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US Supreme Court will knifflige Patentlizenzfrage klÀren

Stefan Krempl

Der oberste US-Gerichtshof hat eine Beschwerde von Quanta und anderen taiwanischen PC-Herstellern gegen eine Klage von LG Electronics angenommen, in der es um die Reichweite gewerblicher Schutzrechte in der Lieferkette geht.

Der Oberste US-Gerichtshof [1] hat eine Beschwerde von Quanta und anderen taiwanischen PC-Herstellern gegen eine Klage von LG Electronics wegen Patentverletzungen angenommen, in der es um die Reichweite gewerblicher Schutzrechte in der Lieferkette geht. Quanta und Mitbetroffene wie Bizcom Electronics, Compal Electronics, Q-Lity oder Computer Sceptre Technologies monieren, dass der sĂŒdkoreanische Wettbewerber seine PatentansprĂŒche auf Mikroprozessoren und ChipsĂ€tze exzessiv nutzen will. Er versuche, "die gesamte Computerindustrie" mit einer Klage ĂŒber mehrere Milliarden US-Dollar durch mehrfache Forderungen nach LizenzgebĂŒhren zu erschĂŒttern.

Quanta beruft sich darauf, die geschĂŒtzte Technik gar nicht selbst zu nutzen. Man habe die entsprechenden Chips von Intel bezogen. Die Kalifornier wiederum hĂ€tten dafĂŒr [2] bereits LizenzgebĂŒhren gezahlt. Betroffen sein von dem Streit um fĂ€llige Kosten könnten aber auf der nĂ€chsten Stufe auch Computerhersteller wie Dell, Hewlett-Packard, Gateway, IBM oder Sony sein, da Quanta fĂŒr diese als Vertragspartner PCs mit den besagten Chips an Bord herstellte. Quanta ist auch fĂŒr Apple tĂ€tig und liefert Kernbauteile fĂŒr das iPhone nach Kalifornien, was in dem Fall aber keine Rolle spielt.

LG Electronics ist in der sich bereits lÀnger hinziehenden Auseinandersetzung zunÀchst im Jahr 2000 vor ein US-Bezirksgericht in Nordkalifornien gezogen. Dieses hat Quanta und die in erster Linie mit betroffenen Firmen zunÀchst vom Vorwurf der Patentverletzung freigesprochen. Diese Entscheidung kassierte im Juli vergangenen Jahres aber das zustÀndige Berufungsgericht, der Court of Appeals for the Federal Circuit in Washington.

Die Taiwaner wandten sich daraufhin an den Supreme Court, der sich nun mit der kniffligen Frage der Reichweite von Patentlizenzen beschĂ€ftigen will und fĂŒr Anfang 2008 eine mĂŒndliche Verhandlung angesetzt hat. Mit einer Entscheidung ist bis Ende Juni nĂ€chsten Jahres zu rechnen. UnterstĂŒtzung erhalten Quanta und Konsorten von ihren Partnern Dell, HP und Gateway. Diese sehen im Urteil des Berufungsgerichts die Gefahr, dass "den Herstellern von Technologieprodukten hohe finanzielle und praktische Lasten aufgebĂŒrdet werden". In einem separaten Rechtsstreit [3] hat LG dem taiwanesischen Auftragsfertiger im Juli vorgeworfen, auch vier von den Koreanern gehalten Patente fĂŒr DVD-Technik zu verletzen. Auch dabei geht es darum, dass das geschĂŒtzte Know-how von Quanta in GerĂ€ten anderer Anbieter fĂŒr den US-Markt genutzt sein worden soll.

In den USA geht derweil auch der Kampf [4] um den Gesetzesentwurf zur Novelle des US-Patentwesens weiter, nachdem diesen das ReprĂ€sentantenhaus Anfang des Monats absegnete [5]. Rund 20 Erfinder und Manager von Technologie-Startups sind vergangene Woche nach Washington zum US-Kongress gezogen, um ihre Bedenken gegen das noch vom Senat zu behandelnde Reformvorhaben zum Ausdruck zu bringen. Der Entwurf werde "das Patentsystem schwĂ€chen", monierte etwa der Erfinder des Segway-Rollers, Dean Kamen. Damit werde es sich nicht mehr lohnen, "in die Zukunft zu investieren". Der PrĂ€sident des NetzausrĂŒster Corning, Peter Volanakis, gab zu bedenken, dass mit den PlĂ€nen der Gesetzgeber "schlicht und einfach Patentverletzungen gefördert werden". Auch Steve Perlmann, fĂŒhrender Entwickler der QuickTime-Multimediasoftware von Apple, beklagte, dass kleine Firmen und Erfinder bei den Debatten ĂŒber die Novelle ignoriert worden seien.

Große IT-Firmen wie Apple, Cisco Systems, Microsoft, RIM und SAP sowie Branchenvertretungen wie die Business Software Alliance (BSA) haben sich unter dem Dach der Coalition for Patent Fairness [6] dagegen vehement fĂŒr die Patentreform ausgesprochen. Der Entwurf sieht unter anderem vor, dass Richter Schadensersatz in der Regel nur mehr auf Basis des "spezifischen Beitrags" eines Patents zum Stand der Technik beziehungsweise zu bereits erfolgten industriellen Entwicklungen und dokumentierten gewerblichen Erfindungen ("Prior Art") festsetzen dĂŒrfen. Ferner mĂŒssten Patentinhaber einem Gericht unter anderem einen "klaren und ĂŒberzeugenden Nachweis" erbringen, dass ihre Erfindungen absichtlich kopiert worden sind, wenn sie einen dreifachen Schadensersatz geltend machen wollen.

Zum Patentwesen sowie zu den Auseinandersetzungen um Softwarepatente und um die EU-Richtlinie zur Patentierbarkeit "computer-implementierter Erfindungen" siehe den Online-Artikel in "c't Hintergrund [7]" (mit Linkliste zu den wichtigsten Artikeln aus der Berichterstattung auf heise online und zu den aktuellen Meldungen):

(Stefan Krempl) / (jk [9])


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https://www.heise.de/-179261

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.supremecourtus.gov/
[2] https://www.heise.de/news/Intel-schliesst-Kooperationsvertrag-mit-LG-Electronics-30719.html
[3] https://www.heise.de/news/LG-verklagt-Auftragsfertiger-Quanta-147540.html
[4] https://www.heise.de/news/US-Patentreform-Warmer-Regen-fuer-Diebe-oder-ueberfaellige-Korrektur-173300.html
[5] https://www.heise.de/news/US-Repraesentantenhaus-verabschiedet-Patentreform-172892.html
[6] http://www.patentfairness.org/
[7] http://www.heise.de/ct/hintergrund/
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Die-Auseinandersetzung-um-das-Patentwesen-und-der-Streit-ueber-Softwarepatente-302334.html
[9] mailto:jk@heise.de