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Streit um Internetsperren verzögert EU-Telecom-Paket

Volker Briegleb

Der um Internetsperren bei Urheberrechtsverletzungen und die Frage der richterlichen Kontrolle schwelende Streit zwischen EU-Parlament und den Ministern der Mitgliedsstaaten verzögert die Verabschiedung des neuen Rechtsrahmens fĂŒr die Telekom-Branche.

Die europĂ€ische Debatte um Internetsperren bei wiederholten Urheberrechtsverletzungen verzögert die Verabschiedung des Telecom-Pakets [1]. Die zustĂ€ndigen Minister der 27 Mitgliedsstaaten wollen noch einmal an den Verhandlungstisch zurĂŒckkehren, nachdem das EU-Parlament ĂŒberraschend von einem zuvor ausgehandelten Kompromiss abgewichen war und die unter anderem von Frankreich favorisierten Internetsperren unter Richtervorbehalt [2] gestellt hatte. Nach einem Treffen des Ministerrats in Luxemburg erklĂ€rten [3] die tschechische RatsprĂ€sidentschaft und Medienkommissarin Viviane Reding am heutigen Donnerstag, die Minister wollten in der Streitfrage erneut verhandeln.

Die Entscheidung ĂŒber einen neuen Rechtsrahmen fĂŒr den Telekommarkt könnte sich damit weiter verzögern. Der Streit entzĂŒndet sich an den PlĂ€nen Frankreichs, Internetnutzern, die 3-mal mit der Verbreitung urheberrechtlich geschĂŒtzten Materials aufgefallen sind, auf dem kurzen Dienstweg den Anschluss zu sperren. Dagegen hatte sich im EU-Parlament eine fraktionsĂŒbergreifende Opposition gebildet, die bei der Abstimmung entgegen des zuvor ausgehandelten Kompromisses [4] fĂŒr eine Fassung votierte, laut der Sperren nur nach einem Gerichtsentscheid möglich sind. Die Minister fĂŒhlen sich dĂŒpiert.

Der Ministerrat will nun mit dem neu gewĂ€hlten Parlament [5], in dem die konservativen KrĂ€fte gestĂ€rkt sind, in eine neue Schlichtungsrunde gehen, in der Sache aber hart bleiben. Das Telecom-Paket soll eine neue Gesetzesgrundlage fĂŒr den europĂ€ischen Telekomsektor schaffen. Die Minister haben es eilig und wollen das Paket so schnell wie möglich fertig schnĂŒren, eine Abspaltung der strittigen Frage steht zunĂ€chst wohl nicht zur Debatte. "Die Industrie braucht StabilitĂ€t und Rechtssicherheit", sagt Reding. Das neue Parlament tritt allerdings erst am 14. Juli zu seiner ersten Sitzung zusammen.

Bis dahin spielt die Musik in Paris. Denn inzwischen hat Frankreich auch auf eigenem Terrain mit schwerem Widerstand gegen das Sperrvorhaben zu kĂ€mpfen. Das französische Verfassungsgericht erklĂ€rte Internetsperren ohne richterliche Anordnung fĂŒr verfassungswidrig [6]. Die Regierung Sarkozy will ihr umstrittenes Gesetz zum Schutz geistigen Eigentums nun zunĂ€chst ohne Möglichkeit von Sperren umsetzen [7], diese aber nachbessern [8]. Der Einspruch der französischen "Verfassungs-Weisen" dĂŒrfte die EU-Parlamentarier in ihrer Überzeugung bestĂ€rken.

Siehe dazu auch:

(vbr [12])


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[1] https://www.heise.de/news/EU-Telecom-Paket-Neue-Regeln-fuer-Netzzugang-Frequenzvergabe-und-Datenschutz-217665.html
[2] https://www.heise.de/news/EU-Parlament-stimmt-gegen-Internetsperren-bei-Urheberrechtsverletzungen-217649.html
[3] http://www.eu2009.cz/en/news-and-documents/news/presidency-press-statement-on-the-state-of-play-regarding-the-_telecoms-package_-25123/
[4] https://www.heise.de/news/Einfuehrung-von-Internetsperren-bei-Copyright-Verstoessen-auf-EU-Ebene-erleichtert-216819.html
[5] http://www.elections2009-results.eu/de/index_de.html
[6] https://www.heise.de/news/Franzoesisches-Internet-Sperren-Gesetz-nicht-verfassungskonform-180384.html
[7] https://www.heise.de/news/Frankreich-will-Filesharing-Gesetz-vorerst-ohne-Internetsperren-umsetzen-180873.html
[8] https://www.heise.de/news/Franzoesische-Regierung-haelt-an-Internetsperren-Gesetz-fest-180685.html
[9] https://www.heise.de/news/Unehrliche-Manoever-bei-Nein-zu-Internetsperren-kritisiert-218106.html
[10] https://www.heise.de/news/EU-Telecom-Paket-Neue-Regeln-fuer-Netzzugang-Frequenzvergabe-und-Datenschutz-217665.html
[11] https://www.heise.de/news/EU-Parlament-stimmt-gegen-Internetsperren-bei-Urheberrechtsverletzungen-217649.html
[12] mailto:vbr@heise.de