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Softwarepatente: Der Tigersprung des EU-Parlaments

Stefan Krempl

Uneinheitliche Reaktionen nach dem BegrĂ€bnis der Richtlinie: Deutsche IndustrieverbĂ€nde zeigen sich enttĂ€uscht, wĂ€hrend die Abgeordneten nun in grĂ¶ĂŸerem Rahmen die Patentierungsprobleme lösen wollen.

Industrienahe deutsche Branchenvereinigungen sprechen angesichts des Scheiterns [1] der heftig umstrittenen EU-Richtlinie ĂŒber die Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" von einer herben EnttĂ€uschung. So bedauern etwa der Zentralverband Elektrotechnik und Elektroindustrie (ZVEI) sowie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die ZurĂŒckweisung des Vorschlages des EU-Rates durch das Europaparlament. Damit sei eine Chance fĂŒr eine Harmonisierung der Patentierungsregeln verpasst worden, glauben die VerbĂ€nde. Die Beibehaltung des Status quo sei aber besser als eine Richtlinie, welche die bestehenden Patentierungsmöglichkeiten aufweiche und der Industrie schweren Schaden zufĂŒge. "Ein wirksamer Schutz geistigen Eigentums ist und bleibt Voraussetzung fĂŒr die Sicherung der Innovations- und WettbewerbsfĂ€higkeit eines Hightech-Standortes Deutschland", betont ZVEI-PrĂ€sident und BDI-VizeprĂ€sident Edward G. Krubasik.

Derselben Ansicht ist auch Heinz-Paul Bonn, VizeprĂ€sident des Branchenverbands Bitkom. Es sei ein Trauerspiel, dass in der hitzigen Diskussion zwischen strikten Gegnern und BefĂŒrwortern "eine ausgewogene rechtliche Einigung nicht mehr möglich war." Die von Bonn favorisierte Ratsposition, welche die TĂŒren zur Patentierung von Software und "technischer" GeschĂ€ftsmethoden weit aufgestoßen hĂ€tte, erschien der ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit der Abgeordneten allerdings als Affront. Vertreter des Mittelstands hatten sich daher in ersten Reaktionen nach der Abstimmung ĂŒberwiegend erleichtert gezeigt ĂŒber das Aus fĂŒr die ungeliebte Richtlinie, auch wenn ihnen eine klare Begrenzung der Softwarepatentierung gemĂ€ĂŸ der Vorgaben des Berichterstatters Michel Rocard lieber gewesen wĂ€re. Sie interpretieren die erneut bestĂ€tigte Mehrheit im Parlament gegen eine Ausweitung des Patentsystems aber auch als klares Signal an das EuropĂ€ische Patentamt, seine weitgehenden Praxis bei der Softwarepatentvergabe alsbald zu beenden.

Das "DrittklassbegrĂ€bnis" der Richtlinie ist auch fĂŒr die grĂŒne EU-Abgeordnete Eva Lichtenberger von den GrĂŒnen "noch nicht ausreichend". Das Parlament muss ihrer Ansicht nach jetzt die Initiative fĂŒr ein EU-Gemeinschaftspatent selbst voranbringen. Nur in diesem grĂ¶ĂŸeren Rahmen könnten die bestehenden Probleme in Patentierungsfragen gelöst werden. Zuversichtlich stimmt sie dabei, dass eine Mehrheit der Parlamentarier vor der 2. Lesung erkannt habe, dass fĂŒr kleine und mittlere Unternehmen und damit fĂŒr das "RĂŒckgrat der europĂ€ischen Wirtschaft" Freiheit fĂŒr kreative Entwicklungen nötig seien -- nicht ein enges Patentkorsett.

