Streit um nationale oder EU-Regulierung der Telecom-MĂ€rkte
Auf der Tagesordnung des EU-Telekomrats stand die Debatte, wer Entscheidungen zur Regulierung der TelekommunikationsmÀrkte in Europa treffen darf.
Auf der Tagesordnung des EU-Telekomrats stand am Donnerstag auch die Debatte, wer zukĂŒnftig Entscheidungen zur Regulierung der TelekommunikationsmĂ€rkte in Europa treffen darf. WĂ€hrend die zustĂ€ndigen LĂ€nder-Minister bislang kategorisch auf der nationalen ZustĂ€ndigkeit beharren, will das mitentscheidende EuropĂ€ische Parlament der EU-Kommission eine Entscheidungsbefugnis zuweisen.
Bislang sind die nationalen Regulierungsbehörden zustĂ€ndig [1]. Die Praxis in den einzelnen Staaten ist aber unterschiedlich, sodass beispielsweise in Deutschland der Markt -- zumindest theoretisch -- weit fĂŒr die Konkurrenz geöffnet ist, wĂ€hrend etwa Spanien in diesem Bereich eine Abschottungspolitik betreibt. Auf dem Tisch der Minister lag ein Vorschlag der EU-Kommission, wonach diese selbst letztlich entscheiden darf, um ein harmonisiertes Vorgehen auf europĂ€ischer Ebene sicher zu stellen. Wenn sich Parlament und Rat nicht entgegenkommen, ist die noch fĂŒr dieses Jahr angepeilte Annahme eines ganzen Regelungspaketes zur weiteren Liberalisierung des europĂ€ischen Telekommarktes gefĂ€hrdet.
Deutschland jedenfalls will die Regulierung der TelekommunikationsmĂ€rkte in Europa möglichst in nationaler ZustĂ€ndigkeit belassen. "Wir wollen angesichts eines sich schnell verĂ€ndernden Marktes vor allen Dingen eine hohe Geschwindigkeit bei den Entscheidungen", sagte der StaatssekretĂ€r im Bundeswirtschaftsministeriums, Alfred Tacke, gegenĂŒber dpa zur BegrĂŒndung. Eine zusĂ€tzliche Entscheidungsverlagerung auf europĂ€ische Ebene bedeute weitere Verzögerungen.
Auch innerhalb des Ministerrates ist nach Agenturinformationen eine Reihe von EU-LĂ€ndern nun offenbar entgegen ihrer frĂŒheren Position fĂŒr den Vorschlag der Kommission. Deutschland und weitere EU-Mitgliedstaaten aber wollen nach Angaben aus Delegationskreisen die Entscheidungen so lange den nationalen Regulierungsbehörden ĂŒberlassen, bis der europĂ€ische Telekommarkt vollstĂ€ndig liberalisiert und damit jede Art der Regulierung ĂŒberflĂŒssig ist.
Ein möglicher Kompromiss könnte darin bestehen, der EU-Kommission ein Mitspracherecht in bestimmten grenzĂŒberschreitenden FĂ€llen, wo mutmaĂliche Marktbarrieren bestehen, einzurĂ€umen. In den kommenden Tagen werden nach Angaben aus informierten Kreisen nun alle beteiligten Parteien hinter verschlossenen TĂŒren ĂŒber einen Kompromiss verhandeln. "Es ist nicht sicher, dass wir eine Lösung finden, aber auch nicht ausgeschlossen", sagte der belgische Telekommunikationsminister und amtierenden Ministerratsvorsitze Rik Daems.
Der europĂ€ischen Industrieverband UNICE [2] sprach sich fĂŒr ein Vetorecht der EU-Kommission aus. Ohne eine europĂ€ische Zentralstelle zur Regulierung werde es keinen gemeinsamen Telekommarkt geben. Nach Auffassung des Deutschen Verbandes fĂŒr Post und Telekommunikation (DVPT [3]) dagegen sollte sich die EU-Kommission aus der Regulierung der TelekommunikationsmĂ€rkte heraus halten. Bis auf weiteres sollten dafĂŒr allein nationale Behörden zustĂ€ndig sein, sagte DVPT-Vorsitzender Manfred Herresthal. Wenn die EU-Kommission diese Aufgabe ĂŒbernehme, seien Verzögerungen zu befĂŒrchten: "Dann wird nach dem Langsamsten dereguliert." Erst wenn auf dem Telekommunikationssektor in allen EU-LĂ€ndern gleiche VerhĂ€ltnisse herrschten, könnte nach Auffassung Herresthals neu nachgedacht werden. Wichtig sei auf jeden Fall die Zulassung von Wettbewerb.
Nach Angaben der CSU-Europaabgeordneten und Telekomexpertin Angelika Niebler erreichte der Gesamtumsatz der TelekommunikationsmÀrkte in der EU im Jahr 2000 etwa 218 Milliarden Euro. Dies entspreche einer Zuwachsrate von 9,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Betreiber von Auslands- und FerngesprÀchen bezifferte sie auf gut 460. Das schnellste Wachstum gebe es im Bereich der Mobilfunkdienste. (jk [4])
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-49449
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Regulierungsbehoerde-schimpft-auf-Telekom-49309.html
[2] http://www.unice.org/
[3] http://www.dvpt.org/
[4] mailto:jk@heise.de
Copyright © 2001 Heise Medien