Yahoo: In China ist das eben so
Der Internetanbieter Yahoo hat vor einem US-Gericht die Abweisung einer Klage chinesischer Dissidenten beantragt, die nach der Kooperation des Providers mit den chinesischen Behörden aufgeflogen waren und inhaftiert sind.
Zensur und Folter haben in der schönen neuen Web-2.0-Welt nichts verloren. Sie irritieren die Entrepreneure und stören die GeschĂ€fte im demokratischsten Medium aller Zeiten. Prozesse [1] wie der, den die Menschenrechtsorganisation [2] Human Rights USA im Namen chinesischer Dissidenten gegen den Internetriesen Yahoo anstrengte, können da nur stören. Vor einem US-Gericht muss sich der Konzern seit April wegen Beihilfe zur Verhaftung der Dissidenten Wang Xiaoning und Shi Tao verantworten. Mit einer schon von anderen FĂ€llen [3] bekannten Rechtfertigung hat das Unternehmen jetzt beantragt, die Klage abzuweisen: Yahoo mĂŒsse sich an chinesische Gesetze halten, das Ganze sei eine politische Angelegenheit und ein US-Gericht sei zudem nicht zustĂ€ndig.
Weil Wang auch gefoltert worden sein soll, reichte die Organisation Klage unter dem 1992 verabschiedeten Gesetz zum Schutz von Folteropfern ein, nach dem ein US-Gericht im Falle von Folter auch fĂŒr auĂerhalb der US-Jurisdiktion begangenes Unrecht zustĂ€ndig sein kann. Wang, der sich in einem Yahoo-Forum fĂŒr demokratische Reformen ausgesprochen [4] hatte, war 2003 verhaftet und zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Yahoo soll den staatlichen Behörden dabei ebenso mit Hinweisen zur IdentitĂ€t des Kritikers geholfen haben wie im Fall des 2005 verurteilten Journalisten Shi Tao [5], der sich der Klage Wangs inzwischen angeschlossen [6] hat.
Yahoo hat nun die Abweisung der Klage beantragt. Die chinesische Tochter, an der der kalifornische Konzern seit Ende 2005 direkt nur noch eine Minderheitsbeteiligung [7] hĂ€lt, habe sich an geltendes chinesisches Recht zu halten. Und an selbst auferlegte Verpflichtungen: Die Internetanbieter im Reich der Mitte hatten auf Wunsch des Staats 2002 eine freiwillige "Selbstdisziplinierung" unterschrieben, in der sie sich zur Kooperation mit den Behörden verpflichteten, sollten "Staatsgeheimnisse" betroffen sein. Auch Yahoo China gehörte der Anklage zufolge zu den Unterzeichnern. Die US-Mutter hatte im Fall Shi Tao eine Kooperation [8] mit den chinesischen Behörden nicht bestritten, doch habe sie keine Einzelheiten der VorwĂŒrfe gekannt und daher die Konsequenzen nicht absehen können. Diese Version wurde allerdings kĂŒrzlich nicht nur vom US-Kongress in Zweifel gezogen [9].
FĂŒr den Internetanbieter ist es völlig normal, dass man sich im Ausland an geltendes Recht hĂ€lt. Yahoo tut hier gerne so, als gehe es dabei um so etwas wie unterschiedliche Regeln zur Steuerpflicht in Frankreich oder GroĂbritannien. Menschenrechte in China sind fĂŒr Yahoo eine rein politische Frage, fĂŒr die weder das Unternehmen noch die US-Gerichte die Verantwortung ĂŒbernehmen können. "Im Kern geht es hier um den Zorn der KlĂ€ger ĂŒber die Gesetze und das Verhalten der chinesischen Regierung", erklĂ€rte eine Yahoo-Sprecherin gegenĂŒber der Los Angeles Times. "Die amerikanische Justiz ist nicht das richtige Forum, sich mit diesen politischen Bedenken zu beschĂ€ftigen".
Parallel zu der Klageabweisung hat Yahoo dem Bericht der Los Angeles Times zufolge Schutz nach dem kalifornischen Anti-SLAPP [10]-Gesetz (Strategic Lawsuits against Public Participation) beantragt. Das Gesetz wurde 1992 eingefĂŒhrt, unter anderem um Individuen vor strategischen Klagen von mĂ€chtigen Organisationen zu schĂŒtzen, die nur die UnterdrĂŒckung von unbequemen Meinungen zum Ziel haben. Es verhindert zum Beispiel, dass der KlĂ€ger auch ein aussichtsloses Verfahren mit prozesstaktischen Manövern in die LĂ€nge ziehen kann. "Es ist schon auĂergewöhnlich ironisch, dass sie den Schutz der freien MeinungsĂ€uĂerung heranziehen, um einen Prozess loszuwerden, in dem es um die EinschrĂ€nkung eben dieser Rechte von Yahoos eigenen Kunden geht", meint Morton Sklar, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Washingtoner Menschenrechtsbehörde.
FĂŒr Yahoo â wie auch fĂŒr Google und andere US-GroĂkonzerne â stellt das ChinageschĂ€ft ein Dilemma dar. Yahoos GeschĂ€ftsmodell setzt auf freien Informationsfluss, der im Falle Chinas offenbar nur in Richtung Regierung funktioniert. Doch niemand will den explodierenden Markt allein den Chinesen ĂŒberlassen, seien die politischen VerhĂ€ltnisse auch noch so wenig mit westlichen Prinzipien vereinbar. Yahoo ringt sich eine SympathieerklĂ€rung fĂŒr die armen Dissidenten ab und tut ansonsten so, als habe das Unternehmen damit nicht weiter zu tun. "Das ist eine Angelegenheit der Politik und der Diplomatie, nicht der Justiz", meint die Yahoo-Sprecherin. Vielleicht auch eine der Moral, aber das sagte sie nicht. (vbr [11])
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[1] https://www.heise.de/news/Chinesischer-Dissident-verklagt-Yahoo-169068.html
[2] http://www.humanrightsusa.org/
[3] https://www.heise.de/news/Amnesty-kritisiert-Microsoft-Google-und-Yahoo-143439.html
[4] https://www.heise.de/news/Menschenrechtler-erheben-neue-Vorwuerfe-gegen-Yahoo-120647.html
[5] https://www.heise.de/news/Reporter-ohne-Grenzen-Yahoo-hilft-chinesischen-Strafverfolgern-128507.html
[6] https://www.heise.de/news/Inhaftierter-chinesischer-Dissident-schliesst-sich-Klage-gegen-Yahoo-an-138046.html
[7] https://www.heise.de/news/Yahoo-kauft-Anteile-an-chinesischer-Internet-Firma-Update-122053.html
[8] https://www.heise.de/news/Yahoo-der-Mitwisserschaft-bei-Verfolgung-chinesischer-Dissidenten-beschuldigt-157434.html
[9] https://www.heise.de/news/US-Kongress-ueberprueft-Yahoo-Angaben-zu-China-wegen-Verdachts-der-Falschaussage-159733.html
[10] http://en.wikipedia.org/wiki/SLAPP
[11] mailto:vbr@heise.de
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