"Die Entscheidung des EuropĂ€ischen Parlaments, die Softwarepatent-Richtlinie zu kippen, war die einzig mögliche Entscheidung", ist sich VizeprĂ€sident der EuropĂ€ischen Volkspartei, Othmar Karas, mit seiner österreichischen Landsfrau einig. "Es war aber auch ein klares Signal, dass sich das EuropĂ€ische Parlament seiner Rolle im gemeinsamen Gesetzgebungsverfahren mit dem Rat bewusst ist. Heute sind wir als Tiger gesprungen und auch als Tiger gelandet", klopft der wirtschaftspolitische Sprecher der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) seinen Kollegen auf die Schulter. Jetzt liege es am Rat, seine Blockade gegen ein einheitliches europĂ€isches Patentrecht aufzugeben und seine Position gegenĂŒber der Patentierbarkeit von Softwareentwicklungen grundlegend zu modifizieren. Karas unterstĂŒtzt auch die Aufforderung an die Kommission, umgehend Konsultationen ĂŒber eine Harmonisierung des europĂ€ischen Patentrechts aufzunehmen. Das ergebe aber nur Sinn, wenn die Kommission die Ergebnisse der jahrelangen Diskussionen aufnehme.

"Keine Panik" lautet das Motto im Bundesjustizministerium, das dem Vorschlag des Rates entgegen dem einstimmigen Beschluss des Bundestags [2] prinzipiell die Stange gehalten hatte. "Die am Patentschutz interessierten Erfinder und Unternehmen haben sich in Deutschland unter den bestehenden Rahmenbedingungen bisher ebenso gut entwickeln können wie die nach dem Open-Source-Modell arbeitenden Software-Entwickler. Ich gehe davon aus, dass dies bei unverĂ€nderter Rechtslage auch weiterhin der Fall sein wird", kommentiert Hausherrin Brigitte Zypries das Scheitern der Richtlinie. GĂŒnter Krings, Unions-Experte fĂŒr geistiges Eigentum, gibt ihr dagegen eine Mitschuld daran, weil sie mit dem ausgewogenen Bundestagsbeschluss im RĂŒcken schon frĂŒher auf einen "vernĂŒnftigen Interessensausgleich" mit dem Rat hĂ€tte hinarbeiten können. Der Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer, Uwe KĂŒster, und der forschungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Jörg Tauss, loben ihre EU-Kollegen derweil, weil diese trotz der "IntensitĂ€t der Lobbyarbeit insbesondere außereuropĂ€ischer Grossunternehmen eindrucksvoll die Interessen der mittelstĂ€ndisch geprĂ€gten Softwareindustrie in Europa vertreten" hĂ€tten.

Mehr positive als negative Aspekte können im Gegensatz zu ihren hiesigen Pendants offiziell auch EU-weite BranchenverbĂ€nde dem Votum des Parlaments abgewinnen. "Die vom EuropĂ€ischen Patentamt gewĂ€hrten SchutzansprĂŒche bleiben bestehen", sagt Francis Mingorance von der Business Software Alliance (BSA), die Firmen wie IBM, Intel oder Microsoft vertritt. Ähnlich reagierte die EICTA, der ebenfalls viele Hightech-Konzerne angehören. Die "weise Entscheidung" werde sicherstellen, "dass alle High-Tech-Unternehmen in Europa auch weiterhin von einem hohen Patentschutz profitieren", heißt es dort. Beide Vereinigungen hatten zuvor aber heftig fĂŒr die Ratslinie Partei ergriffen.

Zu den Auseinandersetzungen um Softwarepatente in Europa und die EU-Richtlinie zur Patentierbarkeit "computerimplementierter Erfindungen" siehe den Artikel auf c't aktuell (mit Linkliste zu den wichtigsten Artikeln aus der Berichterstattung auf heise online und zu den aktuellen Meldungen):

(Stefan Krempl) / (anw [4])


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[1] https://www.heise.de/news/EU-Parlament-beerdigt-Softwarepatentrichtlinie-113851.html
[2] https://www.heise.de/news/Bundestag-gibt-klares-Votum-gegen-Softwarepatente-ab-136200.html
[3] http://www.heise.de/ct/aktuell/meldung/61230
[4] mailto:anw@heise.de