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Porsche Boxster verabschiedet sich aus Uusikaupunki

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Welcher Boxster-Eigner ahnt schon, dass sein Flitzer im finnischen Uusikaupunki vom Band rollte? Doch ab 2012 lässt Porsche das Modell nicht mehr bei Valmet Automotive sondern Magna Steyr fertigen. Wir fragten nach den Ursachen

Stuttgart / Uusikaupunki (Finnland), 27.06.2008 – Die nächsten Generationen der Porsche-Modelle Boxster und Cayman werden ab 2012 im österreichischen Graz bei der Magna Steyr Fahrzeugtechnik AG & Co KG produziert. Zu diesem Zeitpunkt endet die Zusammenarbeit mit dem bisherigen Fertigungspartner Valmet Automotive mit Sitz im Südwesten Finnlands. Dort liefen in den vergangenen elf Jahren mehr als 200.000 Porsche Boxster beziehungsweise Cayman vom Band.

Manch stolzer Besitzer eines „Einsteiger-Porsche“ wusste bisher möglicherweise nicht einmal, dass sein chices Gefährt nicht in Stuttgart-Zuffenhausen, sondern an der finnischen Ostseeküste gefertigt wurde. Porsche setzt dabei auf das Konzept der „atmenden Fabrik“: Die Kapazität im Stammwerk Zuffenhausen reicht nicht aus, um die auflagenstarken Roadster dort zu fertigen. Zugleich vermeidet das Unternehmen, die eigenen Kapazitäten so weit aufzustocken, dass sie im Fall eines Nachfrageeinbruchs wieder abgebaut werden müssten.

Porsche Boxster verabschiedet sich aus Uusikaupunki (0 Bilder) [1]

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Als „Ausweichquartiere“ für die Fertigung kleinerer Serien wie zum Beispiel Cabrios haben sich Auftragsfertiger wie Karmann in Osnabrück oder Valmet Automotive etabliert. Aber auch dem Traditionsunternehmen Karmann ist es trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen, Folgeaufträge für die auslaufenden Fertigungslinien der in die Jahre gekommenen Modelle Audi A4 Cabrio und Mercedes CLK Cabrio an Land zu ziehen. Nachdem der Abbau der betroffenen Arbeitsplätze bereits beschlossen und verkündet ist, wurden die Mitarbeiter Anfang des Monats von der Ankündigung der Karmann-Eigner zusätzlich aufgeschreckt, dass man den Verkauf der gesamten Autofertigung in Betracht zieht [3].

Ähnlich ergeht es auch der Valmet Automotive, obwohl auch das finnische Unternehmen auf 40 Jahre Automobilfertigung zurückblickt: 1968 als Joint-Venture des finnischen Unternehmens und des schwedischen Konzerns Saab-Scania gegründet, liefen im finnischen Uusikaupunki zunächst ausschließlich Saab-Pkw wie das legendäre Modell 96 vom Band. Die höchsten Stückzahlen erreichte der Saab 900 mit knapp 240.000 Einheiten sowie die Cabrio-Version des 900 beziehungsweise 9-3 mit insgesamt knapp 200.000 Stück. Seit 1979 gelang es den Finnen, auch Fertigungsaufträge für Modelle anderer Marken wie Chrysler-Talbot oder Opel Calibra zu ergattern, doch ist das Unternehmen seit dem Produktionsstart des Porsche Boxster 1997 wieder komplett auf einen einzelnen Auftraggeber angewiesen.

Die Zukunft der rund 800 Mitarbeiter von Valmet Automotive sieht also nicht rosig aus, dem Unternehmen zufolge hat es bereits Gespräche mit den Sozialpartnern über Entlassungen oder Umschulungen gegeben. Firmenchef Ilpo Korhonen zufolge kann das Werk zwei bis maximal drei Jahren brachliegen, während der man seine Produktionsfähigkeit aufrechterhalten kann. Seit 1999 gehört Valmet Automotive zum finnischen Mischkonzern Metso, Hersteller unter anderem von Maschinen zur Papier- und Zellstoffproduktion. Gut möglich also, dass die Konzernzentrale sich weniger als zwei Jahre Zeit lässt, um die Automobilfertigung als nicht zum Kerngeschäft gehörig zu erklären und das Werk entweder zu schließen oder zu verkaufen.

Magna Steyr hat nun laut Porsche den Zuschlag für die Boxster-Fertigung deswegen erhalten, weil die Österreicher das „finanziell attraktivste Angebot unterbreitet“ hätten und „Entwicklungsumfänge für Porsche-Sportwagen übernehmen“ könnten. Die Entscheidung sei „kein Votum gegen Valmet“ – den Ausschlag habe die „hohe Entwicklungskapazität- und -kompetenz“ der Österreicher gegeben, erläuterte Holger P. Härter, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Porsche SE und als Finanz- und Einkaufschef verantwortlich für die Vergabe der Auftragsfertigung.

Doch auch den Grazern droht ab 2010 eine „Auftragslücke“, wenn die Produktion des BMW X3 ausläuft, der mit rund 110.000 Einheiten pro Jahr knapp die Hälfte der Gesamtproduktion ausmacht, meldet [4] die in Wien erscheinende Tageszeitung Die Presse. Außerdem fragt man sich dort, ob nach dem Ende von DaimlerChrysler [5] Chrysler Folgeaufträge für die noch bei Magna Steyr gebauten Modelle Jeep Grand Cherokee oder Chrysler 300C erteilen wird, deren Modellzyklus Anfang kommenden Jahrzehnts erwartet wird. Das Mini Sports Activity Vehicle [6] von BMW (60.000 Einheiten pro Jahr), der Peugeot 308 RC Z [7] (20.000 Stück) sowie der noble Aston Martin Rapide (lediglich 2000 Stück pro Jahr) deckten die Neuaufträge bislang lediglich zu einem Drittel der Rekordproduktion von 2006, heißt es weiter.

