zurück zum Artikel

Sommer-Wahlkampftheater um den Telekom-Chef

Torge Löding

Die Tage von Ron Sommer an der Spitze der Deutschen Telekom sind anscheinend gezÀhlt.

Die Tage von Ron Sommer an der Spitze der Deutschen Telekom sind anscheinend gezĂ€hlt. Immer mehr verdichteten sich die Hinweise [1], nach denen Bundeskanzler Gerhard Schröder den Telekom-Vorstandschef kurzfristig fallen lassen will. Der mĂ€chtig unter Druck geratene Sommer dĂŒrfte nach EinschĂ€tzung aus Branchenkreisen wohl mit einem RĂŒcktritt sein Ende an der Vorstandsspitze der Deutschen Telekom selbst bestimmen und nicht auf seine Abberufung durch den Aufsichtsrat warten.

Als Nachfolger wurde bereits der frĂŒhere Volkswagen-Vorstandschef und Kanzler-Intimus Ferdinand Piech ins GesprĂ€ch gebracht -- eine Meldung, die von der Bundesregierung und VW umgehend dementiert wurde. Sollte Piech oder ein Ă€hnliches Manager-Kaliber auf den Posten rĂŒcken, hĂ€tte Schröder einen Sanierer aus dem Hut gezaubert und mitten im Wahlkampf HandlungsfĂ€higkeit bewiesen.

FĂŒr Schröder sind Sommer und die Telekom-Krise zum WahlkampfkalkĂŒl geworden. Rund 2,8 Millionen KleinaktionĂ€re sind ĂŒber den rasanten Kursverfall der T-Aktie verĂ€rgert. Das sind auch WĂ€hler. Ihren Unmut könnte Schröder mit der Hoffnung auf einen Neustart an der Konzernspitze erst einmal besĂ€nftigen. Sommer steht seit Monaten -- ungeachtet der global schlechten Lage der Branche -- im Brennpunkt öffentlicher Kritik. Vor allem ihm werden der Kurssturz, die immens hohe Schuldenlast von mehr als 67 Milliarden Euro und ein zu teurer Expansionskurs des Konzerns angelastet. Die "Volksaktie" ist gegenĂŒber ihrem Höchststand von rund 105 Euro im MĂ€rz 2000 nur noch ein Zehntel wert.

ZunĂ€chst hatte Bundeskanzler Schröder dem Telekom-Chef noch den RĂŒcken gestĂ€rkt. Damit war es spĂ€testens vorbei, als ein geheimer Bericht des Bundesrechnungshofs auftauchte, in dem geharnischte Kritik am Niedergang der Telekom geĂŒbt worden sein soll. Das wĂ€re auch Munition fĂŒr die Union und ihren Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Mit einer Ablösung Sommers böte der Kanzler der Union hier im Wahlkampf eine AngriffsflĂ€che weniger. Friedrich Merz, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag, sah sich bereits zu einem eigenen Kommentar veranlasst "Ich warne den Bundeskanzler vor SPD-Parteipolitik in der Deutschen Telekom. [...] Es wĂ€re ein verheerendes Signal, wenn die Bundesregierung die Deutsche Telekom missbrauchen wĂŒrde, um von den aktuellen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt und bei Babcock abzulenken." Ob Sommer geht, Piech kommt oder gar Wirtschaftsminister Werner MĂŒller den Job als Telekom-Chef ĂŒbernimmt, wie Merz befĂŒrchtet: Aus dem Tal der TrĂ€nen [2] wĂ€re die Telekom in keinem der FĂ€lle.

Vom Wunder- zum PrĂŒgelknaben

Ron Sommer, 53, hat alle Höhen und Tiefen an der Spitze des grĂ¶ĂŸten Telekommunikationskonzerns Europas durchlebt: Einst als HoffnungstrĂ€ger gefeiert, wurde der Manager nach dem dramatischen Kursverfall der T-Aktie zum PrĂŒgelknaben der enttĂ€uschten KleinaktionĂ€re. FĂŒr die ĂŒppige Erhöhung ihrer GehĂ€lter trotz Milliardenverlusten wurden Sommer und seine Vorstandskollegen auf der letzten Hauptversammlung Ende Mai in Köln ausgebuht und verteufelt [3].

