Reis gegen Fingerabdruck: Digitalwahn und Hunger in Indien
(Bild: Marco Saroldi, Shutterstock.com)
Mehr als eine Milliarde gläserne Menschen leben in Indien – ihre persönlichen und biometrischen Daten liegen in einer zentralen Datenbank. Sicher ist die nicht: Zugang kann man illegal für sechs Euro bekommen.
Der Datenskandal bei Facebook beschäftigt auch Indien. Diskussionen über Datenmissbrauch machen Schlagzeilen, obwohl das Land gar kein umfassendes Datenschutzgesetz hat. Ein Hacker hat jüngst enthüllt [1], dass Daten von Nutzern der persönlichen App des Premierministers Narendra Modi ohne deren Einverständnis an eine US-Firma weitergegeben wurden – was Recherchen indischer Medien danach bestätigen. Die oppositionelle Kongresspartei schimpft und spottet – doch nur so lange, bis der Hacker über ähnliche Probleme mit deren eigener App berichtet.
LĂĽcken in riesigem Datenprojekt
Dabei hätte es längst einen weit größeren Anlass für eine Datenschutzdiskussion gegeben, denn die Inder werden nach und nach zu gläsernen Menschen: Durch das staatliche Identifikationsprogramm Aadhaar [2] haben inzwischen die meisten der 1,3 Milliarden Bürger einen Personalausweis mit einer zwölfstelligen Nummer, unter der in einer zentralen Datenbank persönliche und biometrische Daten gespeichert sind – darunter Iris-Scans und Fingerabdrücke.
Ab Juli müssen sich Empfänger staatlicher Hilfsleistungen per Aadhaar ausweisen, und zum selben Stichtag muss die Aadhaar-Nummer mit der Steuernummer verknüpft werden. Dasselbe soll auch für Bankkonten, SIM-Karten und Reisepässe gelten – entsprechende Fristen sind derzeit ausgesetzt, während sich der Oberste Gerichtshof mit Klagen gegen das Programm [3] beschäftigt.
Alles andere als freiwillig
Aadhaar – übersetzt in etwa "Fundament" – wurde 2009 noch unter der vorherigen Regierung eingeführt, um Betrug bei Sozialleistungen zu verhindern. Modi baut es als Teil seiner Digitalisierungsinitiative weiter aus.
"Lange Zeit wurde es den Menschen als freiwillig verkauft", erklärt der renommierte Entwicklungsökonom und Aktivist Jean Drèze, der aus Belgien stammt, aber seit 1979 in Indien lebt. "Jetzt stellen die Leute fest, dass es alles andere als freiwillig ist, sondern in Wirklichkeit de facto verpflichtend."
Dass die gespeicherten Daten von mehr als einer Milliarde Menschen keineswegs sicher sind, fand die Journalistin Rachna Khaira heraus. Sie berichtete im Januar in der Zeitung The Tribune, dass sie von Hackern gegen Zahlung von 500 Rupien (etwa 6,20 Euro) Zugang zu der gesamten Datenbank bekommen habe [4]. Die Aadhaar-Behörde UIDAI zog daraus befremdliche Konsequenzen: Sie zeigte Khaira unter anderem wegen Betrugs und Fälschung an [5].
Es war nach Angaben des Journalisten und Internetfreiheits-Aktivisten Nikhil Pahwa längst nicht die einzige Aadhaar-Datenpanne – obwohl die Regierung immer wieder betont, die Daten seien sicher. Wer auf Probleme hinweise, müsse mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, sagt Pahwa. Auch gebe es viel Betrug, weil beim Zuweisen von Aadhaar-Nummern Ausweisdokumente nicht überprüft würden. Das habe bisweilen absurde Folgen: "Es gab Berichte über einen Stuhl, der eine Aadhaar-Nummer bekam – mit einem Foto eines Stuhls auf dem Ausweis. Auch Hunde haben Aadhaar-Nummern bekommen."
Ăśberwachungsstaat Indien
Nach Ansicht von Pahwa entsteht in Indien derzeit ein Überwachungsstaat. Aadhaar sei eine große Bedrohung sowohl individueller Freiheiten als auch der nationalen Sicherheit. Über die bevorstehenden Verhandlungen vor den Richtern des Obersten Gerichtshofs sagt er: "Ihre Entscheidung wird wohl eine der wichtigsten in der Geschichte des unabhängigen Indien sein."
Das meint er auch deshalb, weil das Aadhaar-System für viele Millionen Inder noch ernstere Konsequenzen hat als staatliche Überwachung – nämlich für diejenigen, die auf staatliche Subventionen angewiesen sind, um sich Grundnahrungsmittel kaufen zu können. Auch das entsprechende Verteilungssystem ist mit Aadhaar verknüpft.
Im ostindischen Bundesstaat Jharkhand, einem der ärmsten des Landes, beziehen etwa 86 Prozent der mehr als 30 Millionen Einwohner subventionierten Reis. Seit Mitte vergangenen Jahres müssen sie sich mit dem in der Aadhaar-Datenbank gespeicherten Daumenabdruck ausweisen, um diesen zu bekommen. Das dafür verwendete Gerät braucht einen Internetzugang – besonders auf dem Land gibt es aber häufig keinen. Zudem kann das Gerät manchmal die Abdrücke nicht lesen.
Biometrieprojekt trifft die Schwächsten
"Es gibt Leute, die ihre Essensrationen nicht mehr kaufen konnten, seit das biometrische System eingeführt wurde", erzählt Drèze, der zur Zeit Gastprofessor in Ranchi, der Hauptstadt von Jharkhand, ist und Erhebungen in den Dörfern des Staates macht. Es habe auch Hungertode wegen Aadhaar-Problemen [6] gegeben. Aktivisten haben mindestens vier solche Fälle im vergangenen halben Jahr dokumentiert; die Behörden bestreiten allerdings, dass die Opfer an Hunger gestorben seien.
Es treffe die Schwächsten, sagt Drèze – Alte mit abgenutzten Fingerkuppen; alleinlebende Witwen, die mit dem System nicht klarkommen; Arme, die sich eine Fahrt in die Stadt nicht leisten können, um ihre Lebensmittelkarten mit Aadhaar-Nummern verknüpfen zu lassen. "Also genau die, denen das System helfen soll." (mho [7])
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Links in diesem Artikel:
[1] https://twitter.com/RahulGandhi/status/977778259810226177
[2] https://www.heise.de/news/Groesstes-Biometrieprojekt-der-Welt-startet-in-Indien-1083721.html
[3] https://www.heise.de/news/Indiens-oberstes-Gericht-ueberstimmt-sich-selbst-Privatsphaere-ist-doch-ein-Grundrecht-3811826.html
[4] https://www.heise.de/news/Indien-Wohl-mehr-als-eine-Milliarde-Personendaten-aus-staatlicher-Datenbank-abgegriffen-3934463.html
[5] https://www.heise.de/news/Indien-Leak-aus-staatlicher-Datenbank-Ermittlungen-gegen-Journalisten-3936106.html
[6] https://scroll.in/latest/873470/supreme-court-agrees-to-hear-plea-on-jharkhand-starvation-deaths-in-two-weeks
[7] mailto:mho@heise.de
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