SymbolkrÀftige Entscheidung gegen Softwarepatente in Den Haag
Das niederlĂ€ndische Parlament hat die Regierung aufgefordert, ihr Placet fĂŒr die Richtlinie des EU-Rates zur Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" zurĂŒckzunehmen.
Das heftig umstrittene Thema Softwarepatente [1] sorgt weiter fĂŒr Wirbel auf dem politischen Parkett Europas. So hat das niederlĂ€ndische Parlament [2] am spĂ€ten Donnerstagabend beschlossen, erstmals die Regierung in Den Haag zur RĂŒcknahme einer im Rat der EuropĂ€ischen Union [3] getroffenen Entscheidung aufzufordern. Wirtschaftsminister [4] Laurens Jan Brinkhorst wird angewiesen, seine UnterstĂŒtzung fĂŒr die kontroverse Vorlage [5] des Ministerrats fĂŒr eine Richtlinie zur Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" (PDF [6]) zurĂŒckzuziehen. Die Resolution hat zwar keine direkt bindende Wirkung. Ihr kommt laut Beobachtern in einer stark parlamentarisch geprĂ€gten Region wie den Niederlanden aber hohes Gewicht zu. Eine besondere Bedeutung entfaltet der Beschluss der Abgeordneten zudem, weil die Niederlande am gleichen Tag fĂŒr das nĂ€chste halbe Jahr die RatsprĂ€sidentschaft [7] von den Iren ĂŒbernommen hat.
Brinkhorst hatte den niederlĂ€ndischen Volksvertretern vor der Abstimmung der Wettbewerbsexperten des EU-Rats in BrĂŒssel am 18. Mai mitgeteilt, dass es eine "Ăbereinkunft" zwischen dem Europaparlament und dem Rat in Sachen Softwarepatente gebe. Das Kapitel verschwand so zunĂ€chst von der Haager Tagesordnung. TatsĂ€chlich unterscheiden sich die Richtlinienversionen der EU-Abgeordneten und der Vertreter nationaler Regierungen aber in zentralen Fragen wie Tag und Nacht. So macht sich der Rat fĂŒr eine breite Patentierbarkeit von Software stark, was laut Kritikern die mittelstĂ€ndisch geprĂ€gte IT-Branche Europas in Gefahr bringen [8] und Innovationen in diesem schnelllebigen Segment des Hightech-Marktes verhindern könnte. Das Europaparlament will die Patentierbarkeit von Software dagegen nur in einem sehr engen Rahmen zulassen [9].
AuĂenhandels-StaatssekretĂ€rin [10] Karien van Gennip schob die Falschauskunft ihres Chefs Brinkhorst bei einer ersten Debatte im Den Haager Parlament auf einen "Fehler in der Textverarbeitungssoftware". Das hat die Abgeordneten aber nur in ihrer Haltung bestĂ€rkt, der Regierung in diesem Fall das Vertrauen zu entziehen. Der Wirtschaftsminister ist nun aufgefordert, sich bei der noch ausstehenden formalen Absegnung des Mitte Mai getroffenen Beschlusses durch die komplette Ministerrunde in BrĂŒssel zu enthalten. Damit wackelt die Verabschiedung der Richtlinie im EU-Rat: Schon beim ersten Votum vor anderthalb Monaten gab es Zweifel an einer korrekt zustande gekommenen Mehrheitsentscheidung. GenĂ€hrt hatte sie [11] vor allem die polnische Delegation. Mit den Ausschlag gegeben fĂŒr die provisorische Annahme der Direktive hatte letztlich das Bundesjustizministerium [12], das nach heftiger Kritik [13] an den BrĂŒsseler PlĂ€nen nach kosmetischen Korrekturen an dem Papier plötzlich seine angekĂŒndigte Enthaltung in eine Ja-Stimme umwandelte [14].
Dieter Van Uytvanck, hollĂ€ndischer Sprecher des Fördervereins fĂŒr eine freie informationelle Infrastruktur (FFII [15]), misst der Haager Entscheidung nun eine hohe Bedeutung bei: "Dieses politische Signal reicht weit ĂŒber die Grenzen der Niederlande hinaus". Er hofft, dass andere EU-Mitgliedsstaaten dem Papier des Rates gemÀà dem "historischen PrĂ€zedenzfall" ebenfalls nachtrĂ€glich die UnterstĂŒtzung entziehen. Die Gesetzgeber in BrĂŒssel sollten sich zudem kĂŒnftig schon von vornherein die Tatsache zu Herzen nehmen, dass "die europĂ€ischen BĂŒrger sie sorgfĂ€ltig beobachten."
Hierzulande will die FDP [16] eine parlamentarische Auseinandersetzung mit dem Zickzack-Kurs der Bundesregierung erreichen. Auch in der Landes- und Bundes-SPD hĂ€ufen sich die Stimmen [17], die ein klares Votum gegen Softwarepatente fordern und sich hinter den Richtlinienvorschlag des Europaparlaments stellen. Eine Debatte im Bundestag kann frĂŒhestens nach der parlamentarischen Sommerpause erfolgen. Es mehren sich die Anzeichen, dass auch der Ministerrat die eigene Schlussrunde zur Richtlinie erst im September einlĂ€uten wird, da es anscheinend noch Schwierigkeiten mit der Ăbersetzung der Vorlage in alle Sprachen der neuen BeitrittslĂ€nder gibt. (Stefan Krempl) / (jk [18])
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[4] http://www.ministerbrinkhorst.nl/
[5] https://www.heise.de/news/EU-Staaten-ueber-Softwarepatente-einig-2-Update-98777.html
[6] http://register.consilium.eu.int/pdf/de/04/st09/st09713.de04.pdf
[7] http://www.eu2004.nl/
[8] http://www.heise.de/ct/04/13/022/
[9] https://www.heise.de/news/Europaparlament-gibt-reinen-Softwarepatenten-einen-Korb-85789.html
[10] http://www.staatssecretarisvangennip.nl/
[11] http://kwiki.ffii.org/?Pietras040520En
[12] http://www.bmj.bund.de/
[13] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-schwenkt-auf-Linie-der-Softwarepatentkritiker-ein-Update-98465.html
[14] https://www.heise.de/news/Softwarepatentgegner-werfen-Bruessel-Verlogenheit-vor-98867.html
[15] http://swpat.ffii.org/
[16] https://www.heise.de/news/FDP-nimmt-Bundesregierung-wegen-Softwarepatenten-unter-Beschuss-99628.html
[17] https://www.heise.de/news/Votum-der-Bundesregierung-gegen-Softwarepatente-gefordert-103426.html
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