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Streit um "Superregistry"

Monika Ermert

Die LĂ€nderregistrierstellen bestehen darauf, dass ICANN fĂŒr sie eine technische Service-Organisation ist, wĂ€hrend sich ICANN selbst offenbar aber stĂ€rker als Institution mit einem globalen, politischen Auftrag sieht.

Der Streit zwischen den Managern der LĂ€nderregistrierstellen (country code Top Level Domains, ccTLD) und der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) spitzt sich zu. Bei der 3. Tagung des ICANN-Studienkreises in Salzburg warnte die Chefin der DENIC eG, Sabine Dolderer, vor einer "Superregistry" ICANN. Richard Wein, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von nic.at sagte gegenĂŒber Heise, es gebe derzeit keine AnnĂ€herung in den Vertragsverhandlungen zwischen ICANN und den ccTLDs. "Wir wollen VertrĂ€ge mit ICANN und wir sind auch bereit, fĂŒr ICANNs Leistungen zu bezahlen, aber wir wollen wissen, was wir dafĂŒr bekommen."

Wein ist ĂŒberzeugt, dass es in der seit ICANNs Jahrestagung [1] in Marina del Rey erneut hochkochenden Auseinandersetzung eher um grundsĂ€tzliche Fragen als um die von beiden Seiten vorgeschlagenen, verschiedenen Vertragstexte im einzelnen gehe. Die ccTLDs bestehen darauf, dass ICANN fĂŒr sie eine technische Service-Organisation ist, die fĂŒr das reibungslose Funktionieren des Domain Name System (DNS) zu sorgen hat. ICANN selbst sehe sich offenbar aber stĂ€rker als Institution mit einem globalen, politischen Auftrag.

VerĂ€rgert sind die ccTLD-Betreiber etwa ĂŒber ICANNs Anspruch, der in Kalifornien ansĂ€ssigen privaten Firma jederzeit Zugriff auf ihre Registrierdaten zu sichern. Was fĂŒr ICANN-Vertreter Herbert Vitzthum eine Absicherung der Nutzer ist, etwa fĂŒr den Fall einer Neudelegation, erscheint der Gegenseite als völlig ĂŒberzogene Einmischung der ICANN in ihre Arbeit.

"Die ccTLDs können die DatenbestĂ€nde auch bei einer von der jeweiligen Regierung zertifizierten Stelle hinterlegen, auf die ICANN nur dann zugreift, wenn ein Vertrag beendet oder gebrochen wird", sagt Vitzthum. Ein solcher Fall werde die absolute Ausnahme bleiben und bei den perfekt arbeitenden Registrierstellen in Europa vermutlich nie eintreten. Aber man dĂŒrfe nicht nur an Europa denken, wo die LĂ€nderregistrierstellen gute Arbeit leisteten. "Wir fĂŒhren derzeit in Libyen eine Redelegation ohne den alten Datenbestand durch, weil der bisherige Manager die Registrierdaten nur gegen Geld hergeben will."

Vitzthum sieht auch eine gewisse Berechtigung dafĂŒr, die ccTLDs durch den Vertrag an ICANN-Entscheidungen zur DNS-Politik zu binden. "Beispielsweise ist nicht einzusehen, warum eine global operierende ccTLD anders behandelt werden soll als eine generische TLD." ICANN wolle sich zumindest die Möglichkeit offenhalten, in einem solchen Fall Einfluss auf die Registrierbestimmungen zu nehmen. Gedacht ist dabei offensichtlich unter anderem an die Durchsetzung etwa der außergerichtlichen Schlichterverfahren. Schon jetzt haben sich allerdings global operierende TLDs wie ".tv" in der Regel der sogenannten Uniform Dispute Resolution Policy (UDRP) unterworfen. "Sicher," so Vitzthum, "muss man in den VertrĂ€gen noch klarer definieren, was man haben will."

Die ccTLD-Vertreter bestehen aber entschieden auf ihrem eigenen Vertragsentwurf. Sie sind empört darĂŒber, dass ICANNs PrĂ€sident Stuart Lynn sich eindeutig gegen "Service-VertrĂ€ge" ausgesprochen hat, in denen etwa regelmĂ€ssig Rechenschaft ĂŒber den technischen Status quo der Root-Server abgelegt wird. Doch ICANN verhandelt derzeit selbst erst ĂŒber Vereinbarungen mit den 13 Root-Server-Betreibern, "und eine Garantie fĂŒr 24-Stunden-VerfĂŒgbarkeit werden wir da auch nicht bekommen", sagt Vitzthum. Dennoch sei der Root-Server-Betrieb so redundant ausgelegt, dass die StabilitĂ€t jederzeit gesichert sei.

Vizthum rechnet damit, dass es bereits bei der kommenden ICANN-Tagung [2] in Accra erste Abkommen mit einem Root-Server-Betreiber geben wird. Auch fĂŒr die ĂŒber 250 VertrĂ€ge mit den LĂ€nderregistrierstellen ist der ehemalige nic.at-Chef optimistisch. In den vergangenen drei Jahren konnte ICANN lediglich einen Vertrag mit der australischen Registry abschliessen. Hoch umstritten war bisher auch die Rolle der nationalen Regierungen, viele ccTLD-Betreiber lehnen einen zu starken Einfluss der Regierungen ab.

In Accra stehen auch die Verhandlungen ĂŒber den finanziellen Beitrag der nationalen Registrierstellen zum ICANN-Budget an. Nic.at-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Wein wollte sich vorerst noch nicht zu einem möglichen Finanzierungsstop Ă€ussern. "Ob die ccTLDs bezahlen oder nicht, die Verhandlungen gehen trotzdem weiter", sagt Vitzthum. Man sei bereit, mit jedem einzelnen der LĂ€nderregistrare zu sprechen. Am heutigen Sonntag gibt es erneut informelle GesprĂ€che mit Vertretern des europĂ€ischen Verbands der nationalen Registrierstellen. (Monika Ermert) / (anw [3])


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[1] http://www.icann.org/mdr2001/
[2] http://www.icann.org.gh/
[3] mailto:anw@heise.de