Urteil: DĂ€nischer Provider Tele2 muss Zugang zu AllofMP3 blockieren
Ein dÀnisches Gericht hat am gestrigen Mittwoch den Zugangsanbieter Tele2 dazu verpflichtet, seinen 750.000 Kunden keinen Zugang zu dem populÀren, aber umstrittenen Online-Musikshop mehr zu gewÀhren.
Ein dĂ€nisches Gericht hat am gestrigen Mittwoch den Zugangsanbieter Tele2 dazu verpflichtet, in seinem Netz den Zugang zum russischen Musikanbieter AllofMP3.com zu blockieren. Damit werden 750.000 Kunden des ISPs von dem populĂ€ren, aber umstrittenen [1] Online-Shop ferngehalten. Geklagt hatte die Musikindustrie, vertreten durch die dĂ€nische Sektion [2] des Weltverbandes IFPI. Die Musiklobby jubelt: Das Gericht habe der "illegalen Musik-Website AllofMP3.com" einen "neuen Schlag" versetzt. SpĂ€testens jetzt mĂŒsse auch der letzte Zweifel hinsichtlich der IllegalitĂ€t des Angebots ausgerĂ€umt sein. IFPI-Chef John Kennedy blickt hoffnungsfroh in die Zukunft: "Dieses Urteil ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur SchlieĂung dieser Schurken-Site".
Tele2 will unbestĂ€tigten Berichten zufolge gegen das Urteil Berufung einlegen. Ein Vertreter des Verbandes der dĂ€nischen Telekommunikationswirtschaft zeigte sich geschockt und empört von dem Urteil. ZensurvorwĂŒrfe und Vergleiche mit China machen die Runde. Die IFPI sei eine Bedrohung der freien Kommunikation und kenne in ihrem Krieg gegen Urheberrechtsverletzungen offenbar keine Grenzen mehr, so ein Vertreter der dĂ€nischen "Piratgruppen". Weder Tele2 noch andere dĂ€nische Branchenvertreter waren kurzfristig fĂŒr eine Stellungnahme zu erreichen.
Die Position der Musikindustrie dagegen ist: AllofMP3 verkaufe Musik, ohne ĂŒber die entsprechenden Rechte zu verfĂŒgen, deshalb sei der Verkauf illegal â ob nun nach russischem, dĂ€nischen oder sonst einem Urheberrecht. Bisher war dieser Argumentation und den BemĂŒhungen der Lobby aber noch nicht viel Verwertbares entsprungen. Im siegesgewissen Kriegsgeheul der Rechteinhaber geht jetzt unter, dass AllofMP3 zwar höchst umstritten, in Russland aber offenbar noch ein legales Unternehmen ist.
Die Russen verweisen bei jeder Gelegenheit darauf, dass es noch kein Urteil gegen sie gibt. Und sie fĂŒhren angeblich LizenzgebĂŒhren an die russische Verwertungsgesellschaft ROMS ab, was von der IFPI und ihren Mitgliedern nicht anerkannt wird. "Verurteilt" wurde das Musikportal bisher also nur von den Körperschaften der Musikindustrie, im rein moralischen Sinne. Allerdings zeigt die Kampagne Wirkung. Mit Visa und Mastercard haben zuletzt die zwei gröĂten Kreditkartenunternehmen AllofMP3 die Zahlungsabbwicklung verweigert [3]. In Deutschland konnte die Plattenindustrie im vergangenen Jahr eine Einstweilige VerfĂŒgung [4] gegen das Portal erwirken. Darin wurde es Allofmp3 verboten, die Aufnahmen der beteiligten Plattenfirmen in Deutschland zu verbreiten. Aufgrund dieser Entscheidung ging die Musikindustrie auch gegen die Verlinkung [5] der Website von Allofmp3 vor.
Es handele sich nicht um um eine global orchestrierte Aktion der IFPI, erklĂ€rte ein Sprecher der Organisation in London. Vielmehr sei das Urteil auf die Initiative der DĂ€nen zurĂŒckzufĂŒhren. Die IFPI-LandesverbĂ€nde versuchten, dort gegen AllofMP3 vorzugehen, wo das lokale Gesetz die Möglichkeiten dazu biete. Auch in GroĂbritannien klagt der lokale Verband gegen den Musikladen [6]. Beim Verband der phonographischen Wirtschaft, der deutschen IFPI-Sektion, findet man das dĂ€nische Urteil auch spannend. Zwar gebe es keine konkreten PlĂ€ne in dieser Richtung, erklĂ€rte ein Sprecher, aber man werde das Urteil des dĂ€nischen Gerichts natĂŒrlich genau prĂŒfen.
Die Chancen der Musikindustrie auf ein Ă€hnliches Urteil hierzulande schĂ€tzen Experten allerdings eher gering ein. Die deutsche Verwertungsgesellschaft GEMA hatte sich mit einem Ă€hnlichen VorstoĂ bereits einmal ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Medienwirksam lieĂ sie ihre AnwĂ€lte ein dickes Konvolut gleich bei 42 deutschen Providern [7] abladen. Darin forderte die GEMA die ISPs per Unterlassungsgesuch auf, den Zugang zu ausgewĂ€hlten Filersharing-Angeboten auf DNS-Ebene zu sperren. Die Provider haben sich damals nicht einschĂŒchtern lassen, die von der GEMA angedrohten Klagen sind bisher ausgeblieben. Ein eher stiller RĂŒckzug.
UnbestĂ€tigten Berichten zufolge ist AllofMP3 noch aus Tele2-Netzen erreichbar. Die Frage ist nur, wie lange noch. FĂŒr den Fall, dass Tele2 den Zugang auf DNS-Ebene regelt, stellt sich zudem gleich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens: Bereits kurz nach Bekanntwerden des Urteils bieten zahlreiche dĂ€nische Websites, darunter die der Piratgruppen [8], Hilfe fĂŒr die Nutzung eines alternativen Nameservers. (vbr [9])
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[1] https://www.heise.de/news/AllofMP3-wehrt-sich-gegen-Diskriminierung-durch-Kreditkartenfirmen-Update-174191.html
[2] http://www.ifpi.dk
[3] https://www.heise.de/news/AllofMP3-wehrt-sich-gegen-Diskriminierung-durch-Kreditkartenfirmen-Update-174191.html
[4] https://www.heise.de/news/Musikindustrie-will-Allofmp3-com-tabuisieren-113859.html
[5] https://www.heise.de/news/Abmahnungen-wegen-Links-auf-AllofMP3-2-Update-114387.html
[6] https://www.heise.de/news/Britischer-Phono-Verband-verklagt-Allofmp3-138283.html
[7] https://www.heise.de/news/GEMA-fordert-Provider-zur-Sperrung-von-Websites-auf-113073.html
[8] http://www.piratgruppen.org/
[9] mailto:vbr@heise.de
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