zurück zum Artikel

Online-Spionage "alltÀglicher Wahnsinn des Internet"

FĂŒr den CCC verdeutlichen die Trojaner auf deutschen Regierungscomputern, "auf welches Teufelszeug sich die Regierung mit dem Bundestrojaner eingelassen" habe. Christoph Fischer kommentierte: "Experten wissen schon lange, dass es solche Angriffe gibt."

Die vermutlichen Spionage-Angriffe [1] auf deutsche Regierungscomputer sind eigentlich keine Überraschung. "Experten wissen schon lange, dass es solche Angriffe gibt", sagte der Sicherheitsexperte Christoph Fischer der dpa. Auch chinesische Hacker seien stark vertreten. China soll auch hinter den Attacken auf Computer des Kanzleramtes [2] und drei Ministerien stecken, was die chinesische Botschaft in Deutschland aber dementierte. Der chinesische MinisterprĂ€sident versprach gar "entschlossene Maßnahmen", um Hacker-Angriffe auszuschließen.

Fischer sagte, heute vergehe kein Tag mehr, an dem nicht jeder Internet-Nutzer mit Trojaner-Programmen bombardiert werde. "Das ist der ganz alltĂ€gliche Wahnsinn des Internet." Der Chaos Computer Club (CCC) geht davon aus, dass das Ausmaß der Online-Angriffe gar nicht genau abgeschĂ€tzt werden kann. "Es reicht nicht aus, zu beobachten, welche Daten aus und ein gehen", sagte Club-Sprecher Andy MĂŒller-Maguhn. "Trojaner können auch Daten auf einem Computer manipulieren, ohne dass ein Anwender davon etwas mitbekommt." Nach Informationen des Spiegel wurden zahlreiche Computer des Kanzleramts sowie des Außen-, Wirtschafts- und Forschungsministeriums infiziert. Als besten Schutz empfahl Fischer, zwei Rechner zu nutzen: einen fĂŒr das interne Netzwerk, den anderen fĂŒr die Internet-Verbindung.

Der CCC betonte, die VorfĂ€lle verdeutlichten, "auf welches Teufelszeug sich die Regierung mit dem Bundestrojaner [3] eingelassen" habe. "Das sind Werkzeuge, die normalerweise von osteuropĂ€ischen Banden eingesetzt werden, um betrĂŒgerische BankgeschĂ€fte vorzunehmen." Der Sprecher des CCC kritisierte in diesem Zusammenhang erneut, dass der Gesetzgeber im Zusammenhang mit der BekĂ€mpfung der ComputerkriminalitĂ€t Anfang August den Einsatz so genannter Hackertools unter Strafe gestellt habe [4]. "Es stehen jetzt quasi keine legalen Werkzeuge mehr zur VerfĂŒgung, um Angriffe aus dem Internet wirksam abzuwehren." Zuvor hatten sich auch FachverbĂ€nde wie die Gesellschaft fĂŒr Informatik gegen eine mögliche Kriminalisierung von Informatikern eingesetzt, die die Sicherheit eines Netzes auch durch den Einsatz von Hacker-Werkzeugen testen mĂŒssten.

AuslĂ€ndische Dienste versuchen nach dem jĂŒngsten Bericht des Verfassungsschutzes [5] schon seit vielen Jahren, in Deutschland sensible Informationen aus Politik, Wirtschaft und MilitĂ€r zu beschaffen. Die Bundesrepublik sei aufgrund ihrer geopolitischen Lage, ihrer Rolle in der EuropĂ€ischer Union (EU) und NATO sowie als Standort von Spitzentechnologie ein bedeutendes "AufklĂ€rungsziel" fĂŒr fremde Staaten, heißt es darin. Der Verfassungsschutzbericht 2006 verweist insbesondere auf Russland und Weißrussland sowie China, Nordkorea und einige LĂ€nder des Nahen und Mittleren Ostens.

