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"Sommertheater" bringt Telekom in Misskredit

Nicht nur Telekom-Mitarbeiter, auch Börsianer und WirtschaftsfĂŒhrer fordern Abstinenz der Politik bei der Telekom.

Die Telekom geschĂ€digt, der Investitionsstandort Deutschland gefĂ€hrdet: Das grĂ¶ĂŸte Telekommunikationsunternehmen Europas und AushĂ€ngeschild der deutschen Wirtschaft droht durch das Polit-Theater um die Ablösung [1] von Vorstandschef Ron Sommer schweren Schaden zu nehmen. Nicht nur Telekom-Mitarbeiter, auch Börsianer und WirtschaftsfĂŒhrer fordern Abstinenz. Ihrer Ansicht nach haben die Einmischung der politischen Parteien und deren Wahlkampfgetöse mehr zur Verunsicherung als zur Stabilisierung des hoch verschuldeten Unternehmens und seiner gebeutelten T-Aktie beigetragen.

Im WDR kritisierte der frĂŒhere BDI-PrĂ€sident Hans Olaf Henkel am Dienstag das Gezerre um Chefsessel: "Wer hat bei deutschen Firmen eigentlich das Sagen, die Politik oder der Aufsichtsrat?", fragte er. Doch die Telekom ist zwischen Regierung und Opposition lĂ€ngst zu einem Spielball im Bundestagswahlkampf 2002 geworden. Telekom-Sprecher Ulrich Lissek nennt das "Repolitisierung" des einstigen Staatskonzerns, an dem der Bund noch mit 43 Prozent beteiligt ist. FĂŒr das Image der Telekom, die sich als Global Player im internationalen Telekom-GeschĂ€ft sieht, ist der öffentlich ausgetragene Streit alles andere als förderlich. John Stanton, Chef der US-Mobilfunktochter VoiceStream, spricht aus, was Anlegern auf den NĂ€geln brennt: "Die Investoren in den USA verlieren das Vertrauen in den Konzern." Einige US-Anleger sollen gar Klagen gegen die Bundesregierung erwĂ€gen.

Dass Politiker jetzt AktionĂ€ren hinterherlaufen, ist fĂŒr Henkel der eigentliche Skandal bei diesem "Sommertheater". Offenbar geht es der Bundesregierung, die noch vor wenigen Wochen Sommer RĂŒckendeckung gab, nur ums Stimmvolk -- fast drei Millionen Kleinanleger sind kein Pappenstiel. Der Telekom-Chef, den die Regierung fĂŒr den dramatischen Fall der T-Aktie verantwortlich macht, soll das Bauernopfer werden.

Bei allem Streit um die Top-Personalie ist die Konzernstrategie völlig in den Hintergrund getreten. Diese hatten in den vergangenen Jahren alle VorstĂ€nde getragen und sie war vom Aufsichtsrat genehmigt worden. Mit Mobilfunk, Online-GeschĂ€ft, Festnetz und SystemgeschĂ€ft setzt die Telekom auf vier Sparten und baute sie durch Akquisitionen systematisch aus. Nach Ansicht von Analysten und Branchenexperten ist die Telekom mit ihrer Strategie keineswegs fehlgeschlagen. Im Vergleich zu Konkurrenten wie France Telecom steht das Unternehmen im internationalen Vergleich sogar relativ gut da. Doch es drĂŒckt ein Schuldenberg von rund 67 Milliarden Euro.

Den Abbau der Schulden, die wesentlich zum Kursverfall beigetragen haben, erklÀrte der Vorstand lÀngst zur obersten PrioritÀt und legte ein Sparprogramm auf. Nach den jetzigen PlÀnen sollen die Verbindlichkeiten bis 2003 auf 50 Milliarden Euro schrumpfen. Helfen soll dabei auch der Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile, der wegen der schlechten Stimmung an den KapitalmÀrkten immer wieder verschoben wurde. Diese Strategie kann vermutlich auch ein neuer Telekom-Chef nicht völlig umkrempeln. HÀtte die Telekom ihre Internationalisierung verpasst, hielt Sommer seinen Kritikern immer wieder entgegen, wÀre das Unternehmen heute ein kleiner regionaler Anbieter. (Peter Lessmann, dpa) / (jk [2])


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[2] mailto:jk@heise.de