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VW will Streit mit Anlegern vor Gericht per Sammelverfahren klÀren

VW will Streit mit Anlegern vor Gericht per Sammelverfahren klÀren

(Bild: dpa)

Auf knapp 120 Seiten hat Volkswagen den bisherigen Stand der internen Aufarbeitung zum Diesel-Skandal zusammengefasst, um sich damit gegen Anlegerklagen zu wehren. Der Konzern hĂ€lt sie alle fĂŒr haltlos.

Volkswagen will die vielen Anlegerklagen im Zuge der Abgas-AffĂ€re [1] mit einem gebĂŒndelten Sammelverfahren vor Gericht schnell aus der Welt schaffen. Dazu hat der Konzern selbst einen Antrag auf ein sogenanntes Musterverfahren vor dem Oberlandesgericht Braunschweig gestellt. Das geht aus einer Erwiderung des Autobauers auf Anlegerklagen hervor, die der dpa vorliegt.

Diverse Anleger machen vor Gericht geltend, dass VW angeblich zu spĂ€t ĂŒber das Ausmaß der Abgas-AffĂ€re informiert habe. Sie sehen sich wegen Verlusten an der Börse um viel Geld gebracht und klagen daher.

"Die Chancen auf einen Prozesserfolg klagender geschĂ€digter VW-AktionĂ€re haben sich damit deutlich erhöht", sagte der TĂŒbinger Anlegeranwalt Andreas Tilp. Seine Kanzlei [2] hat nach eigenen Angaben hierzulande die erste AktionĂ€rsklage gegen VW eingereicht. Tilp wirft dem Konzern vor, in der AffĂ€re um manipulierte Dieselfahrzeuge die Finanzwelt zu spĂ€t mit einer Pflichtmitteilung informiert zu haben.

Der Abgas-Skandal bei VW

Tilps Kanzlei hat Anlegerklagen in Musterverfahren schon gegen die Telekom und die Bank Hypo Real Estate vor Gericht zum Erfolg gefĂŒhrt.

VW sieht nach der bisherigen internen AufklĂ€rung keine Ansatzpunkte fĂŒr Anlegerklagen. Insbesondere sei die Behauptung falsch, den Vorstand könne eine Mitschuld treffen. Vielmehr glaubt VW beweisen zu können, dass der gesamte Vorstand erst wenige Wochen vor dem öffentlichen Auffliegen der AffĂ€re von den Software-Manipulationen wusste. Andere Sichtweisen seien Behauptungen "ins Blaue hinein", argumentieren die AnwĂ€lte des Autobauers in der Klageerwiderung.

"Die Entscheidung, die Motorsteuerungssoftware zu verĂ€ndern, wurde vielmehr von VW-Mitarbeitern unterhalb der Vorstandsebene auf nachgeordneten Arbeitsebenen des Bereichs Aggregate-Entwicklung von Volkswagen getroffen", heißt es in der Klageerwiderung weiter.

"Der Volkswagen-Vorstand hatte weder von der Programmierung der unzulĂ€ssigen SoftwareverĂ€nderung noch von deren spĂ€teren Einsatz in den betroffenen Diesel-Aggregaten Kenntnis, sondern erfuhr von dieser Thematik erst im Sommer 2015." Über das gesamte Ausmaß des Skandals mit elf Millionen betroffenen Wagen informierte der Konzern Ende September die Öffentlichkeit per Pflichtmitteilung an die Finanzwelt.

Nach VW-Darstellung war der Erkenntnisgewinn bis zur Gewissheit ĂŒber die ganze Dimension kompliziert und langwierig. So hĂ€tten externe juristische Berater noch Anfang August 2015 keine Gewissheit ĂŒber die ZulĂ€ssigkeit der fraglichen Motorsoftware gegeben. Demnach bewegte sich die juristische EinschĂ€tzung zu der Frage, ob die US-Behörden die Software als illegale Abschalteinrichtung (defeat device) sehen dĂŒrften oder nicht, in einer Grauzone, bei der die vorangegangene Rechtsanwendung "höchst subjektiv" und "inkonsistent" sei.

Zudem hĂ€tten die eigenen Techniker die interne AufklĂ€rung erschwert. Demnach verdichteten sich erst ab Mai 2015 auch auf der FĂŒhrungsebene des Konzerns die Hinweise darauf, "dass es zum Einsatz einer gegen US-Recht verstoßenden Software gekommen sein könnte". Daraufhin sei der Druck "insbesondere durch RĂŒckfragen bei Technikern der in Frage kommenden Abteilungen intensiviert" worden, schreibt VW. "Diese internen AufklĂ€rungsbemĂŒhungen, die durch das "Mauern" einzelner Techniker erschwert wurden, fĂŒhrten schließlich zu der Offenlegung der SoftwareverĂ€nderung" gegenĂŒber den beteiligten US-Behörden am 3. September des vergangenen Jahres. Auch danach habe es noch bis Ende des Monats gedauert, um Gewissheit ĂŒber die Dimension zu haben.

Einen zentralen Auslöser fĂŒr den Skandal sieht der Konzern im Zeit- und Kostendruck, der in der Motorenentwicklung geherrscht habe. Demnach wĂ€hlten Volkswagen-Techniker den Ausweg ĂŒber die illegale Software, da sie wĂ€hrend der Arbeiten fĂŒr den Skandalmotor EA189 anders als frĂŒher nicht mehr auf legalen Wegen ans Ziel zu kommen glaubten.

Chronologie des Abgas-Skandals (0 Bilder) [8]

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Dies geschah demnach laut bisherigem Kenntnisstand schon im November 2006 und blieb auch so lange unentdeckt, da die Manipulation so gĂŒnstig umzusetzen gewesen sei. "Diese Programmierung konnte insbesondere ohne Kostengenehmigung durch ĂŒbergeordnete Stellen erfolgen, so dass es nicht verwundert, dass der Volkswagen-Vorstand erst Jahre spĂ€ter von der SoftwareverĂ€nderung erfuhr", schreibt VW.

Der Konzern will in der zweiten AprilhĂ€lfte öffentlich ĂŒber den Stand der bisherigen internen Ermittlung und AufklĂ€rungsarbeit informieren. (anw [10])


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[1] http://www.heise.de/thema/Abgas_Skandal
[2] http://tilp.de
[3] https://www.heise.de/news/Abgas-Skandal-Was-ueberschrittene-Grenzwerte-anderer-Hersteller-bedeuten-2845319.html
[4] https://www.heise.de/news/Im-Nebel-des-Abgasskandals-Bestandsaufnahme-und-technischer-Hintergrund-zur-VW-Affaere-2832528.html
[5] https://www.heise.de/news/Kompromiss-mit-US-Behoerden-VW-nimmt-weitere-Huerde-im-Abgas-Skandal-3578523.html
[6] https://www.heise.de/news/Abgas-Skandal-VW-im-Visier-der-US-Justiz-2823082.html
[7] https://www.heise.de/news/US-Umweltbehoerde-VW-mogelt-per-Software-2822045.html
[8] https://www.heise.de/bilderstrecke/1742089.html?back=3129397;back=3129397
[9] https://www.heise.de/bilderstrecke/1742089.html?back=3129397;back=3129397
[10] mailto:anw@heise.de