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SchÀuble bespricht Terrorabwehr mit USA und Russland

Stefan Krempl

Der Bundesinnenminister will den transatlantischen Informationsaustausch im Sicherheitsbereich weiter intensivieren, gemeinsame AnsĂ€tze zur InternetĂŒberwachung voranbringen und den Flugdatentransfer neu regulieren.

Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble, gegen den es momentan Proteste [1] von allen Seiten [2] wegen seiner PlĂ€ne zur Ausweitung [3] des Überwachungsnetzes hagelt, hat sich vor Ostern noch viel vorgenommen. Am heutigen Mittwoch trifft sich der amtierende Ratsvorsitzende der EU-Innenminister in Berlin mit dem US-Minister fĂŒr Homeland Security, Michael Chertoff [4], Russlands PrĂ€sidentenberater Viktor Iwanow und dem russischen Innenminister Raschid Nurgalijew sowie EU-Justizkommissar Franco Frattini. Schwerpunkt der Beratungen sollen zuvorderst gemeinsame Interessen im Bereich der TerrorismusbekĂ€mpfung sein. Aber auch der Grenzschutz und der Kampf gegen die Drogenproblematik in Afghanistan als Beitrag zur Stabilisierung des Landes werden besprochen.

Nur einen Tag spĂ€ter, am GrĂŒndonnerstag, will der CDU-Politiker dann mit Frattini, Chertoff, dem stellvertretenden US-Justizminister Kenneth Wainstein sowie Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) tagen. Die Terrorabwehr steht auch hier ganz oben auf der Agenda, zudem die Besprechung des in GrundzĂŒgen schon vereinbarten [5] "intensiveren Informationsaustauschs" in Sicherheitsfragen mit den USA.

FĂŒr SchĂ€uble ist es bei der Behandlung "international bedeutender Sicherheitsfragen besonders wichtig, eng und vertrauensvoll mit den Vereinigten Staaten zu kooperieren". Die deutsche EU-RatsprĂ€sidentschaft wolle daher die "strategisch wichtigen transatlantischen Beziehungen" weiter stĂ€rken. Aber auch "schwierige Themen" seien anzusprechen und voranzubringen. Der Innenminister will etwa "eine erste Bilanz der bisherigen Arbeiten zur Festlegung gemeinsamer Grundprinzipien des Datenschutzes beim Informationsaustausch im Sicherheitsbereich ziehen". Hierzu lĂ€gen erste Ergebnisse der anlĂ€sslich der letzten EU-USA GesprĂ€che im November eingerichteten "hochrangigen Kontaktgruppe zum Datenschutz vor". Gemeinsames Ziel sei es, "den transatlantischen Informationsaustausch im Sicherheitsbereich weiter zu verbessern und zu intensivieren."

Die deutsche RatsprĂ€sidentschaft hat Mitte MĂ€rz einen neuen Vorschlag [6] fĂŒr einen EU-Rahmenbeschluss zum Datenschutz im Sicherheitsbereich unterbreitet, wonach etwa der besonders umkĂ€mpfte Austausch von Polizeidaten mit Drittstaaten wie den USA von den Regelungen unberĂŒhrt bleiben soll. Die Bundesregierung will damit dem transatlantischen Partner weit entgegenkommen: Vertreter Washingtons hatten bereits frĂŒhzeitig ihr Missfallen ĂŒber die zunĂ€chst von der EU-Kommission ins Spiel gebrachte [7] und unter anderem von EU-DatenschĂŒtzern [8] sowie dem EU-Parlament unterstĂŒtzten restriktive Drittstaatenregelung deutlich gemacht. Den USA geht es beispielsweise darum, die auf Basis der Pflicht zur Vorratsdatenspeicherung [9] gesammelten Telefon- und Internetdaten auch fĂŒr ihre Behörden nutzen zu dĂŒrfen. Laut dem Kommissionsentwurf sollte der Transfer von Polizeidaten aber nur gestattet werden, wenn die Bezieher selbst einen "angemessenen Datenschutz" nach EU-Standards gewĂ€hrleisten.

