Neue Top Level Domains nicht vor 2009
Ăber die Zulassung neuer Top Level Domains (TLDs) will die ICANN erst im ĂŒbernĂ€chsten Jahr entscheiden. FĂŒr die bereits lĂ€nger auf den Start wartenden Interessenten wie dot.berlin bedeutet dies eine weitere Verzögerung.
Erst Anfang oder Mitte 2009 wird die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN [1]) Bewerbungen fĂŒr neue Top Level Domains (TLDs) entgegennehmen, begutachten und â wenn keine EinsprĂŒche erhoben werden â auch zulassen. Das geht aus ĂuĂerungen von Kurt Pritz, Senior Vice PrĂ€sident Services bei der privaten Netzverwaltung, wĂ€hrend des ICANN-Treffens in Los Angeles [2] hervor. FĂŒr die bereits lĂ€nger auf den Start wartenden Interessenten bedeutet dies eine weitere Verzögerung.
Dirk Krischenowski vom Bewerber dot.berlin sagte in Los Angeles, er komme sich manchmal vor wie Bill Murray in dem Film [3] "Und tĂ€glich grĂŒĂt das Murmeltier". Dot.berlin, das nach wie vor mit der Berliner Verwaltung wegen der möglichen EinfĂŒhrung einer TLD fĂŒr die deutsche Hauptstadt im Clinch liegt, begrĂŒĂte offiziell [4] den "nunmehr absehbaren Abschluss der 2005 begonnenen Beratungen". TatsĂ€chlich mĂŒssen die von der ICANN-GNSO [5] (Generic Name Supporting Organisation), dem fĂŒr generische TLDs zustĂ€ndigen Selbstverwaltungsgremium, verabschiedeten Prinzipien und Empfehlungen erst noch von ICANNs ehrenamtlichen VorstĂ€nden abgesegnet werden.
Beim Treffen in Los Angeles nahmen die Direktoren die Anfang September verabschiedeten Empfehlungen der GNSO [6] erst einmal entgegen und gaben ICANNs hauptamtlichem BĂŒro die Aufgabe, an der Umsetzung zu arbeiten. Man warte bewusst nicht bis zur endgĂŒltigen Verabschiedung des GNSO-Berichtes durch den Vorstand, sagte der frischgebackene Vorsitzende [7] des Vorstands, Peter Dengate-Thrush, auf Nachfrage von heise online. "So schnell wie möglich", will man laut Dengate-Thrush mit den neuen Adressen vorankommen. Regierungen und LĂ€nderdomains wollen in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe dabei die Verhandlungen ĂŒber generische TLDs ĂŒberholen und möglichst rasch die Zulassung einzelner nicht-englischer (IDN) Adresszonen fĂŒr LĂ€nderregistries ermöglichen.
Die GrĂŒnde fĂŒr die Langsamkeit wurden in Los Angeles in einer sechs Stunden dauernden Debatte [8] deutlich. "Eine Tonne von Details" sei zu bedenken, sagte Pritz in der Debatte. Schon fĂŒr eine einfache Bewerbung, gegen die niemand Einspruch erhebt, gelte es zu ĂŒberlegen, welche Grundvoraussetzungen ICANN dem Bewerber per Service-Level-Vereinbarung abverlangt. Pritz nannte in diesem Zusammenhang GrundsĂ€tzliches wie einen Schutz fĂŒr spĂ€tere Domain-Inhaber in der neuen Zone vor "Spam, Phishing oder Ăhnlichem".
Ebenfalls dem Schutz der Domain-Inhaber soll der Nachweis eines Business-Planes dienen, mit dem auch gewisse finanzielle Voraussetzungen verknĂŒpft sind. ICANNs BĂŒro muss auch den Vorschlag der GNSO praktisch umsetzen, die GebĂŒhr fĂŒr das Bewerbungsverfahren zu staffeln. Möglicherweise soll Bewerbern aus EntwicklungslĂ€ndern ein Nachlass gewĂ€hrt werden, doch selbst der scheidende ICANN-Vorsitzende Vint Cerf fragte dazu, ob man das nicht auch fĂŒr nichtkommerzielle Organisationen in reichen EntwicklungslĂ€ndern brauche.
Die schwierigsten Probleme stehen ICANN allerdings bei den Verfahren zu möglichen EinsprĂŒchen gegen TLD-Bewerber vor. Pritz nannte neben klaren EinschrĂ€nkungen von Zahlen-Domains, die als IP-Adressen verstanden werden können, und Adressen, die auf der Liste reservierter Namen verzeichnet sind, die Kategorie der Bewerbungen, die "existierenden TLDs zum Verwechseln Ă€hnlich sind". Pritz sagte, man erwĂ€ge, ob die Entscheidung ĂŒber eine solche Ăhnlichkeit auch per Algorithmus geprĂŒft werden könne oder ob man auf jeden Fall ein Expertengremium brauche. SchlieĂlich sollen EinsprĂŒche gegen TLD-Bewerbungen auf der Basis bestehender Markenrechte und auch auf der Basis von "öffentlicher Ordnung und Moral" möglich sein, empfiehlt die GNSO.
Die frĂŒhere Mitarbeiterin der National Telecommuncation and Information Administration (NTIA) und US-AnwĂ€ltin Becky Burr sagte dazu in Los Angeles: "Irgendwie habe ich den Eindruck, ihr Jungs habt da ein System geschaffen, in dem nur völlig unstreitige Dinge einen Top Level Domain werden können.".
Auch fĂŒr die LĂ€nderadresszonen, etwa eine chinesischsprachige TLD fĂŒr CNNIC gibt es noch eine Menge Fragen zu klĂ€ren. Dengate-Thrush rĂ€umte selbst ein, dass man sich vom ursprĂŒnglichen Plan "ein Land, eine Schrift, eine ccTLD" verabschieden mĂŒsse. FĂŒr China etwa stellt sich die Frage, ob man klassische oder vereinfachte Schriftzeichen zulassen oder BĂŒndel erlauben soll, die die CNNIC offenbar favorisiert. In verschiedenen LĂ€ndern gebe es mehrere Amtssprachen mit verschiedenen Schriften, sagte Dengate-Thrush. SchlieĂlich gilt auch zu klĂ€ren, welche Adresse den LĂ€nderregistries zusteht, denn eine Entsprechung zur ISO 3166-1 Liste der LĂ€ndercodes (de, us, cn) in lokalen Sprachen beziehungsweise Schriften gibt es nicht. (Monika Ermert) / (pmz [9])
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[1] http://www.icann.org
[2] https://www.heise.de/news/Datenschutz-fuer-Angaben-zu-Domain-Inhabern-im-Whois-erneut-vertagt-191346.html
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Und_t%C3%A4glich_gr%C3%BC%C3%9Ft_das_Murmeltier
[4] http://www.dotberlin.de/de/Pressemitteilungen/pm1
[5] http://www.gnso.icann.org/
[6] http://gnso.icann.org/issues/new-gtlds/pdp-dec05-fr-parta-08aug07.htm
[7] https://www.heise.de/news/Neuseelaendischer-Anwalt-wird-neuer-ICANN-Chef-191970.html
[8] http://losangeles2007.icann.org/workshop/new-gtlds
[9] mailto:pmz@ct.de
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