Eine bewĂ€hrte Methode der Informationsbeschaffung ist nach EinschĂ€tzung des Verfassungsschutzes weiterhin, Geheimdienstagenten als Diplomaten oder Journalisten zu tarnen. China setzt nach EinschĂ€tzung des Verfassungsschutzes sowohl in seiner Botschaft in Berlin als auch in seinen Konsulaten in Hamburg, MĂŒnchen und Frankfurt/Main Geheimdienstler ein, die als Diplomaten getarnt sind.

Die Informationsbeschaffung aus dem Ausland obliege in Peking dem Ministerium fĂŒr Staatssicherheit (MSS) und dem MilitĂ€rischen Informationsdienst (MID), heißt es weiter in dem Bericht. Das MSS interessiere sich fĂŒr die Bereiche Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Forschung, das MID fĂŒr militĂ€rspezifische und sicherheitspolitische Informationen. Generell ist China laut Verfassungsschutzbericht an allen technologischen Innovationen in Deutschland interessiert.

Siehe zu dem Thema auch:

Einen ausfĂŒhrlichen Einblick in die neuen AusfĂŒhrungen des Bundesinnenministeriums zu den PlĂ€nen fĂŒr Online-Razzien bieten jĂŒngste Meldungen im heise-Newsticker und ein Bericht in c't Hintergrund [9]:

Die heimliche Online-Durchsuchung von Computern stĂ¶ĂŸt bei vielen DatenschĂŒtzern und Juristen auf Skepsis. Sie melden grundsĂ€tzliche Bedenken an und warnen vor eventuell angestrebten GrundgesetzĂ€nderungen. Siehe dazu:

(Renate Grimming, Christoph Dernbach, dpa) / (jk [18])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-167619

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/China-spaeht-angeblich-PCs-des-Bundeskanzleramtes-aus-167017.html
[2] https://www.heise.de/news/Politiker-fordern-Aufklaerung-ueber-chinesische-Trojaner-Angriffe-Update-167417.html
[3] https://www.heise.de/news/Innenministerium-bezeichnet-Entdeckungsrisiko-fuer-Bundestrojaner-als-gering-166878.html
[4] https://www.heise.de/news/IT-Branchenverband-fordert-rasche-Korrektur-der-Hackerparagraphen-164087.html
[5] http://www.verfassungschutz.de
[6] https://www.heise.de/news/Politiker-fordern-Aufklaerung-ueber-chinesische-Trojaner-Angriffe-Update-167417.html
[7] https://www.heise.de/news/Deutsche-Regierung-im-Visier-eines-chinesischen-Trojaners-167349.html
[8] https://www.heise.de/news/China-spaeht-angeblich-PCs-des-Bundeskanzleramtes-aus-167017.html
[9] http://www.heise.de/ct/hintergrund/
[10] https://www.heise.de/hintergrund/Innenministerium-verraet-neue-Details-zu-Online-Durchsuchungen-302696.html
[11] https://www.heise.de/news/Innenministerium-bezeichnet-Entdeckungsrisiko-fuer-Bundestrojaner-als-gering-166878.html
[12] https://www.heise.de/news/Heimliche-Online-Durchsuchungen-und-der-Schutz-der-Privatsphaere-166988.html
[13] https://www.heise.de/news/Bundesregierung-sieht-sich-mit-Online-Durchsuchungen-nicht-allein-167037.html
[14] https://www.heise.de/news/Skeptische-Stimmen-zur-Online-Durchsuchung-eine-Ergaenzung-164410.html
[15] https://www.heise.de/news/Ist-die-Online-Durchsuchung-wirklich-notwendig-156142.html
[16] https://www.heise.de/news/Online-Durchsuchung-Ist-die-Festplatte-eine-Wohnung-155439.html
[17] https://www.heise.de/news/Skeptische-Stimmen-zur-Online-Durchsuchung-154801.html
[18] mailto:jk@heise.de