Struck nÀhert sich Union bei heimlichen Online-Durchsuchungen an
Der SPD-Fraktionschef will die Lizenz zur umstrittenen Netzbespitzelung zwar aus der Novelle des BKA-Gesetzes heraushalten, plĂ€diert aber gleichzeitig fĂŒr die vom Koalitionspartner vorgeschlagene Richterband-Lösung.
In der groĂen Koalition tauschen Spitzenpolitiker zwar nach wie vor im Streit um heimliche Online-Durchsuchungen [1] den Fehde-Handschuh aus. Eine Einigung im Kern der Sache hat SPD-Fraktionschef Peter Struck aber nicht mehr ausgeschlossen. Prinzipiell beklagt der Ex-Verteidigungsminister im Nachrichtenmagazin Focus [2] zwar das Vorgehen von Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble (CDU) in der Sicherheitsdebatte: "SchĂ€uble will die SPD diskreditieren, weil wir durch die Zeit von Otto Schily als Innenminister eine Position als Wahrer der Inneren Sicherheit wie der Rechtsstaatlichkeit gewonnen haben." Doch zugleich nannte Struck als Bedingung fĂŒr die EinfĂŒhrung der Lizenz zur umstrittenen Netzbespitzelung fĂŒr das Bundeskriminalamt (BKA) die so genannte Richterband-Lösung, die auch die Union ins Spiel [3] gebracht hat. Dabei sollen alle zu erhaltenden Kommunikationsinhalte zunĂ€chst von den Ermittlern aufgezeichnet werden und ein Richter dann ĂŒber ihre Verwertbarkeit entscheiden.
Auch wenn sich beide Seiten damit einander angenĂ€hert haben, wies Struck die Forderung des Innenministers zurĂŒck, die Novelle des BKA-Gesetzes [4] einschlieĂlich der verdeckten Ausforschung von Festplatten privater PCs vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts [5] zu diesem Thema zu verabschieden: "Es wĂ€re doch absurd, jetzt ein Gesetz zum Bundeskriminalamt inklusive Online-Durchsuchungen zu beschlieĂen, um kurz darauf aus Karlsruhe einen Kriterienkatalog an die Hand zu bekommen, der dies rechtlich sauber regelt." FĂŒr die SPD gelte daher: "SchĂ€uble kann sein BKA-Gesetz sofort haben. Das Thema Online-Durchsuchungen lassen wir offen, bis Karlsruhe entschieden hat. Wenn SchĂ€uble sich diesem Kompromiss verweigert, muss die Kanzlerin eingreifen." Angela Merkel hat sich aber bereits wiederholt hinter den Innenminister gestellt und sich fĂŒr die rasche Schaffung der Befugnis fĂŒr Online-Razzien ausgesprochen [6].
In der rechtlichen Ausgestaltung von Online-Durchsuchungen ist es nach Strucks Ansicht entscheidend, wie das Ausforschen privater Dinge verhindert und der vom Bundesverfassungsgericht als absolut schĂŒtzenswert erachtete [7] Kernbereich der privaten Lebensgestaltung auĂen vor gehalten werden kann. "FĂŒr mich ist unverzichtbar, dass ein unabhĂ€ngiger Richter die Daten prĂŒft und herausfiltert, was nicht fĂŒr die Ermittler zugĂ€nglich sein darf", umschrieb er dabei nichts anderes als den von der Union bevorzugten Ansatz des Richterbandes, den die SPD beim groĂen Lauschangriff noch vehement ablehnte. Nach EinschĂ€tzung des Deutschen Richterbundes ist die Umsetzung dieser Variante in der Praxis aber nur sehr schwer vorstellbar. Auch DatenschĂŒtzer zeigen sich skeptisch [8] ĂŒber diese Form der AusspĂ€hung höchst privater Kommunikationsbereiche.
Scharfe Kritik an SchĂ€uble und seinen Anti-TerrorplĂ€nen ĂŒbte derweil erneut FDP-Chef Guido Westerwelle: Der CDU-Politiker "hat als Innenminister ein AmtsverstĂ€ndnis, das wir in keiner Weise nachvollziehen können", betonte der Liberale im GesprĂ€ch mit der SĂŒddeutschen Zeitung [9]. "Ihm fallen stĂ€ndig Bereiche ein, in denen man die Verfassung noch mehr stutzen könnte. Wir garantieren, dass Herr SchĂ€uble in einer Regierung mit der FDP keinen Durchmarsch machen könnte." Der Innenminister stehe ja nicht allein, dahinter stecke System, mutmaĂte Westerwelle: "Es gibt die verheerende Tendenz, die Freiheit scheibchenweise sterben zu lassen." Schwarz-Rot setze hier die "EinschĂŒchterungspolitik von Rot-GrĂŒn" fort.
