Tauschbörsen im Copyright-Krieg
Nachdem die Entertainment-Industrie mit ihren Klagen gegen Tauschbörsenbetreiber erfolglos war und auf die Nutzer losgeht, machen sich die Tauschbörsen-Anbieter jetzt gegenseitig das Leben schwer.
Vor einigen Tagen sorgte die Meldung in der P2P-Szene fĂŒr Aufregung, dass Sharman Networks [1] die Entwickler von Kazaa Lite K++ zur Aufgabe gezwungen hat [2]. Kazaa Lite war eine gecrackte, werbefreie Alternative zur offiziellen Kazaa-Version [3]. Am Wochenende wurden nun die offizielle Kazaa-Lite-Homepage [4] geschlossen. Andere Download-Anbieter des Programms hatten schon frĂŒher aufgegeben, nachdem Sharman sie mit Abmahnungen wegen angeblicher Copyright-Verletzungen ĂŒbersĂ€t hatte. AuĂerdem hatte die Firma bereits im Sommer erwirkt [5], dass Google zahlreiche Kazaa Lite-Seiten aus seinen Suchergebnissen aussortierte.
Doch die Abmahnungen gegen die ungenehme Kazaa-Version sind nicht der einzige Copyright-Kreuzzug, in den die Betreiber des Kazaa-Imperiums in diesen Tagen involviert sind. Sharmans Content-Partner Altnet [6] schickte Anfang November Abmahnungen an eine Reihe von Firmen, die Tauschbörsennetze und ihre Nutzer im Auftrag der Musik- und Filmindustrie ĂŒberwachen. Firmen wie Mediadefender [7] und Overpeer [8] warf man darin vor, mit dem Ausforschen von P2P-Nutzern und Verbreiten verfĂ€lschter Dateien Altnets Patentrechte zu verletzen. Altnet sicherte sich Ende 2002 die Rechte an zwei Patenten zur Identifizierung von Dateien in Computernetzwerken. Diese so genannten TrueNames-Patente beschreiben das eindeutige Identifizieren von Dateien ĂŒber ihre Hash-Werte.
Offenbar setzt die Firma diese Patente jedoch nicht nur gegen P2P-Ăberwacher ein. Die Identifizierung von Dateien ĂŒber ihre Hash-PrĂŒfsummen ist eine in P2P-Netzen gebrĂ€uchliche Technik zum Verifizieren von Suchergebnissen. Altnet-Sprecher Robin Gore bestĂ€tigte dazu gegenĂŒber heise online, dass man sich mit der Mehrheit der Tauschbörsen-Anbieter im GesprĂ€ch befinde, um sie zur Lizenzierung der Altnet-Patente zu bewegen. "Altnet unterscheidet sich nicht von anderen Firmen, die ihr GeschĂ€ft auf P2P aufbauen", betonte Gore. "Wir bitten sie nur darum, unsere Technologie beim Verfolgen ihrer GeschĂ€ftsziele nicht ohne unsere Genehmigung zu nutzen."
Brancheninsidern zufolge will Gores Firma mit den Patenten erzwingen, dass Tauschbörsen-Anbieter Altnets DRM-Modell adaptieren. Altnet vertreibt Musik und Filme in Microsofts Windows-Media-Format sowie Computerspiele ĂŒber Kazaas Tausch-Programm. Kazaa-Nutzern prĂ€sentieren sich diese Dateien als Suchergebnisse mit goldenen Icons, die stets vor den regulĂ€ren Tauschbörsen-Ergebnissen gelistet werden. Wer auf diese Inhalte zugreifen will, wird von Altnet zur Kasse gebeten. Im Oktober gab Metamachine als Betreiber der beiden Tauschbörsen Edonkey 2000 [9] und Overnet [10] bekannt, in Zukunft ebenfalls Altnet-Inhalte ĂŒber seine Netze anbieten zu wollen. Ob diese Zusammenarbeit als Folge der Patent-Auseinandersetzungen entstand, wurde nicht bekannt.
Doch nicht jeder will sich auf eine Kooperation mit Altnet einlassen. Deutliche Kritik gab es in diesen Tagen vom ehemaligen Grokster-Chef Wayne Rosso. Der Musikindustrie-Veteran, der seit kurzem CEO des spanischen Blubster [11]-Betreibers Optisoft ist, erklĂ€rte dazu diese Woche auf dem Branchenevent Music 2.0 in Los Angeles: "Sie versuchen, jedem Tauschbörsen-Netzwerk auf jegliche Weise Altnet aufzuzwingen, um damit de facto unser Business zu kontrollieren. Doch das wird ihnen nicht gelingen." GegenĂŒber heise online prĂ€zisierte Rosso seine Haltung: "Wir glauben nicht, dass Altnets Position rechtlich Bestand hat." Seine Firma habe nicht vor, sich auf irgend welche Lizenzierungsbedingungen einzulassen. Eine Integration des Altnet-Distributionsmodells in Blubster lehne er kategorisch ab.
Auch unter den anderen P2P-Betreibern mehren sich die kritischen Stimmen. So erklĂ€rte Brian O'Neal vom Morpheus [12]-Betreiber Streamcast Networks, seine Firma habe keine PlĂ€ne, Technologie von Altnet zu lizenzieren. O'Neal bezeichnete Altnet gegenĂŒber heise online als Wolf im Schafspelz. Freenet-GrĂŒnder Ian Clarke schlieĂlich erklĂ€rte kĂŒrzlich auf Slashdot [13], Altnet wolle P2P zerstören und rief zum Widerstand gegen die Patent-PlĂ€ne der Firma auf.
Altnets ExpansionsplĂ€ne offenbaren sich nicht zufĂ€llig zeitgleich mit Sharmans Kreuzzug gegen Kazaa Lite. Die werbefreie Tauschbörsen-Version zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie ihren Nutzern die Anzeige der DRM-geschĂŒtzten Altnet-Inhalte erspart. Allerdings gibt es durchaus auch berechtigte Argumente fĂŒr das Vorgehen des Tauschbörsen-Anbieters gegen die Verbreitung des gecrackten Programms. Kazaa Lite ermöglicht eine beliebig weite Ausdehnung des individuellen Suchhorizonts, indem es jede Suchanfrage an eine unbegrenzte Anzahl von Supernodes weiterleitet -- eine zunehmende Netzauslastung ist dadurch unausweichlich. AuĂerdem umgeht Kazaa Lite den Partizipations-Level der Original-Software. Mit diesem will Sharman sicherstellen, dass Nutzer selbst Dateien zum Upload bereitstellen, anstatt sich nur eigennĂŒtzig zu bedienen. "P2P ist keine EinbahnstraĂe", meint dazu Sharman-CTO Phil Morle. "Jeder dieser Hacks verringert das P2P-Erlebnis anderer." (Janko Röttgers) / (jk [14])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-90111
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.sharmannetworks.com
[2] https://www.heise.de/news/Sharman-Networks-zwingt-Kazaa-Lite-in-die-Knie-89887.html
[3] http://www.kazaa.com
[4] http://www.kazaalite.tk
[5] https://www.heise.de/news/Kazaa-vs-Lite-Google-in-der-Schusslinie-84739.html
[6] http://www.altnet.com
[7] http://www.mediadefender.com
[8] http://www.overpeer.com
[9] http://www.edonkey2000.com
[10] http://www.overnet.com/
[11] http://www.blubster.com
[12] http://www.morpheus.com
[13] http://slashdot.org/~Sanity/journal/52841
[14] mailto:jk@heise.de
Copyright © 2003 Heise Medien