Mit dem reinen Zusammenbauen von Autos allein könnten auch die Österreicher nicht überleben. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatten blockfreie Staaten wie Finnland, Österreich oder die Schweiz, ein vitales Interesse daran, zumindest einen Teil der Wertschöpfungskette im Automobilbau ins eigene Land zu bekommen, um ein Stück weit unabhängig von Importen zu werden. In einigen Ländern sorgen hohe Einfuhrzölle für Neuwagen dafür, dass die Konzerne die Autos lieber in Einzelteilen ("Completely Knocked Down") dorthin schicken und vor Ort zusammensetzen lassen. Aber die Luft für reine Auftragsfertiger wird immer dünner: Die großen Autokonzerne haben es verstanden, ihre eigenen Produktionsabläufe so zu optimieren, dass sie vermehrt auch kleinere Serien lieber in Eigenregie als bei einem Auftragnehmer fertigen lassen.

So hat der Presse zufolge Mercedes-Benz den Grazern 2006 die Produktion der Allradversion der E-Klasse „4Matic“ entzogen, obwohl Magna Steyr als Entwickler legendärer Geländewagen wie dem Pinzgauer [8] und Fertiger der Mercedes-G-Klasse eine jahrzehntelange Reputation als Allradspezialist hat.

Dass es Magna Steyr zumindest teilweise gelungen ist, sich aus der einseitigen Abhängigkeit von Fertigungsaufträgen der großen Autokonzerne zu befreien, belegt die Pressemitteilung von Porsche anlässlich der Verlagerung der Boxster-Produktion. Sie weist auf bereits vorhandene Synergien aus den vielfältigen Lieferbeziehungen zwischen Porsche und dem Magna-Konzern: Bereits heute stellten die Österreicher zahlreiche wichtige Komponenten für Porsche her. Schnittmengen gebe es vor allem bei Verdecksystemen und Karosseriebauteilen.

Auf diese Strategie setzt übrigens auch Karmann. Das Osnabrücker Unternehmen will seine profitable Fertigung bis 2013 von Cabriodächern von derzeit 170.000 auf 300.000 erhöhen – neue Arbeitsplätze entstehen deshalb aber derzeit in Polen [9] und nicht an inländischen Standorten. Auch Karmanns drittes Standbein, die technische Entwicklung im Auftrag von Autokonzernen, entwickelt sich laut Karmann positiv.

Noch einen Schritt weiter geht man bei Magna Steyr: Auf dem Genfer Automobisalon in diesem März stellten die Grazer mit dem Mila Alpin [10] ein kompaktes Allradfahrzeug vor, das für verschiedene Antriebskonzepte geeignet ist – und für einen (teil-)elektrischen Betrieb halten die Österreicher gleich noch passende Lithium-Ionen- (Li-Ion)-Akkueinheiten aus eigener Entwicklung [11] bereit. Ob die moderne Interpretation des Pinzgauer in Serie geht, ist abzuwarten. Bei Magna Steyr hat man als potenzielle Auftraggeber Firmen im Auge, die selbst keine Automobile entwickeln, aber daran interessiert sind, zum Beispiel Elektroautos unter einer eigenen Marke anzubieten.

Denn Magna Steyr gilt als größter markenungebundener Automobilhersteller. Bis auf die Motorenentwicklung beherrscht das Grazer Unternehmen praktisch sämtliche Bereiche der Automobilentwicklung und selbst hierbei wäre mit mit etwas Phantasie Nachbarschaftshilfe von der ebenfalls in Graz ansässigen AVL List GmbH [12] vorstellbar. Magna Steyr entstand aus der Fusion des kanadischen Zulieferers Magna und aus Teilen der Steyr-Daimler-Puch AG, zu deren Vorläufern wiederum die Oesterreichische Daimler-Motoren-Gesellschaft zählt, die seit 1900 in der Wiener Neustadt Autos baute. Kein Geringerer als Ferdinand Porsche wurde dort 1906 zum Entwicklungs- und Produktionsleiter. (ssu [13])


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[3] https://www.heise.de/news/Bericht-Karmann-Eigner-erwaegen-Verkauf-der-Tradionsmarke-475925.html
[4] http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/388420/index.do
[5] https://www.heise.de/news/DaimlerChrysler-Ab-heute-nur-noch-Daimler-475505.html
[6] https://www.heise.de/news/BMW-laesst-MINI-Sports-Activity-Vehicle-bei-Magna-Steyr-bauen-475629.html
[7] https://www.heise.de/news/Peugeot-bestaetigt-Serienproduktion-des-308-RC-Z-449415.html
[8] http://www.heise.de/autos/Mila-Alpin-Reinrassige-Offroad-Studie-von-Magna-Steyr--/bildergalerien/5378/9
[9] https://www.heise.de/news/Karmann-freut-sich-ueber-BMW-Auftrag-fuer-Werk-in-Polen-475777.html
[10] https://www.heise.de/news/Auf-den-Spuren-des-Haflinger-444063.html
[11] https://www.heise.de/news/Auch-Magna-Steyr-baut-Lithium-Ionen-Akkus-fuer-Autos-444605.html
[12] http:///www.avl.com
[13] mailto:ssu@ct.de