Abschied vom kleinen Nick
Der neue Smart ist nun erstmals mit manuellem Schaltgetriebe erhältlich. Als erstes Modell kann ab sofort der Fortwo mit 71 PS ab dem Doppelkupplungsgetriebe bestellt werden. Wir konnten bereits eine Vorabversion mit der 90 PS-Top-Motorisierung fahren
Stuttgart, 6. Februar 2015 – Er war klein und zwang seine Besatzung zum Nicken – weshalb ich beim Smart immer an das lustige, französische Kinder-Comic "Der kleine Nick" aus den 60ern denken musste. Zum Konzept des Kleinstwagens gehörte eine narrensichere Bedienung mit serienmäßiger Automatik. Nur war das leider ein automatisiertes Schaltgetriebe, das durch seine Zugkraftunterbrechung mangels Drehmomentwandler bei jedem Gangwechsel den Wagen rucken ließ. Der neue Smart ist nun erstmals mit manuellem Schaltgetriebe erhältlich, was ein gewisser Bruch mit der Tradition war. Doch kann nun als erstes Modell ab sofort der Fortwo mit 71 PS ab dem Doppelkupplungsgetriebe bestellt werden. Wir konnten bereits eine Vorabversion mit der 90 PS-Top-Motorisierung fahren.
Nach zwei Generationen Nicken hätte nun wohl nicht einmal mehr der eingefleischteste Automatik-Fan nach dem berüchtigten Ruckel-Kästchen gegriffen. Die paar Verkehrsteilnehmer, deren Führerschein auf Automatik-Autos beschränkt war, hätten das Kraut nicht fett gemacht. Das wusste auch der Hersteller und hat nun endlich eine "richtige" Automatik, in Form eines Doppelkupplungsgetriebes des Zulieferers Getrag.
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Erstaunlich gewichtiges Getriebe
Sie kommt mit Verspätung, weil die Markteinführung des Smart offenbar durch den Partner Renault unter Hochdruck betrieben worden ist. "Die Nachfrage nach Automatikgetrieben ist bei den Franzosen nicht so groß, wie bei den südeuropäischen Ländern, beziehungsweise den USA und China", heißt es. Anders formuliert: Renault wollte mit seinem technisch baugleichen Twingo [3] so schnell wie möglich auf den Markt. Ob er ausschließlich manuell geschaltet werden kann, spielte keine größere Rolle.
Das Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe Twinamic ist mit 68 Kilogramm erstaunlich schwer: Es wiegt doppelt so viel wie das manuelle Fünfgang-Getriebe, und doch soll das Dreiwellengetriebe laut Hersteller das kleinste Doppelkupplungsgetriebe der Welt sein. Warum so gewichtig? Es ist ausweislich der Pressebilder eine Version des Getrag Powershift 6DCT250 [4], das immerhin für Eingangsdrehmomente von 250 Nm konstruiert ist – Renault bot es seit Mai 2010 in Scénic und Mégane in Verbindung mit einem 1,5-Liter-Diesel mit 240 Nm an. Die Auslegung auf so hohe Drehkräfte erklärt sein hohes Gewicht, als Vorteil dürfte eine lange Haltbarkeit der mechanischen Komponenten erwartet werden. Die Entwicklung eines eigenen Doppelkupplungsgetriebes für den Smart (respektive Twingo) hätte sich nicht gelohnt.
Nach dem 71 PS-Smart wird es Ende Juli auch im 90 PS-Topmodell angeboten, immer noch einige Wochen vor dem ersten Twingo mit Doppelkupplungsgetriebe. Der soll erst im Herbst vom Band laufen und wird wahrscheinlich kurz zuvor auf der IAA in Frankfurt vorgestellt werden. Daimler gab uns nun die Möglichkeit, die Topmotorisierung mit dem neuen Getriebe zu fahren.
Der 898 Kubikzentimeter kleine Renault-Dreizylinder machte noch nie so viel Spaß. Das Lückenhüpfen im Stadtverkehr mit 127 Nm ist nun endlich so spontan, wie man es immer gehofft hatte und dabei ohne das bange Warten auf den Kraftschluss auch weniger nervenaufreibend. Geschichte ist auch das eigenmächtige Zurückschalten ohne erkennbaren Anlass. Schön sind die fixen Mehrfachrückschaltungen – bei Bedarf überspringt die elektronische Steuerung einzelne Gangstufen, anstatt die Gänge nacheinander herunterzuschalten.
Kein Schaltnicken, aber Schaltwippen
Die Tempo-100-Sprintzeit hat sich um eine knappe halbe Sekunde auf rund elf Sekunden verschlechtert – doch wer merkt das? Mit weiterhin 155 Kilometern pro Stunde lässt sich mit dem Smart Fortwo Twinamic mit seinen 90 PS bequem auf der Autobahn mithalten. Ambitionierten Fahrern bietet Smart sogar Schaltwippen – im Sportpaket für einen üppigen Aufpreis von 575 Euro ab der Ausstattungsvariante Passion. Wenn man die Wippen länger als zehn Sekunden nicht benutzt, übernimmt die Twinamic wieder die Kontrolle.
Zudem lässt sich das Getriebe in seinem Schaltverhalten auf den Fahrstil programmieren: Im Sport-Modus werden die Gänge lange und geräuschvoll ausgefahren, im Eco-Modus dagegen die hohen, spritsparenden Gänge bevorzugt. Für kurze Zwischenspurts aus dem ruhigen Herumkullern in Eco lohnt dann der Griff zur Wippe beziehungsweise zum Schaltknauf natürlich besonders.
Nichts mit dem neuen Getriebe zu tun haben Fahrwerk und Ergonomie, aber weiterhin fallen die harte, dem kurzen Radstand geschuldete Dämpfung sowie die völlige Deplatzierung des Seitenspiegel-Verstell-Drehknopfes unangenehm auf. Letzterer liegt bei großgewachsenen Fahrern so schlecht, dass das linke Knie im ständigen Kontakt mit ihm steht und nach wenigen Sekunden einer der beiden Spiegel komplett verstellt ist.
Der Aufpreis für das Doppelkupplungsgetriebe kostet 1275 Euro für die Basisausstattung, die drei anderen Ausstattungsvarianten können schon für 1000 Euro mit Twinamic bestellt werden, auch beim Viersitzer Smart forfour. Wer für möglichst wenig Geld in den Genuss der Twinamic kommen möchte, der muss für den 71 PS-Smart Fortwo in der Basisausstattung 12.170 Euro zahlen. Die 90 PS-Variante kostet mindestens 13.065 Euro. (fpi [5])
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[3] https://www.heise.de/news/news_2440929.html
[4] https://www.heise.de/news/Varianten-des-Doppelkupplungsgetriebes-1127289.html
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