Rundfunk-LĂ€nderchef besteht auf offenem Zugang zum Kabel
Der rheinland-pfĂ€lzische MinisterprĂ€sident Kurt Beck will Liberty verpflichten, Set-Top-Boxen fĂŒrs Kabel-TV mit dem Standard MHP auszurĂŒsten.
Im seit Monaten tobenden Streit zwischen den neuen Kabelbossen und den Regulierern will der Vorsitzende der Rundfunkkommission der LĂ€nder, Kurt Beck [1], hart bleiben. Auf einer Veranstaltung der Kabelfirma Tele Columbus [2] am Donnerstagabend in Berlin machte der SPD-Politiker unmissverstĂ€ndlich klar, dass er einen freien Zugang fĂŒr alle Anbieter fĂŒr unerlĂ€sslich hĂ€lt und dabei auf den offenen Decoder-Standard MHP [3] (Multimedia-Home-Plattform) setzt. Diese Technik werde er "rundfunkrechtlich durchdrĂŒcken", sagte Beck, falls eine andere Lösung nicht gefunden werde.
Der rheinland-pfĂ€lzische MinisterprĂ€sident stellt sich damit frontal gegen den US-Konzern Liberty Media [4], der sich jĂŒngst gegen MHP ausgesprochen [5] und damit sowohl die Landesmedienanstalten als auch die Konkurrenz im Zukunftsmarkt digitales Fernsehen brĂŒskiert hatte. Die hatten sich nach harten und jahrelangen Verhandlungen erst im September darauf geeinigt [6], den offenen Standard einzusetzen. Nachdem dies endlich gelungen sei, so Beck, dĂŒrfe man MHP "jetzt nicht einfach wieder ĂŒber Bord werfen."
Die Chefin von Liberty International, Miranda Curtis, hatte als Grund fĂŒr den "Verzicht" auf den Branchenstandard vor allem Mehrkosten pro Box in Höhe von 60 bis 80 Euro vorgegeben. Der Kabelgigant will die von ihm erreichten zehn Millionen Haushalte mit kostenlosen Decodern [7] an die neue, interaktive TV-Welt heranfĂŒhren, was ihn zu knappen Kalkulationen zwingt. Doch die medien- und industriepolitischen Interessen "sind nicht deckungsgleich mit den Business-PlĂ€nen der Betriebe", stellte Beck klar. Von MHP wĂŒrden sowohl technische wie auch marktrechtliche "Impulse" fĂŒr die gesamte Branche ausgehen, sodass die Entwicklung nicht behindert werden dĂŒrfte.
ErklĂ€rtes Ziel der LĂ€nder sei es, so der MinisterprĂ€sident, die Versorgung der BĂŒrger mit "möglichst vielfĂ€ltigen Informationen" zu sichern. Was Liberty, die auch eigene Programminhalte [8] in Deutschland vermarkten will, mit der Zugangskontrolle plane, rĂŒttele da "an unserem DemokratieverstĂ€ndnis". Er sei zwar kein "Regulierungsfetischist", werde es aber trotzdem nicht zulassen, dass eine Firma den deutschen TV-Markt "auf diese Weise dominieren" wolle.
Konkret will Beck bei seinen LĂ€nderkollegen ErgĂ€nzungen zum Rundfunkstaatsvertrag durchsetzen, die die in Paragraph 53 angelegten Wettbewerbsklauseln konkretisieren. Demnach sollen die Kabelnetzbesitzer verpflichtet werden, 50 Prozent des Angebots von Sendern zu ĂŒbernehmen, die nicht ihrer Firmengruppe angehören. AuĂerdem will Beck im "Must-Carry [9]"-Bereich festschreiben lassen, dass die neuen Kabelherren das bestehende Programm in vollem Umfang transportieren mĂŒssen. "Dazu gehören auch regionale Angebote wie die Offenen KanĂ€le [10], die unter reinen Marktbedingungen keine Chance haben", betonte der Chef der LĂ€nder-Rundfunkkommission. Zu verhindern sei auch, dass Kultursender wie Arte [11] in bestimmten Kostenpaketen mit Schmuddel-Angeboten positioniert werden.
Im Bereich der Kabelnetztechnik dringt Beck auf einen schnellen Ausbau der Infrastrukturen, damit Deutschland im internationalen Vergleich wieder aufhole. Die neuen Besitzer forderte er auf, ihre Leitungen flĂ€chendeckend "auf 862 Megahertz aufzubohren". Das sei die Voraussetzung dafĂŒr, auch Internet und Telefonie ĂŒbers Kabel [12] anzubieten.
Dass der Deal mit Liberty, der vom Kartellamt noch abgesegnet werden muss [13], aufgrund der Vorgaben platzt, hofft Beck nicht. Der US-Investor hat sich im Kaufvertrag mit dem AlteigentĂŒmer, der Deutschen Telekom, zahlreiche RĂŒcktrittsrechte eingerĂ€umt, um im Falle zu starker RegulierungsansprĂŒche aussteigen zu können. In dem Pokerspiel ums TV-Kabel wird nach Ansicht des MinisterprĂ€sidenten aber keiner "die Karten wegwerfen, wenn die andere Seite grimmig guckt." Entsprechende Forderungen von politischer Seite hĂ€tte Liberty von Beginn an in ihre Kalkulation einbeziehen mĂŒssen. Es gehe bei der elementaren Zugangsfrage nicht um einen deutschen Sonderweg, da sich auch die EU-Kommission klar fĂŒr MHP ausgesprochen habe [14]. (Stefan Krempl) / (anw [15])
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[1] http://www.kurt-beck.de/
[2] http://www.telecolumbus.de/
[3] http://www.mhp-forum.de/
[4] http://www.libertymedia.com/
[5] https://www.heise.de/news/Kabeleigner-Liberty-verlangt-von-TV-Sendern-Zuschuesse-49695.html
[6] https://www.heise.de/news/Deutsche-Fernsehanbieter-einigen-sich-auf-MHP-46983.html
[7] https://www.heise.de/news/Kostenlose-Settop-Boxen-fuers-Liberty-TV-Kabel-Update-55397.html
[8] https://www.heise.de/news/Liberty-Media-will-Kabelprogramm-in-einem-Jahr-starten-55009.html
[9] https://www.heise.de/news/Strikte-Regeln-fuer-Kabelnetzbetreiber-gefordert-50663.html
[10] http://www.bok.de/
[11] http://www.arte.de/
[12] https://www.heise.de/news/Was-die-neuen-Besitzer-mit-dem-TV-Kabel-vorhaben-51113.html
[13] https://www.heise.de/news/Liberty-Media-meldet-Kabelkauf-beim-Kartellamt-an-54190.html
[14] https://www.heise.de/news/Digital-TV-Standard-MHP-bekommt-EU-Unterstuetzung-49470.html
[15] mailto:anw@heise.de
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