Geboren wurde Sommer 1949 als Sohn einer russischen JĂŒdin und eines Deutschen in der israelischen Hafenstadt Haifa. Ende der 50er Jahre siedelte die Familie nach Österreich ĂŒber. In Wien studierte Sommer Mathematik und trug mit 21 Jahren schon einen Doktortitel.

Seine berufliche Laufbahn begann Mitte der 70er Jahre beim Computerhersteller Nixdorf in Paderborn. 1993 stieg er bei Sony zum Europa-PrÀsidenten auf. Zwei Jahre spÀter wechselte Sommer nach Bonn, um den Staatskonzern Deutsche Telekom zu modernisieren.

Sein Privatleben hĂ€lt der stets höfliche Sommer eisern unter Verschluss. Ohne Schlips und Kragen sah man ihn nur bei den Tour de France-Siegesfeiern des konzerneigenen Radrennstalls. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er durch den Börsengang der Telekom 1996 bekannt. In der Folgezeit prĂ€sentierte sich Sommer gerne als Anwalt der T-AktionĂ€re.

Als die T-Aktie ins Bodenlose abstĂŒrzte und unzĂ€hlige Kleinanleger sich um ihre Altersversorgung betrogen fĂŒhlten, kĂŒndigten sie dem smarten Manager die Gefolgschaft. Als "TotengrĂ€ber der Aktienkultur" wurde Sommer beschimpft -- vorlĂ€ufiger Tiefpunkt in der Karriere des einstigen Börsenlieblings.

Vom staatlichen Posthorn zum magenta Riesen

Dabei fing alles so gut an: Als Sommer 1995 zur Telekom kam, war die Umwandlung der privatisierten Deutschen Telekom bereits sechs Jahre, seit 1989, im Gange. Mittlerweile ist die AG einer der grĂ¶ĂŸten Telekommunikationsanbieter Europas und weltweit in die Top 10 gelangt. Allein in Deutschland betrieb die Telekom Ende vergangenen Jahres 50,7 Millionen TelefonanschlĂŒsse. Mobil telefonieren weltweit rund 67 Millionen Menschen ĂŒber die Telekom und ihre Töchterfirmen.

Der Konzern ist in vier Bereiche aufgeteilt. Im Bereich von T-Com ist das FestnetzgeschĂ€ft gebĂŒndelt, bei T-Mobile sĂ€mtliche MobilfunkaktivitĂ€ten. Mit T-Online verfĂŒgt die Telekom ĂŒber den grĂ¶ĂŸten Onlinedienst Europas mit fast 11 Millionen Kunden. Bei T-Systems sind die Leistungen im Bereich Informationstechnik und E- Business zusammengefasst. 2001 kam der Telefonriese auf einen Umsatz von 48,3 Milliarden Euro. Der Verlust betrug vor allem durch Abschreibungen rund 3,5 Milliarden Euro. Zum Jahresende beschĂ€ftigte die Telekom weltweit rund 257 000 Menschen.

Unter anderem der Kauf des US-Anbieters VoiceStream und der UMTS-Lizenz bescherten dem Konzern eine Schuldenlast von ĂŒber 67 Milliarden Euro. Bis Ende 2003 sollen die Verbindlichkeiten auf 50 Milliarden Euro sinken. GrĂ¶ĂŸter Anteilseigner ist nach wie vor auch nach den BörsengĂ€ngen, die die Aktie zur Volksaktie werden ließen, die Bundesrepublik Deutschland mit knapp 31 Prozent. Die Kreditanstalt fĂŒr Wiederaufbau hĂ€lt ĂŒber 12 Prozent. Seinen Höchststand hatte das Papier im MĂ€rz 2000 mit gut 100 Euro gesehen. (tol [4])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-68927

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Spekulationen-bei-der-Telekom-Piech-als-neuer-Chef-gehandelt-Update-68855.html
[2] https://www.heise.de/news/Die-T-Aktie-im-tiefen-Tal-der-Traenen-Update-64751.html
[3] http://www.heise.de/ct/02/13/044/default.shtml
[4] mailto:tol@heise.de