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Wirtschaft fordert "Null Toleranz" gegenĂŒber Produktpiraterie

Stefan Krempl

Unternehmer haben bei der Feier des zehnjĂ€hrigen Bestehens des Aktionskreises Deutsche Wirtschaft gegen FĂ€lschungen auf ein schĂ€rferes staatliches Vorgehen gegen SchnĂ€ppchenjĂ€ger etwa mit Bußgeldern gepocht.

Unternehmer haben sich bei der Feier des zehnjĂ€hrigen Bestehens des Aktionskreises Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM [1]) fĂŒr ein schĂ€rferes staatliches Vorgehen auch gegen die KĂ€ufer gefĂ€lschter Artikel stark gemacht. "Es muss klar sein, dass SchnĂ€ppchenjĂ€ger zumindest ein Bußgeld an der Grenze zu erwarten haben", forderte RĂŒdiger Stihl, Beiratsmitglied der Stihl Holding. Der vorsĂ€tzliche Kauf von FĂ€lschungen mĂŒsse zumindest als Ordnungswidrigkeit behandelt werden. Zugleich verwies Stiehl darauf, dass es in Frankreich und Italien sogar Strafvorschriften gegen derlei TĂ€tigkeiten gebe, und vergleichbare Regelungen auch hierzulande erwogen werden sollten.

Nach Meinung von Stihl mĂŒssten insbesondere die KĂ€ufer stĂ€rker belangt werden. Wer bei einer Louis-Vuitton-Tasche fĂŒr ein paar Euro zugreife, könne nicht als "ahnungsloses Opfer" bezeichnet werden. Generell mĂŒssten entsprechende AktivitĂ€ten "eindeutig gesellschaftlich geĂ€chtet" werden. Verbraucher, die gerne SchnĂ€ppchenkĂ€ufe machen, leisten laut dem Unternehmer "unbewusst Handlangerdienste fĂŒr kriminellen Netzwerke", die weltweit unterwegs sind und "heimtĂŒckisch" etwa gefĂ€lschte Medikamente vertreiben. "Die FĂ€lschungstechniken werden immer perfekter", rĂ€umte Stihl allerdings auch ein. Schon vor 25 Jahren seien erste Nachahmungen von Ersatzteilen bemerkt worden, vor zehn Jahren komplett gefĂ€lschte MotorsĂ€gen aus seinem Haus. HerkunftslĂ€nder seien ursprĂŒnglich Taiwan und Italien gewesen, inzwischen habe sich das Schwergewicht nach China verlagert.

Sony-Manager Roger Vercammen monierte ebenfalls die zunehmende FĂ€lschung kompletter Produkte wie zum Beispiel Digitalkameras. Seien anfangs Bestandteile wie Speicherkarten nachgeahmt worden, werde inzwischen durchschnittlich ein großer FĂ€lschungsfall von Artikeln des Elektronikherstellers pro Tag entdeckt. Dies reiche von verĂ€nderten Motoren fĂŒr MP3-Player bis zu gefĂ€lschten, ab und an auch explodierenden Akkus. Als Gegenmittel setze Sony vor allem auf die Information der regulĂ€ren HĂ€ndler sowie der Zollbehörden ĂŒber Nachbauten. Der AufklĂ€rung verpflichtet sieht Doris Möller vom APM auch die zeitgleich eröffnete und bis 12. Oktober laufende Ausstellung "Schöner Schein – dunkler Schatten" im Foyer des Hauses der deutschen Wirtschaft in Berlin, in der Imitate und Originale etwa von Turnschuhen, Luxusartikeln oder PapiertaschentĂŒchern zu bewundern sind.

Geht es nach Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hat die Politik prinzipiell bereits "probate Mittel" gegen die Produktpiraterie entwickelt. Auch international mangele es nicht an Normen, "sondern an der Durchsetzung". Die SPD-Politikerin verwies auf Probleme mit "MĂ€rkten an den tschechischen und polnischen Grenzen". In chinesischen Metropolen in Schanghai gebe es dagegen das "offene Angebot von Uhren oder FĂŒllern" nicht mehr, die Regierung mache hier offensichtlich inzwischen "andere Kontrollen". Hierzulande habe der Zoll in 2006 in ĂŒber 9000 FĂ€llen gefĂ€lschte Waren im Wert von etwa 1,2 Milliarden Euro beschlagnahmt.

Zypries erinnerte an umfangreiche Kooperationen mit der Wirtschaft. Sie hat erst vor zwei Wochen gemeinsam mit der Wirtschaft das Info-Portal "Original ist genial" gestartet [2]. GegenĂŒber Forderungen nach weiteren Gesetzen jenseits des umstrittenen Entwurfs [3] zur einfacheren zivilrechtlichen Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte zeigte sich Zypries skeptisch. "Die Nachweisbarkeit wird unglaublich schwierig", wenn allen, die mit gefĂ€lschten Waren ĂŒber die Straße laufen, ein Bußgeld oder gar eine schwerere Strafe aufzubrummen sei.

Als "grĂ¶ĂŸtes Verbrechen am öffentlichen Gesundheitswesen im 21. Jahrhundert" stempelte Merck-Manager Brian Healy Nachahmungen im Pharmasektor ab. Angefangen habe alles damit, dass sich Kunden bei Lifestyle-Drogen und -Medikamenten im Internet bedienten und so eine Verschreibungspflicht umgingen. Inzwischen seien ganze Lieferketten unterwandert, allein in Europa habe es dieses Jahr fĂŒnf große RĂŒckrufe von Medikamenten gegeben. In EntwicklungslĂ€ndern seien teilweise ein Viertel der Arzneimittel gegen Malaria oder Aids gefĂ€lscht. Viele organisierte Kriminelle hĂ€tten gemerkt, dass die Margen in diesem Feld besser und die StrafverfolgungsbemĂŒhungen niedriger seien als beim Handel mit Heroin oder Kokain. Die Parole mĂŒsse daher lauten: "Null Toleranz" gegenĂŒber Produktpiraten, da diese sonst ganze GeschĂ€ftszweige unter ihre Kontrolle brĂ€chten. (Stefan Krempl) / (anw [4])


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[1] http://www.markenpiraterie-apm.de/
[2] https://www.heise.de/news/Industrie-startet-Online-Portal-gegen-Markenpiraterie-179389.html
[3] https://www.heise.de/news/Experten-streiten-ueber-Durchsetzung-geistiger-Eigentumsrechte-142241.html
[4] mailto:anw@heise.de