zurück zum Artikel

Provider: "Löschen statt Sperren" funktioniert

Stefan Krempl

Der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco hat einen Zeitungsbericht zurĂŒckgewiesen, wonach die BemĂŒhungen der Netzanbieter zum Löschen kinderpornographischer Seiten hĂ€ufig im Sande verliefen.

Der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco [1] hat wegen "Fehlinterpretationen" einen Zeitungsbericht zurĂŒckgewiesen, wonach die BemĂŒhungen der Netzanbieter zum Löschen kinderpornographischer Seiten hĂ€ufig im Sande verliefen und die Branche einschlĂ€gige Erfahrungen vertuscht habe. "Der Ansatz 'Löschen statt Sperren [2]' funktioniert", erklĂ€rte eco-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Harald Summa am Montag gegenĂŒber heise online. Dieser Weg mĂŒsse "entschieden und mit grĂ¶ĂŸtmöglichem Engagement" auch auf Seiten der Strafverfolgungsbehörden fortgefĂŒhrt werden.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAZS) hatte dem eco und seiner nationalen Beschwerdestelle [3] beziehungsweise dem internationalen Meldestellenverbund INHOPE [4] (International Association of Internet Hotlines) vorgeworfen [5], schnelle Löscherfolge "meist nur vorgegaukelt" zu haben. So seien vor allem anderslautende Ergebnisse eines Experiments aus dem vorigen Sommer der Öffentlichkeit vorenthalten worden. "Wir haben im vergangenen Sommer 144 FĂ€lle kinderpornographischer Inhalte geprĂŒft und die strafrechtlich relevanten Beschwerden entweder direkt an die zustĂ€ndigen Provider herangetragen oder eine INHOPE-Partner-Hotline informiert", klĂ€rt Summa nun auf. Dabei sei festzustellen gewesen, "dass die Hostprovider schnell reagiert und die gemeldeten Seiten vom Netz genommen haben". Entsprechende Reaktionszeiten habe man naturgemĂ€ĂŸ nur in den FĂ€llen erfassen können, "in denen wir selbst den Serviceanbieter benachrichtigt haben".

Weiteres Resultat des Tests war laut Summa, "dass nicht alle INHOPE-Mitglieder nach ein und demselben Muster arbeiteten". Deshalb sei es in manchen FĂ€llen zu Verzögerungen bei den Zeiten bis zur Herunternahme gemeldeter Seiten gekommen. Allein von den 110 US-amerikanischen Seiten sei mehr als die HĂ€lfte noch Monate spĂ€ter abrufbar gewesen, fĂŒhrte die FAZS aus. Auch in Russland, Holland, Japan und Tschechien hĂ€tten Löschungen oft mehrere Wochen auf sich warten lassen. Beim eco selbst sei von "massiven Problemen" rund um INHOPE die Rede gewesen. Nur wenige Hotlines hĂ€tten die Arbeit getan, von der man gedacht habe, dass sie schon lĂ€ngst getan werde.

Der deutsche Verband hat daraufhin nach Angaben Summas Druck gemacht, um das Kernproblem der nicht erfolgenden Weiterleitung von Fundstellen an die konkreten Anbieter zu lösen. Man habe bei dem Hotline-Verbund und der ihn fördernden EU-Kommission darauf hingearbeitet, dass die Information der Provider ĂŒber einschlĂ€gige Funde durch die jeweilige Hotline gemĂ€ĂŸ dem "Notice & Takedown"-Prinzip Pflicht wird, sofern das im jeweiligen Land rechtlich festzuschreiben sei. Eine entsprechende Vorschrift sĂ€hen die nĂ€chsten EU-FördervertrĂ€ge fĂŒr die Meldestellen jetzt vor. DarĂŒber hinaus seien in Zusammenarbeit mit dem US-Justizministerium KommunikationshĂŒrden [6] mit amerikanischen Providern und der CyberTipline abgebaut worden. Insgesamt sei nichts verheimlicht worden. Vielmehr habe man aufgrund eigener Erkenntnisse förderliche Maßnahmen in die Wege geleitet.

Hintergrund des Probelaufs war die Debatte um das mittlerweile teils ausgesetzte [7] Zugangserschwerungsgesetz und die damit aufgekommene Frage, warum die inkriminierten Inhalte ­ anders als etwa Phishing-Seiten ­ im Ursprungsland scheinbar kaum zu löschen gewesen sein sollten. Dies sei fĂŒr den eco "schlicht nicht nachvollziehbar" gewesen, betont Summa, zumal stattdessen von vielen Politikern eine Sperrung als einziges Mittel angesehen worden sei. Dabei seien Blockaden "nicht effektiv oder nachhaltig". Mittlerweile habe sich die Zusammenarbeit vor allem mit den Partnern in den USA und in Russland "stark verbessert". In der vergangenen Woche seien etwa sechs FĂ€lle kinderpornographischen Materials bearbeitet worden, die in den Vereinigten Staaten vorgehalten gewesen seien. "Vier davon waren binnen zwei Werktagen offline, zwei binnen einem", freut sich Summa. Sieben weitere Beschwerden ĂŒber Kinderpornos auf russischen Servern seien alle nach einem Werktag bearbeitet und die Missbrauchsbilder gelöscht worden.

