Vorstellung: BMW 3er Touring 2019
BMW stellt einen neuen, in allen Dimensionen gewachsenen Touring vor. Die fünf Vorgänger-Generationen gehörten zu den beliebtesten Lifestyle-Kombis. Schafft BMW mit der sechsten 3er-Touring-Generation einen großen oder nur einen aufgeblasenen Wurf?
(Bild: BMW)
Die Geschichte erscheint heute nahezu unvorstellbar. Womit nicht die Idee, sondern viel mehr die tatsächliche Umsetzung gemeint ist. Ein BMW-Mitarbeiter befindet Anfang der 1980er-Jahre, dass der noch ziemlich neu auf dem Markt befindliche, zweite 3er (intern E30) einfach zu wenig Platz für seine Bedürfnisse hat. Statt nun zur Konkurrenz abzuwandern, zieht sich der Ingenieur in seine Garage zurück und fängt an, aus der Limousine einen Kombi zu machen. Das Ergebnis zeigt er erst Freunden, dann Kollegen und schließlich dem Vorstand bei BMW. Die erahnen das Potenzial der Idee von Max Reisböck vermutlich nur. Dass es über die Jahre ein Milliardengeschäft wird, können sie nicht wissen. Drei Jahre nach der Vorstellung geht der erste 3er-Kombi mit der Bezeichnung „Touring“ in Serie, obwohl ein BMW 02 mit diesem Namen Anfang der 1970er-Jahre ein Flop war.
Inzwischen verkauft BMW in Westeuropa viel mehr Kombis als Limousinen, und es spricht einiges dafür, dass dies so bleiben wird. Denn die nun vorgestellte, sechste Generation des 3er Touring folgt dem bewährten Muster, mit allen Vor- und Nachteilen.
Vorstellung: BMW 3er Touring 2019 (22 Bilder)

(Bild: alle BMW)
Übertrifft den Superb
Vergleicht man das Ursprungsmodell mit dem aktuellen optisch, zeigt sich der gewandelte Zeitgeist überdeutlich. Das Modell aus den 1980er-Jahren wirkt filigran und zierlich. Mit 4,33 Metern ist er etwa so lang wie ein aktuelles Modell der Golf-Klasse. Der Neue erscheint neben ihm, wollte man es unbedingt wohlwollend ausdrücken, bullig. Die Niere hat gegenüber dem direkten Vorgänger auch hier zugelegt, erreicht aber nicht ganz jene Ausmaße, die den überarbeiteten BMW 7er deformieren. Mit nun 4,71 Metern ist der 3er Touring nun so lang wie seine wichtigsten Konkurrenten von Audi und Mercedes (Test). Das Platzangebot bleibt, verglichen mit Modellen wie dem kaum längeren VW Passat (Test), eher unterdurchschnittlich. Der Radstand wächst um 41 mm auf nun 2,85 m und übertrifft damit sogar den Skoda Superb Combi (Test), dem er hinsichtlich des Raumangebotes ganz sicher keine Konkurrenz macht.
Der Kofferraum legt um ganze fünf auf nun 500 Liter zu. Auch hier hält der neue 3er Touring im Prinzip weiterhin das bereit, was Audi und Mercedes in dieser Klasse auch bieten. Neu ist die Idee von „Anti-Rutschschienen“, die nach dem Schließen der, serienmäßig motorisierten, Heckklappe ausfahren. Wie vieles andere auch, baut BMW die gummierten Schienen nur gegen Aufpreis ein. Beibehalten wird die separat zu öffnende Heckscheibe und die Möglichkeit, die Laderaumabdeckung unter dem Teppich verschwinden zu lassen.
Fahrplan steht
Der vorläufige Fahrplan ist bereits festgezurrt. Messepremiere ist auf der IAA 2019, bei den Händlern in Deutschland steht der Kombi ab dem 28. September. Es hat bei BMW eine gewisse Tradition, dass nicht alle Motoren gleich verfügbar sind, doch die Kunden müssen auf die volle Auswahl längst nicht mehr so lange warten wie zu Zeiten des ersten 3er Tourings.
