Wer schreibt Wikipedia?
Nicht eine kleine Gruppe von aktiven Autoren steuert den meisten Inhalt bei, wie Wikipedia-GrĂŒnder Wales behauptet, sondern viele Gelegenheitsautoren.
Jim Wales, der GrĂŒnder der freien Online-EnzyklopĂ€die Wikipedia [1], hat sich gegen die Charakterisierung von Wikipedia als Produkt eines neuen "Online-Aktivismus" gewendet. Dies hatte der Computerwissenschaftler und Musiker Jaron Lanier kĂŒrzlich in einem Artikel [2] mit dem Titel Digitaler Maoismus [3] heftig kritisiert [4]. Wales betont immer wieder, dass die BeitrĂ€ge in Wikipedia von Individuen stammen; die Idee sei falsch, die EnzyklopĂ€die sei ein "emergentes PhĂ€nomen", ein Ergebnis der "Weisheit der Massen" oder einer "Schwarmintelligenz", da "Tausende von Nutzern jeweils nur ein ein bisschen Inhalt beitragen und daraus dann ein kohĂ€rentes Werk entstehen" wĂŒrde. In Wirklichkeit, meint Wales, stamme der GroĂteil der Wikipedia-Artikel von einer kleinen Gruppe von "wenigen hundert" Autoren. Daher sei Wikipedia einer "traditionellen Organisation" sehr Ă€hnlich, womit Wales auch die QualitĂ€t zu belegen sucht.
Wales wiederholte diese Ansicht kĂŒrzlich auch in einem Interview [5]: "Wir sind kein unkontrolliertes Monster. Beim deutschsprachigen Wikipedia-Angebot [6] etwa haben bis heute weniger als 500 Autoren mehr als die HĂ€lfte von ĂŒber 400.000 EintrĂ€gen verfaĂt. Zum engeren Kern â das sind nach unserer Definition Wikipedianer, die mehr als 100 BeitrĂ€ge monatlich neu schreiben oder Ă€ndern â zĂ€hlen etwa 800 bis 900 deutschsprachige Autoren. Wikipedia ist also weit individueller als gemeinhin angenommen. Weltweit stammen nicht einmal ein FĂŒnftel der EintrĂ€ge von anonymen Verfassern."
Wales suchte seine Ansicht auf einem Vortrag in Stanford auch mit Zahlen zu belegen. Er habe herausgefunden, berichtet [7] Wales, dass ĂŒber 50 % aller Bearbeitungen von Artikeln von 0,7 % der Benutzer gemacht werden. Das seien 524 Menschen. Die aktivsten 2 % (1.400 Personen) wĂŒrden 73,4 % aller Bearbeitungen vornehmen.
Aaron Swartz, Webentwickler und Autor, zweifelt allerdings an den Aussagen von Wales. Er nahm sich zur ĂberprĂŒfung einen zufĂ€lligen, aber typischen Artikel fĂŒr Wikipedia vor und verfolgte, wie der Artikel aus den ersten zwei SĂ€tzen Schritt fĂŒr Schritt gewachsen ist. Bei den Bearbeitern machte er drei Gruppen aus. 5 der 400 Bearbeiter haben sich vandalisch betĂ€tigt, die groĂe Mehrheit nahm nur kleine VerĂ€nderungen vor, z. B. Korrektur von Rechtschreibfehlern, ErgĂ€nzung von Links, Formatierungen etc. Nur eine kleine Gruppe lieferte eigenstĂ€ndige inhaltliche BeitrĂ€ge. Die Mitglieder dieser Gruppe sind, meint Swartz, keineswegs Wikipedia-Insider, sondern dort kaum aktiv. Sie haben meist keinen Account und im Durchschnitt gerade einmal 10 Bearbeitungen auf der Wikipedia-Site vorgenommen.
Swartz schrieb nach diesen erstaunlichen Beobachtungen ein kleines Programm, um die Bearbeitungen exakt zu erfassen und die Buchstaben zu zĂ€hlen, die ein Nutzer dem Artikel hinzugefĂŒgt hat. Wenn man nur die Bearbeitungen zĂ€hlt, dann machen registrierte Nutzer die weitaus meisten Bearbeitungen, wie dies auch Wales sagt. Wenn man hingegen die Buchstaben zĂ€hlt, dann sind die Top-BeitrĂ€ger in der Regel nicht registriert und nehmen nur verschwindend wenige Bearbeitungen vor. Der Nutzer, der in dem Artikel die meisten Bearbeitungen vorgenommen hat, hatte ihm beispielsweise inhaltlich nichts hinzugefĂŒgt.
FĂŒr Swartz ergibt sich aus seinen Beobachtungen ein interessantes Ergebnis: "Ein AuĂenseiter macht eine Bearbeitung, indem er eine gewisse Menge an Informationen hinzufĂŒgt, dann kommen Insider, die viele Bearbeitungen vornehmen, indem sie ihn verbessern und formatieren." Die AuĂenseiter tragen fast den gesamten Inhalt bei. Das sei auch ganz normal, meint Swartz, da so auch andere EnzyklopĂ€dien zustande kommen. Viele Autoren schreiben Artikel ĂŒber Themen, in denen sie sich auskennen, wĂ€hrend eine kleine Zahl von BeschĂ€ftigten diese redigiert und in das Format einpasst. Wenn man aber fĂ€lschlicherweise wie Wales davon ausgehe, dass Wikipedia in der Hauptsache nur von wenigen, höchst aktiven Menschen gemacht werde, dann unterschĂ€tze man die Bedeutung der Gelegenheitsautoren, was die weitere Zukunft der Online-EnzyklopĂ€die gefĂ€hrden könne. Wichtig sei, meint Swartz, die TĂŒren fĂŒr solche Gelegenheitsautoren mit ihrem Fachwissen weiter aufzumachen und sie nicht aus Angst vor Vandalismus oder UnsinnsbeitrĂ€gen an den Rand zu drĂ€ngen. (fr [8])
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Links in diesem Artikel:
[1] http://wikipedia.org/
[2] http://www.edge.org/3rd_culture/lanier06/lanier06_index.html
[3] http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/306/78228/print.html
[4] https://www.heise.de/news/Zwischen-Wissenschaft-und-Mao-133373.html
[5] http://www.welt.de/data/2006/06/26/932122.html
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Hauptseite
[7] http://www.aaronsw.com/weblog/whowriteswikipedia
[8] mailto:fr@heise.de
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