Ebenfalls Thema der Konsultationen am Donnerstag wird der Stand der Verhandlung eines neuen transatlantischen Abkommens zur umstrittenen Übermittlung von Flugpassagierdaten [10] (Passenger Name Records, PNR) sein. Das kurzfristig zwischen der BrĂŒssel und Washington im Rahmen der intergouvermentalen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten ausgehandelte Interimsabkommen [11] ist bis Ende Juli befristet und muss deshalb ersetzt werden. Der neue Vertrag soll laut Innenministerium "langfristig Rechtssicherheit schaffen, ein hohes Maß an Sicherheit gewĂ€hrleisten und einen soliden Datenschutz bieten." Die laufenden Verhandlungen der EU mit den USA leitet die deutsche RatsprĂ€sidentschaft in enger Kooperation mit der Kommission; Chertoff aber reklamierte bereits [12] kurz vor seinem Besuch in Europa das "absolute Recht" der USA auf persönliche Daten von EuropĂ€ern bei der Einreise.

Im Bereich der TerrorismusbekĂ€mpfung sollen insbesondere die Probleme der Radikalisierung und Rekrutierung von AnhĂ€ngern terroristischer Strukturen im Blickpunkt stehen. Dabei will SchĂ€uble in der Diskussion auch die zunehmende Bedeutung des Internets fĂŒr diese Zwecke sowie mögliche BekĂ€mpfungsansĂ€tze in den Vordergrund stellen. Hierzulande macht sich der CDU-Politiker dabei etwa neben dem Ausbau der anlassunabhĂ€ngigen NetzĂŒberwachung [13] fĂŒr die rasche Schaffung einer Rechtsgrundlage fĂŒr die umstrittenen Online-Durchsuchungen stark.

Bei dem heutigen trilateralen Treffen unter Einbeziehung russischer Regierungsvertreter wollen sich SchĂ€uble und seine GesprĂ€chspartner unter anderem mit der Frage des Schutzes kritischer Infrastrukturen vor terroristischen AnschlĂ€gen sowie Möglichkeiten einer verstĂ€rkten Kooperation in diesem Bereich beschĂ€ftigen. SchĂ€uble will auch die Ziele sowie bereits erreichten Ergebnisse der deutschen EU-RatsprĂ€sidentschaft zur StĂ€rkung des gemeinsamen Grenzschutzregimes in Europa vorstellen. Wirksame und nachhaltige Grenzkontrollen seien ein zentrales Element im Kampf gegen illegale Migration, grenzĂŒberschreitende KriminalitĂ€t sowie Waffen- und Drogenschmuggel.

Zu den Auseinandersetzungen um die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe auch die Übersicht ĂŒber die bisherige und die aktuelle Berichterstattung im Online-Artikel zum Start der Anti-Terror-Datei:

(Stefan Krempl) / (jk [15])


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[1] https://www.heise.de/news/Widerstand-in-der-SPD-gegen-Verschaerfung-der-Sicherheitsgesetze-164435.html
[2] https://www.heise.de/news/Polizeigewerkschaft-kritisiert-Schaeuble-Katalog-164293.html
[3] https://www.heise.de/news/Schaeubles-lange-Liste-fuer-weitere-Ermittlungsbefugnisse-164101.html
[4] https://www.heise.de/news/USA-reklamieren-absolutes-Recht-auf-persoenliche-Daten-von-Europaeern-bei-der-Einreise-164820.html
[5] https://www.heise.de/news/Deutschland-und-USA-vereint-fuer-schaerfere-Internetueberwachung-165995.html
[6] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-fuer-weite-Ausnahmen-beim-EU-Datenschutz-im-Sicherheitsbereich-159250.html
[7] https://www.heise.de/news/Bruessel-will-Datenschutz-im-Sicherheitsbereich-vereinheitlichen-135184.html
[8] https://www.heise.de/news/Hoher-Datenschutzstandard-bei-polizeilicher-EU-Kooperation-gefordert-120285.html
[9] https://www.heise.de/news/EU-Parlament-beschliesst-massive-ueberwachung-der-Telekommunikation-157997.html
[10] https://www.heise.de/news/EU-Datenschuetzer-fordern-ueberpruefung-des-Passagierdatentransfers-an-die-USA-162803.html
[11] https://www.heise.de/news/EU-und-USA-einigen-sich-auf-Interimsabkommen-beim-Passagierdatentransfer-168891.html
[12] https://www.heise.de/news/USA-reklamieren-absolutes-Recht-auf-persoenliche-Daten-von-Europaeern-bei-der-Einreise-164820.html
[13] https://www.heise.de/news/Schaeuble-und-GdP-fordern-schaerfere-ueberwachung-von-Netzinhalten-154646.html
[14] https://www.heise.de/hintergrund/Von-der-Anti-Terror-Gesetzgebung-ueber-die-Anti-Terror-Datei-zum-Schaeuble-Katalog-302578.html
[15] mailto:jk@heise.de