zurück zum Artikel

Oxford-Studie: Computergestützte Propaganda untergräbt die Demokratie

Stefan Krempl
Facebook und Twitter

(Bild: Alex Schröder CC-BY-SA 2.0<br>)

Social Bots und andere Formen automatisierter politischer Kommunikation spielen in vielen Ländern eine immer wichtigere Rolle gerade im Wahlkampf und in Krisen, haben Internetforscher herausgefunden. Sie fordern, soziale Netzwerke anders auszurichten.

Zwölf Wissenschaftler haben über Jahre hinweg im Rahmen eines Forschungsprojekts [1] am Internet-Institut der britischen Universität Oxford am Beispiel von neun Ländern untersucht, wie soziale Medien für die Manipulation der öffentlichen Meinung eingesetzt werden. In ihrer jetzt veröffentlichten Studie [2] schlagen sie Alarm. Ihr Resümee lautet: "Computergestützte Propaganda ist zu einer der mächtigsten Waffen gegen die Demokratie geworden."

Die Betreiber sozialer Netzwerke seien zwar in der Regel nicht die Schöpfer dieser "scheußlichen Inhalte", sie böten diesen aber eine Plattform und müssten diese signifikant umgestalten, wenn die Volksherrschaft überleben solle. Denkbar sei dafür etwa, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten automatisch oder durch unabhängige Institutionen zu bewerten sowie Filterblasen durch eine breitere gezeigte Meinungsvielfalt entgegenzuwirken.

Die Forscher definieren computergestützte Propaganda als "den Einsatz von Algorithmen, Automatisierung und menschlicher Selektion, um absichtlich irreführende Informationen über soziale Mediennetzwerke zu verbreiten". Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, haben die Wissenschaftler Millionen von Beiträgen auf sieben einschlägigen Plattformen wie Facebook, Twitter und Weibo aus den Jahren 2015 bis 2017 aus Brasilien, China, Deutschland, Kanada, Polen, Taiwan, Russland, der Ukraine und den USA untersucht sowie 65 Experteninterviews durchgeführt.

Dem Ergebnis nach werden soziale Medien verstärkt aktiv für die Meinungsmache verwendet. In autoritären Staaten dienten die Netzwerke dabei "hauptsächlich als Mittel der sozialen Kontrolle". Am weitesten vorangekommen sei hier China, wo die Betreiber zudem selbst die Inhalten auf ihren Seiten überwachen müssten. Die Studie zu Taiwan zeige zudem, dass Peking auch über die eigenen direkten Staatsgrenzen hinweg Bürger auf Online-Plattformen massiv zu beeinflussen suche und dabei auf eine stark koordinierte, nicht rein automatisierte Propaganda setze. Die Kombination von "Bots und Trollen" haben die Autoren auch generell als besonders effizient ausgemacht.

In Russland werden laut der Analyse schon 45 Prozent der Twitter-Aktivitäten von "hoch-automatisierten Konten" verwaltet. Mit anderen Worten: die Meinungsmacher haben dort bereits vielfach das Sagen, ein ernsthafter Diskurs ist nicht mehr möglich. Nicht viel anderes gestalte sich die Situation im russischen Netzwerk VKontakte (VK).

Das wohl "global am meisten fortgeschrittene Beispiel" für computerisierte Propaganda stellt den Verfassern zufolge aber die Ukraine dar. Gegen die Bürger der an Russland grenzenden Republik seien schier unzählige Desinformationskampagnen über VK, Facebook und Twitter geführt worden. Rund herum habe sich schon mit dem Eintritt in die 2000er-Jahre eine eigene Industrie gebildet, die diese Manipulationsversuche vorantreibe. Als Beispiel dafür führen die Forscher eine "Verschwörungstheorie" ins Feld, wonach der Malaysian-Airlines-Flug MH17 [3] von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden sei. Diese habe ein nicht-existenter spanischer Fluglotse (@spainbuca) ins Leben gesetzt, der Tweet sei dann mehrfach geteilt und schließlich unter anderem vom russischen Sender RT aufgegriffen worden.

In lupenreineren Demokratien gehe es mit ähnlichen Werkzeugen zur Verbreitung von Falschmeldungen in Form von "Junk News" ebenfalls um die Nutzerbeeinflussung sowie "gezielte Experimente gegen spezielle Bereiche der Öffentlichkeit", konstatieren die Wissenschaftler. Politische Kandidaten und Kampagnemacher oder Lobbyisten mieteten sich dabei in der Regel größere Netzwerke von Konten etwa mit Meinungsrobotern. In den USA habe sich für deren Einsatz die Präsidentschaftswahl im vorigen Herbst als kritischer Punkt [4] herausgestellt. Fast ein Fünftel der Twitter-Meldungen sei damals höchstwahrscheinlich von Bots generiert worden, die vor allem für Donald Trump agiert hätten. Die Urheber könnten kaum ausgemacht werden.

In Brasilien hat laut dem Team computerisierte Propaganda bei den Präsidentschaftswahlen 2014, der Absetzung der früheren Staatschefin Dilma Rousseff und den Kommunalwahlen 2016 in Rio de Janeiro eine Rolle gespielt. Umfassende Anteile der politischen Twitter-Kommunikation in Polen würden "von einer Handvoll rechter und nationalistischer Kontoinhaber" produziert. Auch in Deutschland gebe es Hinweise auf Programmierer und Firmen, die automatisiert "Fake News" unters Online-Volk brächten. Zumindest während der Bundespräsidentenwahl und der Landtagswahl im Saarland im Februar und März hätten Social Bots zwar nur eine geringfügige Rolle gespielt, in entscheidenden anderen Situation seien hierzulande dagegen bereits in substanzieller Menge Falschinformationen in Umlauf gebracht worden.

Die Bundesregierung haben die Forscher als "führend" im Kampf gegen Falschmeldungen aufgrund des heftig umkämpften Entwurfs für ein Netzwerkdurchsetzungsgesetz [5] ausgemacht. Dazu kämen einschlägige zivilgesellschaftliche Kontrollprojekte. Die Autoren warnen aber, dass vor allem mit dem gesetzlich beschrittenen Weg unverhältnismäßige Einschnitte in die Meinungsfreiheit verbunden sein dürften und anderen Maßnahmen oft die rechtliche Legitimation fehle. Das kanadische Fallbeispiel zeige derweil, dass komplexe Algorithmen und Bots auch konstruktiv als öffentliche Dienstleistung eingesetzt werden könnten, obwohl die allgemeinen Auswirkungen davon noch ungewiss seien. (kbe [6])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3756264

Links in diesem Artikel:
[1] http://comprop.oii.ox.ac.uk/
[2] http://comprop.oii.ox.ac.uk/2017/06/19/computational-propaganda-worldwide-executive-summary/
[3] https://www.heise.de/tp/article/Neue-Aufregung-um-MH17-3596544.html
[4] https://www.heise.de/news/Trumps-Internet-Propaganda-entfesselt-neue-Art-des-Wahlkampfs-3585903.html
[5] https://www.heise.de/news/Netzwerkdurchsetzungsgesetz-Koalitionsfachpolitiker-einig-bei-Gesetz-gegen-Hass-im-Netz-3754902.html
[6] mailto:kbe@heise.de