Ab September gibt es:
330i / 330i xDrive (mit Allrad) – 258 PS
320d, 320d xDrive – 190 PS
330d xDrive – 265 PS
Voraussichtlich im November folgen dann:
320i – 184 PS
M340i xDrive – 374 PS
318d – 150 PS
Die Option auf ein Schaltgetriebe wird es, zumindest vorerst, nur noch im 318d und im 320d mit Hinterradantrieb geben. Alle Motoren schickt BMW mit der Abgasnorm Euro 6d-Temp zu den Kunden. Zumindest zu den ersten, denn binnen Jahresfrist muss der Konzern nachbessern, da Neuwagen damit in der EU nur noch bis Ende nächsten Jahres erstmals zugelassen werden können. Vielleicht macht BMW es wenigstens beim Plug-in-Hybrid 330e Touring besser, der im Sommer 2020 auf den Markt kommen soll. Eine Einstufung unter der Euro 6d wäre dann allerdings endgültig peinlich.
Zu Zeiten des ersten 3er Tourings waren die Highlights in der Sonderausstattungsliste ein Airbag für den Fahrer, Klimaanlage und ABS. Wer nachts mehr wollte, konnte kleine Wischer an den Streugläsern ordern, was für den Touring 1990 stolze 710 DM extra gekostet hat. Heute gibt es das nicht mehr, die Optionen sind gänzlich andere. LED-Scheinwerfer sind nun ohne Zuzahlung dabei. Wer mehr ausgeben mag, kann eine Matrix-Funktion bestellen oder auf Laserlicht umsteigen. Neu ist die Option auf eine Akustikverglasung der Seitenfenster – eines der Extras, die wir empfehlen.
Zwei Handys
Viele Kunden werden vermutlich in die große Ausbaustufe des Infotainmentsystems investieren, zu der dann auch ein Display als Kombiinstrument gehört. Rundinstrumente sind dann passé, der Drehzahlmesser läuft entgegen dem Uhrzeigersinn. Anders als im 5er ist im 3er weiterhin das Soundsystem von Harman/Kardon das Maximum. Eine Kuriosität bleibt die Entscheidung, nur Apple CarPlay und kein Android Auto anzubieten, gleichzeitig den digitalen Schlüssel aber nur für einige Samsung-Handys freizuschalten. Wer den kompletten Funktionsumfang nutzen wollte, müsste also zwei Handys mit unterschiedlichem Betriebssystem verwenden.
Natürlich liefert BMW auf Wunsch eine ganze Armada an Assistenten mit dazu. Diverse Helfer gibt es fürs Spurhalten und -wechseln, der Beachtung von Tempolimits, beim Einparken, der weitreichenden Warnung vor anderen Verkehrsteilnehmern, die dem Kombi zu nahe kommen könnten. Wer mag, kann den 3er auch weiter dynamisieren mit entsprechend ausgelegtem Fahrwerk, Lenkung mit anderer Kennlinie, größerer Bremse und einem Differenzial mit variabler Sperrwirkung. Eine Empfehlung damals wie heute sind die vielfältig einstellbaren Sportsitze, die deutlich bequemer sind als die Seriensitze. BMW will letztere verbessert haben, was schon oft versprochen wurde. Ich würde an diesem Punkt nicht anfangen zu sparen.
Wird teuer
Vorab verriet BMW noch nichts zu Preisen, doch die Limousine weist die Richtung, in die es gehen wird. Eine 320i Limousine kostet ohne weitere Extras bereits knapp 40.000 Euro, der Kombi-Zuschlag dürfte bei etwa 2000 Euro liegen. Mit Dingen wie Navigationssystem, einer zweiten Temperaturzone der Klimaautomatik, Einparkhilfe und Digitalradio kommt noch ein heftiges Sümmchen hinzu.
All das und vieles andere gab es vor gut 30 Jahren noch nicht. Der Meisterleistung von Max Reisböck, die ohne gravierende Änderungen in Serie ging, schauen nicht nur viele Youngtimer-Fans gern hinterher. Sein Nachfahr wird seine Fans finden, trotz hoher Preisen und unterdurchschnittlicher Raumausnutzung. Denn letzteres war genau genommen Mitte der 1980er-Jahre auch keine Stärke des schon damals nicht billigen Dreiers. Ein riesiger Erfolg wurden er und seine Nachfolger trotzdem. (mfz)