finanzkomitee heruntergenommen worden seien. Sollte es keinen Fortschritt geben, wollen Gewerkschaftler den Mitarbeitern mehrere weitere Streiktage vorschlagen. Die Belegschaft soll darĂŒber abstimmen, ob diese dann tatsĂ€chlich auch abgehalten werden.

Die HintergrĂŒnde fĂŒr den Unmut liegen in einer zunehmenden Arbeitsbelastung der PrĂŒfer durch die wachsende Zahl von Patentanmeldungen und den zunehmenden RĂŒckstau an AntrĂ€gen, die zunĂ€chst auf die lange Bank geschoben werden mĂŒssen. In den vergangenen zehn Jahren kletterten die Anmeldungen jeweils pro Jahr um acht Prozent in die Höhe. Gleichzeitig rechnet das EPA-Management seit 1998 mit einem Wachstum der ProduktivitĂ€tsrate bei den PrĂŒfern um jĂ€hrlich ein Prozent. Dabei erhöht sich mit der Patentierfreudigkeit gleichzeitig stĂ€ndig auch das Opus an bereits getĂ€tigten oder geschĂŒtzten Erfindungen, die es bei einer Begutachtung von AntrĂ€gen zu berĂŒcksichtigen gilt. Trotzdem sollen die KontrolltĂ€tigkeiten der PrĂŒfer gemĂ€ĂŸ dem Vorhaben des Managements auf noch mehr Effizienz getrimmt werden.

Die Misere der Behörde ist nach Ansicht von Kritikern dabei teilweise hausgemacht: Mit ihrer weit gehenden, auch Softwarepatente berĂŒcksichtigenden Vergabepraxis [3] lockt sie immer weitere Patentanmeldungen an, die hĂ€ufig triviale "Erfindungen" mit Hilfe findiger AnwĂ€lte schĂŒtzenswert erscheinen lassen wollen. Dazu drĂ€ngt das EPA-Management auf eine verstĂ€rkt "kundenorientierte" Einstellung aller Mitarbeiter, die Patente wie Produkte "verkaufen" sollen. Dass das Patentwesen ursprĂŒnglich der Gesellschaft als Ganzer dienen und Innovationen fördern sollte, gerĂ€t dabei in den Hintergrund.

ZusĂ€tzlich in die Bredouille gerĂ€t das EuropĂ€ische Patentamt gegenwĂ€rtig durch das Ansinnen von Regierungen innerhalb der EuropĂ€ischen Patentorganisation, ZustĂ€ndigkeiten fĂŒr die Erteilung gewerblicher Schutzrechte wieder verstĂ€rkt an die nationalen PatentĂ€mter zurĂŒckzuverlagern [4]. In der EU fehlt der Behörde nach wie vor eine eigenstĂ€ndige rechtliche Verankerung, sodass es auch zu Reibereien mit den PlĂ€nen der EU-Kommission zur Neuausrichtung des Patentsystems [5] kommt. Ein Gegensteuern zur "Überhitzung" des Patentwesens, die von Forschern seit lĂ€ngerem konstatiert wird, ist auf politischer Ebene momentan angesichts des Profitfaktors der gewerblichen Schutzrechte selten zu verspĂŒren.

Die PrĂŒfer des US-Patentamts plagen sich derweil mit teilweise Ă€hnlichen Problemen herum. So hat auch die FĂŒhrung dieser Behörde einen neuen Plan fĂŒr ihre LeistungseinschĂ€tzung vorgelegt, der nach Ansicht der Patent Office Professional Association (POPA [6]) seinerseits den Arbeitsdruck erhöhen wĂŒrde. Demnach soll eine Durchschnittssumme an "Produktionseinheiten" festgesetzt werden, die ein PrĂŒfer jĂ€hrlich durchschleusen muss. Eine ErklĂ€rung fĂŒr die Berechnung der zu prĂŒfenden AntrĂ€ge vermisst die POPA dabei noch.

Zu den Auseinandersetzungen um Softwarepatente unter anderem in Europa und um die die EU-Richtlinie zur Patentierbarkeit "computer-implementierter Erfindungen" siehe den Artikel auf c't aktuell (mit Linkliste zu den wichtigsten Artikeln aus der Berichterstattung auf heise online und zu den aktuellen Meldungen):

(Stefan Krempl) / (jk [8])


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https://www.heise.de/-124929

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.european-patent-office.org/index.de.php
[2] https://www.heise.de/news/Streik-beim-Europaeischen-Patentamt-123366.html
[3] https://www.heise.de/news/Softwarepatente-und-das-Gleichgewicht-des-Schreckens-111069.html
[4] https://www.heise.de/news/Wirbel-um-Zukunft-des-Europaeischen-Patentamtes-119354.html
[5] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-verlaengert-Konsultation-zur-Patentpolitik-115299.html
[6] http://www.popa.org/
[7] http://www.heise.de/ct/aktuell/meldung/61230
[8] mailto:jk@heise.de