Insgesamt sind bei der deutschen Meldestelle nach eco-Angaben im ersten Halbjahr 38.679 Beschwerden eingegangen. Davon hĂ€tten sich 238 auf reale oder virtuelle kinderpornographische Darstellungen bezogen. 207 hĂ€tten sich als begrĂŒndet herausgestellt. Von den 18 Fundstellen, die im Ausland gehostete Inhalte betrafen, waren 15 innerhalb einer Woche offline, zwei binnen 14 Tagen und eine "danach", wobei die Herunternahme in diesem Fall erst nach einer gewissen Zeitspanne kontrolliert worden sei. Dieser Erfolgstrend setze sich bisher auch im zweiten Halbjahr 2010 fort. Insofern könne man auch Tests [8] der Kinderschutzorganisation "Carechild" und des "AK Zensur" nachvollziehen, wonach sich kinderpornographische Webseiten im Ausland relativ einfach aus dem Netz löschen ließen.

Die seit Mai 2009 fortgeschriebene Statistik der Internet-Beschwerdestelle bezieht sich laut Summa "auf alle ins Ausland gemeldeten Inhalte". Die einzelnen Partner-Hotlines hielten ihre erzielten Erfolge jeweils fĂŒr sich fest. Zur Verbesserung der Statistik [9], die das Bundeskriminalamt (BKA) ĂŒber eigene Löscherfolge fĂŒhrt, hĂ€lt der eco eine VerkĂŒrzung des Zeitraums, nach dem die Herunternahme geprĂŒft werde, von sieben Tagen auf einen Werktag fĂŒr wĂŒnschenswert. Nur so könnten genaue Aussagen ĂŒber den Effekt der BemĂŒhungen gemacht werden, fĂŒr deren Evaluierung noch mindestens bis Februar 2011 Zeit bleiben mĂŒsste. Nach den BKA-Zahlen waren im Juli 63 Prozent der entdeckten auslĂ€ndischen Websites nach einer Woche noch verfĂŒgbar, berichtet zumindest die FAZS. Die absolute Menge der ins Ausland gemeldeten Seiten stieg von 182 im Vormonat auf 262 an. Das BKA leitet Hinweise auf Kinderpornos im Gegensatz zur neuen Praxis der Provider in der Regel nur an Polizeistellen in anderen LĂ€ndern weiter, nicht aber an die Anbieter direkt.

Bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird der Bericht erneut als Beleg fĂŒr die Notwendigkeit von Websperren gewertet. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Parlament, Wolfgang Bosbach, sieht "unsere BefĂŒrchtung" bestĂ€tigt. NatĂŒrlich sei das Löschen die bessere Lösung, meinte der CDU-Politiker. "Aber wenn nicht gelöscht werden kann, muss Sperren möglich sein." Auch fĂŒr den innenpolitischen Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), ist "der einseitige Verlass auf Löschversuche und die kategorische Ablehnung von Internetsperren" kaum mehr nachvollziehbar. Ein Sprecher von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) stĂ€rkte dagegen den SelbstkontrollbemĂŒhungen der Wirtschaft den RĂŒcken: "Die Erfolge von INHOPE sind unbestritten, vor allem im Vergleich zu staatlichen Stellen." Andere Zahlen als die des BKA lĂ€gen dem Ministerium bislang nicht vor. (pmz [10])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-1060092

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.eco.de/
[2] https://www.heise.de/news/Koalitionsvereinbarung-Web-Sperren-weg-Vorratsdatenspeicherung-eingeschraenkt-831418.html
[3] http://www.internet-beschwerdestelle.de/
[4] https://www.inhope.org/
[5] http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EC19355F174A14D88AFC2343584604588~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[6] https://www.heise.de/news/Kampf-gegen-Online-Kinderpornos-Huerden-Erfolge-und-Zusammenarbeit-1052752.html
[7] https://www.heise.de/news/Bundeskriminalamt-soll-Websperren-nicht-anwenden-936221.html
[8] https://www.heise.de/news/Verschleierungstaktik-291986.html
[9] https://www.heise.de/news/Bundeskriminalamt-fordert-erneut-Sperren-von-Kinderpornographie-1038425.html
[10] mailto:pmz@ct.de