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UN-Bericht: Internet polarisiert die Gesellschaft

Christian Rabanus

Die Vereinten Nationen konstatieren einen Trend zur digitalen Spaltung der Gesellschaft und schlagen einen Plan vor, um diesem Trend entgegenzuwirken.

FĂŒr die, die "drin" sind, ist die Sache klar: Das Internet ist eine willkommene und gern genutze Möglichkeit, um mit anderen Benutzern in Kontakt zu treten und Informationen weltweit auszutauschen. Unternehmen integrieren die modernen Kommunikationsmittel zunehmend mehr in ihre GeschĂ€ftsablĂ€ufe, bauen gemeinsame Internet-Plattformen auf und kommunizieren mit ihren Partnern zunehmend stĂ€rker per E-Mail. Wer da nicht mithalten kann, kommt schnell ins Hintertreffen, verliert Reputation, AuftrĂ€ge und Marktanteile.

Vor allem fĂŒr EntwicklungslĂ€nder bedeuten die modernen Informations- und Kommunikationstechniken (IuK) große Chancen, den Anschluss an die Weltwirtschaft zu finden. Indien hat als eines der wenigen LĂ€nder diese Chance schon vor Jahren erkannt und entsprechend in den IT-Sektor investiert. Auch wenn der Anteil der gut ausgebildeten IT-FachkrĂ€fte in Indien immer noch gemessen an der Gesamtzahl der Bevölkerung sehr gering ist – fĂŒr das Land bedeutet IT eine Chance, den Anschluss an die Weltwirtschaft zu bekommen.

FĂŒr LĂ€nder, in denen aufgrund politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen bislang die EinfĂŒhrung moderner Kommunikationstechniken nur sehr schleppend vor sich ging, bedeutet die rasante Entwicklung dieser Techniken trotz der ihr inhĂ€rierenden Möglichkeiten auch die Gefahr, noch mehr ins wirtschaftliche Abseits zu geraten. Die Zahlen, die ĂŒber den Stand der Intenet-Anbindung in den verschiedenen Kontinenten Auskunft geben, sind alarmierend: In Afrika haben nur etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung einen Zugang zum Internet, im mittleren Osten sind es 0,8 Prozent, in Asien und dem pazifischen Raum 1,6 Prozent. SĂŒdamerika schneidet mit einer Quote von sogar 2,5 Prozent vergleichsweise gut ab. Doch hinter Europa, wo immerhin schon 9,9 Prozent online sind oder gar Nordamerika mit 44,3 Prozent Internet-Nutzern sind diese Regionen weit abgeschlagen. Europa und Nordamerika haben bei einem Anteil von 23,2 Prozent an der Weltbevölkerung den Zugriff auf 75,4 Prozent aller Internet-AnschlĂŒsse weltweit.

In einem Bericht [1], der im Auftrag des UN-General-Sekretariats [2]erarbeitet wurde, hat eine Expertengruppe unter Vorsitz des ehemaligen Costa-Ricanischen PrÀsidenten José Maria Figueres-Olsen zwar einerseits festgehalten, dass die Zahl der Internet-Nutzer bestÀndig und schnell steigt, andererseits aber festgestellt, dass ein "Digital Divide" zu beobachten ist, also eine Spaltung der Gesellschaft in eine Gruppe von Menschen, die Zugang zu modernen Informations- und Kommunikationstechniken haben, und eine Gruppe von Menschen, denen dieser Zugang bislang verwehrt ist.

Die Probleme und Gefahren, die eine digitale Spaltung der Gesellschaft mit sich bringt und die der Bericht von Figueres-Olsen aufgezeigt hat, sind genauso Gegenstand der jĂ€hrlichen Hauptversammlung des Wirtschafts- und Sozialausschusses ECOSOC [3] der Vereinten Nationen [4] mit dem Thema "Entwicklung und internationale Kooperation im 21. Jahrundert: Die Bedeutung der Informationstechnik im Kontext einer wissensbasierten, globalen Wirtschaft", die morgen in New York beginnt, wie die VorschlĂ€ge, die in dem Bericht zum Umgang mit der gegenwĂ€rtigen Situation vorgeschlagen sind. Bis zum 7. Juli diskutieren Delegationen der 54 ECOSOC-Mitgliedsstaaten sowie Vertreter des WeltwĂ€hrungsfonds, der Weltbank und der Welthandelsorganisation auf Leitungsebene, danach laufen die Beratungen bis zum 1. August auf Expertenebene weiter. Ehrgeiziges Ziel der internationalen Gemeinschaft: Bis zum Jahr 2004 soll fĂŒr 80 Prozent der Bevölkerungsgruppen, die derzeit keinen Zugang zum Internet haben, ein solcher im eigenen Heim, an der Arbeitsstelle oder in öffentlichen Einrichtungen verfĂŒgbar gemacht werden.

Um das zu erreichen, schlagen die Autoren des ECOSOC-Berichts vor, eine Task Force einzusetzen, die die EinfĂŒhrung von IT in den EntwicklungslĂ€ndern koordinieren soll. Diese Task Force soll einen speziell einzurichtenden Fonds verwalten, den man mit mehreren huntert Millionen US-Dollar ausgestatten will. Außerdem schlĂ€gt der Bericht ein Entschuldungsprogramm vor: Ein Prozent der Schulden eines Entwicklungslandes sollen abgeschrieben werden können, wenn das Land die gleiche Summe in den IT-Sektor investiert. Auf der UN-Generalversammlung im September, auf der man den IT-Bericht der ECOSOC ebenfalls diskutieren möchte, soll schließlich ein Recht auf den Zugang zu IT-Diensten in den Prinzipien und Konventionen der Vereinten Nationen verankert werden. (chr)


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-28745

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.un.org/esa/coordination/ecosoc/advdoc01.pdf
[2] http://www.un.org/Overview/SG/index.html
[3] http://www.un.org/Overview/Organs/ecosoc.html
[4] http://www.un.org