Johannes Vogel, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen (Julis) forderte in der Leipziger Volkszeitung [10], SchĂ€uble solle sich offen der Debatte ĂŒber seine Anti-TerrorplĂ€ne stellen, am besten in einem Rededuell mit Westerwelle. SchĂ€uble treibe mit seinen Forderungen nicht nur die Positionen von Union und FDP auseinander und behindere eine schwarz-gelbe Regierungskoalition nach der nĂ€chsten Bundestagswahl. "Er gefĂ€hrdet auch einen Grundkonsens unserer Gesellschaft. Leider stellt er sich keiner Debatte, sondern Ă€uĂert seine VorschlĂ€ge immer nur in Frage- und Nachdenkeform. Ich bezeichne dies als politische Feigheit", so der Julis-Bundesvorsitzende. Vogel lehnt die von SchĂ€uble angestrebten Online-Razzien als Eingriff in die PrivatsphĂ€re ab.
In der Auseinandersetzung [11] um die innere Sicherheit und ein neues Polizeigesetz im baden-wĂŒrttembergischen Landtag lehnt die SĂŒdwest-SPD heimliche Online-Durchsuchungen weiter strikt ab. Ebenfalls kritisch sieht sie andere VorschlĂ€ge der CDU wie den massiven Ausbau der VideoĂŒberwachung, die automatische Erfassung von Autokennzeichen und die vorbeugende Ăberwachung von Telefonen. Die dadurch entstehende Datenmenge helfe gar nichts, wenn es nicht genug Beamte gebe, welche die Daten bearbeiteten und weiterleiteten. "Der Rechtsstaat darf sich nicht schleichend in einen PrĂ€ventionsstaat verwandeln", warnte der Sozialdemokrat Rainer Stickelberger. Es sollten stets die bereits getroffenen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts im Auge behalten werden.
Thomas Blenke, Polizeisprecher der CDU-Landtagsfraktion, betonte dagegen, Online-Razzien seien dringend notwendig, um "BombenattentĂ€tern und PĂ€dophilen das Handwerk zu legen, bevor Schlimmes passiert." Die Sicherheit der Bevölkerung mĂŒsse vor der "akuten Gefahr von Bombenattentaten durch Islamisten" geschĂŒtzt werden. Die derzeitige Rechtslage lasse die Polizei jedoch immer wieder ins Leere laufen. Der baden-wĂŒrttembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) meinte: "Die SPD will die Herausforderungen nicht sehen, vor denen die Sicherheitsbehörden stehen." Anders könne er sich nicht erklĂ€ren, dass alle Instrumente, welche die Polizei brauche, kategorisch abgelehnt wĂŒrden. "Wer das tut, schĂŒtzt nicht die Freiheit, sondern bietet dem Terrorismus und dem organisierten Verbrechen eine offene Flanke", sagte Rech. Den "glĂ€sernen BĂŒrger" wolle aber auch die CDU nicht. (Stefan Krempl) / (spo [12])
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[1] https://www.heise.de/news/Zypries-verschaerft-Kritik-an-Online-Razzien-158601.html
[2] http://www.focus.de
[3] https://www.heise.de/news/Union-Technik-fuer-heimliche-Online-Durchsuchungen-einsatzbereit-150970.html
[4] https://www.heise.de/hintergrund/Schaeuble-will-offene-Diskussion-ueber-neue-Anti-Terrormittel-302650.html
[5] https://www.heise.de/news/Heimliche-Online-Durchsuchung-beschaeftigt-Karlsruhe-Update-156455.html
[6] https://www.heise.de/news/Merkel-will-rasches-Gesetz-fuer-heimliche-Online-Durchsuchungen-149154.html
[7] https://www.heise.de/hintergrund/Lauschangriff-vermasselt-Teilsieg-fuer-die-Buergerrechte-302084.html
[8] https://www.heise.de/news/Skeptische-Stimmen-zur-Online-Durchsuchung-154801.html
[9] http://www.sueddeutsche.de/,ra1l1/deutschland/artikel/803/126607/
[10] http://www.lvz-online.de
[11] https://www.heise.de/news/Streit-in-Baden-Wuerttemberg-um-Online-Durchsuchung-im-Landespolizeigesetz-158340.html
[12] mailto:spo@ct.de
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