Redtube-Abmahnungen: Gericht ging Briefkastenfirma auf den Leim
heise-Leser auf der Spur der Abmahner: Die Firma, die die IP-Adressen von tausenden Redtube-Abgemahnten ermittelt haben will, existiert nur als Briefkasten. Und "forensische" Software lÀsst sich leicht nachbauen.
Vieles hat sich mittlerweile aufgeklĂ€rt rund um die Redtube-Abmahnwelle [1], die vor rund zwei Monaten ĂŒber deutsche Internet-Nutzer schwappte. Auch, wie beim Landgericht Köln aus den IP-Adressen angeblicher Konsumenten von Porno-Streams deren persönliche Daten ermittelt wurden, liegt inzwischen offen [2]. Noch immer nicht ganz klar ist aber, wie die Schweizer Firma The Archive, die angeblich die Verbreitungsrechte an den Pornovideos inne hat [3], an die IP-Adressen gelangt ist.
Nach eigenen Angaben hat The Archive dazu das Unternehmen ITGuards Inc. [4] engagiert, das mit seiner Software "Gladii 1.1.3" die angeblich rechtsverletzenden Streaming-VorgÀnge protokolliert haben will. Glaubhaft gemacht wurde dies sogar mit einer eidesstattlichen Versicherung eines ITGuards-Mitarbeiter namens Andreas R., der seine ErklÀrung am 11. August 2013 in Ingolstadt unterzeichnet hat, fernab des Stammsitzes von ITGuards.
ITGuards Inc sitzt nĂ€mlich nach seinen Angaben gegenĂŒber dem Rechteinhaber und damit auch gegenĂŒber den Gerichten in San Jose, mitten im Silicon Valley. Auch auf der Website ist dieser Hauptsitz [5] angegeben. Dort heiĂt es: "Our location in Silicon Valley allows us to continuously add new experts to handle consistent growth. Our team exemplifies perfect symbiosis, which is reflected every day in our work to the benefit of our partners."
Abstecher ins Valley
heise-online-Leser Oliver Lehmann [6] war am 18. Januar ohnehin beruflich im Silicon Valley unterwegs und machte einen Abstecher in die 97 South Second Street in San Jose. Von diesem Besuch berichtete er uns: Unter der von ITGuards angegebenen Firmenadresse fand er das NextSpace-BĂŒrocenter vor, "einen genossenschaftlich organisierten BĂŒrodienstleister, bei dem man BriefkĂ€sten, BĂŒros und andere Annehmlichkeiten mieten kann". Im Eingangsbereich befinde sich eine Sammlung von Schildern und Zetteln, offensichtlich mit den Namen und Logos der Unternehmen, die unter dieser Adresse zu finden sind. Allerdings: "Das Unternehmen ITGuards war hier nicht vertreten."
(Bild:Â Oliver F. Lehmann)
Lehmann erzĂ€hlte, er habe bei der Empfangsdame nach einem Mitarbeiter des Unternehmens ITGuards gefragt. Ihm sei daraufhin mitgeteilt worden, dass dieses Unternehmen lediglich fĂŒr 75 US-Dollar monatlich ein Postfach angemietet hatte, selbst dieses aber zu Dezember 2013 gekĂŒndigt hat. Lehmann weiter: "Ich fragte, ob denn jemals RĂ€ume fĂŒr betriebliche TĂ€tigkeiten gemietet worden waren, was verneint wurde."
Hier stellt sich die Frage, wie diese offensichtlich nicht einmal mehr existente Briefkastenfirma in der Lage gewesen sein soll, massenhaft Streaming-VorgÀnge auf fremden Webseiten technisch und rechtlich einwandfrei zu dokumentieren. In einem recht inhaltsarmen Gutachten [7], das die Patentanwaltskanzlei Diehl&Partner [8] im MÀrz 2013 zur angeblichen Ermittlungssoftware Gladii 1.1.3 erstellt hat, wird dies nicht erlÀutert.
Gladius ermittelt
Wie heise online Mitte Dezember 2013 berichtete [9], deuten viele Indizien darauf hin, dass die spÀter abgemahnten Nutzer mit dubiosen Tricks von den Rechteinhabern oder deren "Ermittlern" zu Dreher-Domains wie retdube.net geleitet wurden, ohne es zu merken. Was sich dort abspielte, ist unklar. Das Gutachten gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Fake-Domains als "Honeypot" fungierten.
Unserem Leser und beruflichen PHP-Entwickler Martin Eisengardt lieĂ das keine Ruhe. Er beschloss, einen solchen Honeypot nach den Vorgaben der Beschreibungen im Gladii-Gutachten nachzubauen. Vier Tage spĂ€ter prĂ€sentierte er uns sein Werk "Gladius", und siehe da, es funktioniert: Im Backend seiner Website können wir beliebige Redtube-Film-IDs angeben. Im Hintergrund holt sich Gladius das Video bei Redtube ab und prĂ€sentiert es dem Besucher, der die URL aufruft. Nun kann Gladius jede Aktion des Nutzers protokollieren, also etwa SpulvorgĂ€nge, Pausen oder das Verlassen der Seite. Auch, wann das Video vollstĂ€ndig in den Browsercache des Nutzers ĂŒbertragen war und damit ein "Download" abgeschlossen war, konnte Eisengardt dokumentieren.
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Eisengardt erlĂ€utert [11] auf der Projektseite in aller KĂŒrze, wie seine Software funktioniert und was er bezweckt. In einem Video zeigt er Front- und Backend in Aktion. AuĂerdem bietet er an, ernsthaft Interessierten einen Zugang zu seinem Online-Projekt zu geben, um selbst auszuprobieren, wie leicht es ist und vielleicht fĂŒr die HintermĂ€nner der Abmahnwelle war, mit einem Honeypot Nutzerverhalten mitzuloggen. (hob [12])
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[1] https://www.heise.de/news/Streaming-Abmahnungen-schrecken-Internet-Nutzer-auf-2062918.html
[2] https://www.heise.de/news/Abmahnungen-wegen-Redtube-Pornostreaming-Landgericht-Koeln-gibt-Beschwerden-statt-2098188.html
[3] https://www.heise.de/news/Redtube-Abmahnungen-Luecken-in-der-Rechtekette-2072771.html
[4] http://www.itguards.net/
[5] https://www.google.de/maps/preview/@37.335082,-121.888298,3a,75y,235.31h,79.57t/data=!3m4!1e1!3m2!1sb6ZJlaMZUyHpmOezQgJ1dQ!2e0
[6] http://www.oliverlehmann-training.de/
[7] https://www.heise.de/news/Porno-Abmahnungen-Ominoeses-Software-Gutachten-ist-nun-oeffentlich-2088528.html
[8] http://www.diehl-patent.de/de
[9] https://www.heise.de/news/Porno-Abmahnungen-Indizienkette-zur-IP-Adressen-Ermittlung-verdichtet-sich-2065879.html
[10] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[11] http://www.xworlds.org/
[12] mailto:hob@ct.de
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