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Studie: Tiefe digitale Kluft bei Schulen

Stefan Krempl

(Bild: Rido/Shutterstock.com)

Die digitale Spaltung zwischen Schulen in Deutschland ist laut einer Umfrage so groß, dass die Chancengleichheit bei der Bildung völlig verloren zu gehen droht.

Die Differenzen zwischen Schulen sind hierzulande beim Lehren und Lernen mit digitalen Medien und der Online-Infrastruktur gewaltig. Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren der am Mittwoch veröffentlichten Studie "Digitalisierung im Schulsystem 2021", die die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der UniversitĂ€t Göttingen im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erstellt hat. Die Spaltung sei besorgniserregend, da die vielfach geforderte Chancengleichheit bei der Bildung endgĂŒltig zu einer Illusion zu werden drohe.

Die Forscher unterscheiden zwischen digitalen Vorreiter- und NachzĂŒgler-Schulen [1]. Bei ersteren arbeiten 72 Prozent der LehrkrĂ€fte in einer Umgebung, die digitales Lehren und Lernen prinzipiell unterstĂŒtzt. Bei letzteren sind es nur 5 Prozent. 94 Prozent der Erzieher an digital fĂŒhrenden Schulen haben zum Unterrichten Zugang zum Internet, bei den hinterherhinkenden sind es nur 37 Prozent.

87 Prozent PĂ€dagogen an Vorreiter-Schulen können fĂŒr den Unterricht digitale GerĂ€te einsetzen, bei den NachzĂŒglern nur 29 Prozent. Kaum kleiner ist die Differenz bei der Ausstattung der SchĂŒler mit Tablets, Laptops oder Arbeitsplatzrechnern in Klassen. Hier liegt das VerhĂ€ltnis bei 89 zu 40 Prozent. Als eine praktische Folge der Ungleichheiten machen die Autoren die FĂ€higkeit zum Erkennen von Falschmeldungen im Internet aus. An Vorreiter-Schulen gaben 62 Prozent der LehrkrĂ€fte an, sie brĂ€chten ihren SchĂŒlern bei, wie sie Online-Informationen ĂŒberprĂŒfen könnten. An den NachzĂŒgler-Schulen sind es nur 34 Prozent.

An digital gut aufgestellten Schulen können sich 90 Prozent der Lehrer zudem an einer Strategie ihrer Schule fĂŒr alle Fragen rund ums Internet und die zugehörige Ausstattung orientieren. Bei der Nachhut sind es 37 Prozent. Dort sei der "Technikstress" besonders hoch, monieren die Autoren. Bei BildungsstĂ€tten mit weit entwickelten Rahmenkonzepten seien die Ausbilder zufriedener mit ihrer Arbeit und hĂ€tten insgesamt bessere berufliche Chancen.

Die Wissenschaftler machten zwar einen pandemiebedingten Digitalisierungsschub an allen Schulen aus. Dieser manifestiere sich – auch dank des Digitalpakts Schule von Bund und LĂ€ndern [2] – etwa in einer besseren Internetanbindung, mehr schuleigenen EndgerĂ€ten fĂŒr SchĂŒler und eine hĂ€ufigere Nutzung digitaler Medien fĂŒr den Unterricht. Das von der Kultusministerkonferenz aufgestellte Ziel, eine umfassende digitale Lernumgebung fĂŒr alle SchĂŒler bis 2021 zu schaffen – sei aber meist noch nicht erreicht.

Wenig verbreitet sind laut der Analyse noch immer anspruchsvollere Lern- und Lehrformate. So nutze nur eine Minderheit von 13 Prozent der LehrkrĂ€fte öfters Kollaborationsplattformen. Nur bei 10 Prozent der Befragten gehörten digitale Klassenarbeiten und Tests zum Schulalltag. 32 Prozent der PĂ€dagogen erreichten beim Einsatz digitaler Medien und Techniken ihre Grenzen, weil sie nicht entsprechend ausgebildet worden seien. Trotz zunehmender UnterstĂŒtzung von den Schulleitungen lernten die meisten von Kollegen an der eigenen Einrichtung.

50 Prozent der BildungsstĂ€tten haben ferner noch kein WLAN, 24 Prozent keine Schulcloud. 95 Prozent der LehrkrĂ€fte nutzen private elektronische GerĂ€te fĂŒr Dienstzwecke. 24 Prozent der Schulen bieten ihnen eine digitale Ausstattung an.

"Ausgelöst durch Coronakrise und Digitalisierungsschub ist die wöchentliche Arbeitszeit der LehrkrĂ€fte um rund 30 bis 60 Minuten gestiegen", weiß Studienleiter Frank Mußmann. Dabei habe die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit der LehrkrĂ€fte schon vor der Pandemie die Normarbeitszeit deutlich ĂŒberstiegen. Von einem Viertel sehr stark belasteter PĂ€dagogen werde sogar die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden in der Woche ĂŒberschritten. Dies gefĂ€hrde deren Gesundheit.

"Wir dĂŒrfen die Digitalisierung an der Schule nicht auf Ausstattungsfragen reduzieren", unterstrich GEW-Vorstandsmitglied Ralf Becker. Drei Balken im WLAN-Symbol bedeuteten nicht automatisch gute Bildung. Die pĂ€dagogisch-sinnvolle Anwendung digitaler Technik und Formate im Unterricht erfordere Zeit sowie Ressourcen fĂŒr Fort- und Weiterbildung ebenso wie fĂŒr die Anpassung analoger an digitale Formate. LehrkrĂ€fte dĂŒrften nicht mit zusĂ€tzlichen IT-Aufgaben belastet werden, sondern sollten sich in ihrer Arbeitszeit auf den Lehrberuf konzentrieren können. Die Digitalpaktmittel fĂŒr IT-Administratoren mĂŒssten endlich an den Schulen ankommen [3].

FĂŒr die Untersuchung befragten die Forscher in Kooperation mit dem Umfragezentrum Bonn im Januar und Februar LehrkrĂ€fte der Sekundarstufen I und II aus allen BundeslĂ€ndern. Das Sample erlaube reprĂ€sentative Befunde.

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(olb [5])


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[1] https://www.gew.de/fileadmin/media/sonstige_downloads/hv/Service/Presse/2021/2021-09-29-STUDIE-Digitalisierung-im-Schulsystem-2021-Gesamtbericht-web.pdf
[2] https://www.heise.de/news/Schulgipfel-Gemeinsame-Bildungsplattform-und-Geld-fuer-Admins-4909305.html
[3] https://www.heise.de/news/DigitalPakt-Es-klemmt-bei-den-Administratoren-6159272.html
[4] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
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