VW I.D.: Studie eines Elektroautos in Paris
VW stellt auf der Messe in Paris die Studie eines E-Autos vor. Ein Serienmodell soll folgen, allerdings lässt man nach bewährtem Konzept der Konkurrenz den Vortritt: Erst 2020 soll der VW I.D. auf den Markt kommen. Zu spät?
Paris, 29. September 2016 – Nichts überstürzen, bitte! „Volkswagen wird den visionären I.D. 2020 auf die Straße bringen“, heißt es in der Pressemeldung. Das klingt verbindlich und entschlossen. Mit dem Batterie-elektrischen Showcar auf dem Mondial de l’Automobile in Paris [1] gibt Volkswagen einen Ausblick auf das Serienauto. Vielleicht ist das Design bereits so nah am tatsächlichen Produkt wie einst das Mega City Vehicle am späteren BMW i3. Sicher ist: Volkswagen braucht dieses Auto und verfolgt die bewährte Follower-Strategie. Erstmal die anderen machen lassen. Dann kommen wir.
Konventionell in der Form
Denkt man sich die üblichen Messemätzchen (Kameras statt Rückspiegel, keine B-Säule) weg, bleibt optisch ein erstaunlich konventioneller Kompaktwagen übrig. Dabei waren die Chancen für einen Neuanfang auch beim Design groß. Der Konzern hat nicht nur sehr viel Geld in die Hand genommen, sondern auch auf einem „weißen Blatt Papier“ angefangen. Im Vergleich zu einem Golf rückt die Frontscheibe nach vorne – das erinnert an Teslas Model 3 [2] und daran, dass ein von vornherein als E-Auto konzipiertes Fahrzeug keine Rücksicht auf den Platzbedarf eines Verbrennungsmotors nehmen muss.
VW I.D.: Studie eines Elektroautos in Paris (0 Bilder) [3]
Auch die Räder verdienen einen zweiten Blick. Sie folgen augenscheinlich dem „Large and narrow“-Prinzip, das BMW beim i3 vorgemacht hat und nun auch beim Renault Scénic [5] zum Einsatz kommt. Der Durchmesser ist hoch, die Breite nicht. Dadurch wird die Aufstandsfläche („der Latsch“) um 90 Grad gedreht. Der Rollwiderstand sinkt, die Bodenhaftung bleibt [6].
400 bis 600 km Reichweite
An den BMW i3 [7] erinnert darüber hinaus die Motorleistung von 125 kW. Eine Zahl für die Batteriekapazität nennt Volkswagen nicht. Die Reichweite soll zwischen 400 und 600 Kilometern liegen. Ob damit eine Bandbreite gemeint ist oder zwei unterschiedlich große Akkupakete, lässt die Pressemeldung offen. Klar ist nur, dass der I.D. parallel zum nächsten e-Golf gebaut wird, also eine Alternative und Ergänzung darstellt.
Der I.D. ist das erste Auto von Volkswagen auf Basis des Modularen Elektrifizierungsbaukastens (MEB). Im Jahr 2025 soll der I.D. vollautomatisiert (Level 4) fahren können und die Basis für eine Million E-Fahrzeuge sein – ebenfalls pro Jahr und bezogen auf die Kernmarke; im gesamten Konzern sollen es zwei bis drei Millionen sein. Ein plausibler Zeitplan für ein Serienprodukt, das auf das Showcar I.D. folgt, sieht so aus: Vorstellung auf der IAA 2019. Auslieferung im Frühjahr 2020. Also in rund dreieinhalb Jahren. Ist dann die Konkurrenz nicht meilenweit weggezogen?
Die Wettbewerber
Wahrscheinlich nicht. Bei der Batteriekapazität ist ab 2017 der Opel Ampera-e mit 60 kWh der Maßstab. Hinter diese Größenordnung kann der I.D. nicht zurückfallen. Außerdem wird das Lächeln aller Beteiligten in Einzelgesprächen immer breiter, wenn es um die Batteriepreise geht – sie sinken kontinuierlich. Der nächste Nissan Leaf [8], der spätestens auf der Tokio Motor Show 2017 präsentiert wird, erhält auch ein Akkupaket mit rund 60 kWh. Das wird das neue Normalformat.
Opel Ampera-e [9], Nissan Leaf II, das sind die offensichtlichen Wettbewerber. Von Fiat-Chrysler hört man nichts zu Batterie-elektrischen Autos. Peugeot-Citroën hat einen ähnlichen Zeitplan wie Volkswagen. Und bei Toyota oder Mazda tut man so, als würden diese Antriebskonzepte eigentlich gar nicht existieren, zumindest offiziell. Das sieht Hyundai-Kia übrigens anders, und von dort sind nach Ioniq electric [10] und Soul EV [11] weitere Serienfahrzeuge zu erwarten.
Strategie: Abwarten
Aus Sicht des echten E-Fans kommt Volkswagen natürlich unentschuldbar spät. Bei nüchterner Betrachtung bleiben sich die Wolfsburger treu: Sie folgen erst, sobald eine Entwicklung deutlich sichtbar ist. In der Vergangenheit hat das häufig genug dazu geführt, dass der Konzern auf diese Weise Marktführer im jeweiligen Segment wurde. So gesehen gab es aus Sicht der Wolfsburger keinen Grund, an dieser Strategie etwas zu ändern. Ob diese Herangehensweise beim Thema Elektromobilität genauso erfolgreich sein wird, muss sich allerdings noch zeigen. (mfz [12])
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[2] https://www.heise.de/news/Vorstellung-Tesla-Model-3-Das-Versprechen-3160072.html
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743110.html?back=3334710;back=3334710
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4743110.html?back=3334710;back=3334710
[5] https://www.heise.de/news/Renault-Grand-Scenic-Lang-gemacht-3217088.html
[6] https://www.heise.de/news/Der-gedrehte-Latsch-1885968.html
[7] https://www.heise.de/news/BMW-i3-mit-50-Prozent-mehr-Reichweite-3194913.html
[8] https://www.heise.de/news/Weltmeister-reloaded-Unterwegs-im-Nissan-Leaf-30-kWh-3161134.html
[9] https://www.heise.de/news/Der-neue-Opel-Ampera-e-3319102.html
[10] https://www.heise.de/news/Ausfahrt-im-Hyundai-Ioniq-3263382.html
[11] https://www.heise.de/news/Ausfahrt-mit-dem-Kia-Soul-EV-Der-Sauberwuerfel-2764002.html
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