Telekom: ZugestÀndnisse sollen Streik beenden
Die starren Strukturen des frĂŒheren Staatskonzerns sollen aufgebrochen werden. Dabei will der neue Personalvorstand aber auch "alte Wunden heilen".
Vier Wochen Streik [1] bei der Deutsche Telekom [2]: FĂŒr viele Kunden bedeutet dies langes Ausharren in den Warteschleifen der Callcenter und Verzögerungen beim Telefonanschluss. Die Bewohner einiger Dörfer wie im niedersĂ€chsischen Haselhorn [3] mĂŒssen ganz auf ihren Anschluss verzichten, da Telekom-Techniker wegen des Streiks durch StĂŒrme zerstörte Leitungen nicht reparieren. Der wirtschaftliche Schaden durch den Arbeitskampf ist fĂŒr den Bonner Konzern immens, ganz zu schweigen vom Imageverlust. Bewegungen in die festgefahrenen GesprĂ€che bringen nun Ăberlegungen [4] von Personalvorstand Thomas Sattelberger [5]. Er will die rund 50.000 BeschĂ€ftigten, die in den Bereich T-Service verlagert werden sollen, am Unternehmensgewinn beteiligen und mehr Geld in die Weiterbildung investieren. Die starren Strukturen des frĂŒheren Staatskonzerns sollen damit aufgebrochen werden.
An der geplanten GehaltskĂŒrzung und lĂ€ngeren Arbeitszeiten will Sattelberger festhalten. "Wir brauchen alle MaĂnahmen, um das Einsparziel von 500 bis 900 Millionen Euro zu erreichen", sagt der Personalchef, der mitten im Tarifkonflikt vor knapp einem Monat von Continental zur Telekom wechselte. Allerdings zeigt er sich bereit, ĂŒber alle Punkte zu verhandeln. Der Gewerkschaft ver.di [6] eröffnet er damit den Weg zurĂŒck an den Verhandlungstisch. Sie hatte mit der strikten Ablehnung von GehaltskĂŒrzungen alle vorherigen Angebote der Telekom zum Scheitern verurteilt. Mit dem breit gefĂ€cherten Katalog von Boni bis hin zur Weiterqualifizierung schafft Sattelberger den Boden fĂŒr einen Kompromiss, bei dem beide Parteien ihr Gesicht wahren können.
Der Personalmanager will dabei auch "alte Wunden" heilen. Denn die Fronten zwischen Telekom und Arbeitnehmerseite sind nicht erst seit den PlĂ€nen fĂŒr die Servicegesellschaft T-Service verhĂ€rtet. So verschĂ€rfte die alte FĂŒhrung unter dem frĂŒheren Vorstandschef Kai-Uwe Ricke die Gangart, um ver.di bei TarifgesprĂ€chen fĂŒr einzelne Konzerntöchter immer neue ZugestĂ€ndnisse abzuringen. Noch heute sprechen einige Gewerkschafter von "Erpressung". Auch darum wird der Streik in aller HĂ€rte gefĂŒhrt. TĂ€glich legen bis zu 15.000 Mitarbeiter die Arbeit nieder. "Der Betrieb steht", sagt ver.di-Streikleiter Ado Wilhelm. Und auch die Telekom muss einrĂ€umen, dass viel Arbeit liegen bleibt.
Die Telekom-FĂŒhrung braucht die UnterstĂŒtzung des Personals, um auf dem Heimatmarkt die Wende zu schaffen. Innerhalb von drei Jahren will Telekom-Chef RenĂ© Obermann im DeutschlandgeschĂ€ft wieder ZuwĂ€chse ausweisen, den Grundstein dazu will er in diesem Sommer legen, mit Preissenkungen und einer Billigmarke. Wichtigste MaĂnahme ist aber eine Verbesserung der ServicequalitĂ€t â und dazu braucht er die Mitarbeiter auf seiner Seite. Aber nicht nur dafĂŒr: Eine Blockade der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat kann Obermann bei der Umsetzung seiner Strategie nicht brauchen, etwa bei der Partnersuche fĂŒr die GeschĂ€ftskundensparte oder der Auslandsexpansion. Mit dem am Mittwoch angekĂŒndigten Kauf der Mobilfunkgesellschaft Orange Niederlande [7] fĂŒr 1,3 Milliarden Euro machte Obermann einen ersten Schritt, um die Auslandssparte zu stĂ€rken.
Die meiste Zeit verbringt der Vorstand um Obermann aber damit, eine Lösung im Streit um T-Service zu finden. "Das bindet viel Kraft", sagt ein Vorstandsmitglied. ver.di will nun Sattelbergers MaĂnahmebĂŒndel prĂŒfen und dann entscheiden, ob es eine Grundlage fĂŒr neue GesprĂ€che ist. Diese sollten dann in der kommenden Woche stattfinden, bevor die Telekom die von der Auslagerung betroffenen Mitarbeiter ĂŒber die kĂŒnftige Tarifstruktur informieren will. Sollte eine Einigung scheitern, dann droht der Telekom ein monatelanger Arbeitskampf.
Siehe zum Arbeitskonflikt bei der Telekom auch die Linkliste zu Artikeln und Nachrichten in c't-Hintergrund:
(Martin Murphy, dpa-AFX) / (jk [9])
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[1] https://www.heise.de/hintergrund/Der-Streik-bei-der-Deutschen-Telekom-302618.html
[2] http://www.telekom.de
[3] https://www.heise.de/news/Seit-Pfingsten-ohne-Telefon-Haselhorn-in-der-Warteschleife-136571.html
[4] https://www.heise.de/news/Telekom-will-ver-di-mit-verbessertem-Angebot-an-Verhandlungstisch-locken-Update-136256.html
[5] https://www.heise.de/news/Neuer-Personalvorstand-bringt-Schwung-in-Diskussion-um-Telekom-Umbau-135834.html
[6] http://www.verdi.de
[7] https://www.heise.de/news/Telekom-greift-nach-dem-Mobilfunkbetreiber-Orange-Niederlande-136652.html
[8] https://www.heise.de/hintergrund/Der-Streik-bei-der-Deutschen-Telekom-302618.html
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