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Netzpolitiker des Bundestags: Breitbandausbau Fehlanzeige

Stefan Krempl

Die Enquete-Kommission fĂŒr Internet und digitale Gesellschaft hat sich nicht auf eine Empfehlung zum flĂ€chendeckenden Ausbau schneller Netzverbindungen verstĂ€ndigen können. Auch bei Green IT gab es keine Mehrheit.

Die Enquete-Kommission [1] fĂŒr Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags hat sich nicht auf eine Empfehlung zum flĂ€chendeckenden Ausbau schneller Netzverbindungen verstĂ€ndigen können. Auch nach teils mehrmaligem DurchzĂ€hlen fanden sĂ€mtliche AntrĂ€ge zu dem Thema einschließlich eines Papiers der schwarz-gelben Koalition bei der Sitzung des Gremiums am Montag [2] keine Mehrheit. Das einschlĂ€gige Kapitel des behandelten Zwischenberichts zu "Wirtschaft, Arbeit und Green IT [3]" werde nun "völlig entkernt zum Breitbandausbau in der FlĂ€che", beklagte Sebastian Blumenthal von der FDP-Fraktion. Er empfahl, "noch mal redaktionell eine Runde zu drehen", was aber ebenfalls abgelehnt wurde.

Thomas Jarzombek von der CDU/CSU-Fraktion empfand es als skurril, dass ein zunĂ€chst noch von vier Fraktionen mitgetragener Text letztlich doch nicht durchgekommen sei. Auch der bisherige Infrastrukturausbau etwa ĂŒber den Mobilfunkstandard LTE sei etwa noch von der großen Koalition vorangetrieben worden. Der fĂŒr die FDP in der Kommission sitzende SachverstĂ€ndige padeluun vom Verein digitalcourage [4] bot sogar an, seine Nein-Stimme zur Koalitionsformulierung bei einer erneuten Abstimmung zurĂŒckzunehmen und in eine Enthaltung umzuwandeln. Diesen Vorschlag empfand der Kommissionsvorsitzende Axel E. Fischer (CDU) aber als inakzeptabel.

Koalition und Opposition hatten sich zuvor schon im Plenum [5] mehrfach einen Schlagabtausch [6] rund um die breitbandige Zukunft geliefert. SPD, Linke und GrĂŒne plĂ€dierten dabei fĂŒr eine Verpflichtung fĂŒr Provider im Rahmen einer Ausweitung der Universaldienstbestimmung, letzte LĂŒcken bei der Versorgung zu schließen und "Breitband fĂŒr alle" zu verwirklichen. Die Union und die FDP setzen dagegen auf neue Instrumente aus dem Telekommunikationsgesetz [7] zur einfacheren Verlegung etwa von Glasfaserleitungen und auf den Markt. Redner der Opposition begrĂŒĂŸten nun die Tatsache, dass es in dieser Streitfrage im Kommissionsbericht nur gleichberechtigte "Sondervoten" im hinteren Teil geben wird.

Recht schwach fallen die Empfehlungen des Gremiums zu grĂŒner Informationstechnik aus. Die Abgeordneten und SachverstĂ€ndigen hatten dazu extra ein Gutachten mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit beim Borderstep Institut fĂŒr Innovation und Nachhaltigkeit [8] in Kooperation mit dem Institut fĂŒr Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT [9]) bestellt. Der Stromverbrauch informationstechnischer GerĂ€te sei hierzulande in den vergangenen Jahren enorm angestiegen auf 11 Prozent des gesamten Energiebedarfs, bis 2020 belaufe sich dieser Anteil sogar auf rund 20 Prozent, erklĂ€rte Borderstep-GrĂŒnder Klaus Fichter. Er riet dazu, bestehende Förderprogramme "in einer Gesamtansicht mit dazugehörigen Daten zu bĂŒndeln", in einem nationalen Fahrplan konkrete Ziele und funktionierende Beispiele fĂŒr Green IT aufzuzeigen sowie eine Initiative fĂŒr mehr klimaneutrale Rechenzentren zu starten.

Einsparungen durch den Einsatz rechnergesteuerter AblĂ€ufe etwa im Verkehrs- oder GebĂ€udemanagement seien kein SelbstlĂ€ufer, fĂŒhrte Fichter aus. Die Vermehrung von IT-GerĂ€ten könne insgesamt sogar zu einem Mehrverbrauch an Energie fĂŒhren. Auf mittelstĂ€ndische Unternehmen kĂ€men auch durch die EinfĂŒhrung von Messpflichten kein großer bĂŒrokratischer Aufwand zu, suchte er EinwĂ€nde der Union zu entkrĂ€ften. Es gebe dafĂŒr sehr effiziente Erhebungsmethoden. Trotzdem ließ die Koalition einen von den GrĂŒnen gelieferten Textbaustein, der die RatschlĂ€ge aus dem Gutachten in eine konkrete Kommissionsempfehlung umzuwandeln suchte, durchfallen.

Eine lĂ€ngere Diskussion löste auch ein Vorstoß der Linken Halina Wawzyniak aus, die gegenwĂ€rtige allgemeine Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen zumindest "als Sachstand" aufzunehmen und "prekĂ€r BeschĂ€ftigte" besser abzusichern. Dabei handle es sich nicht um ein "internetspezifisches Thema", hielt Nadine Schön von der CSU dagegen. Gerold Reichenbach (SPD) konterte mit dem Hinweis, dass das PhĂ€nomen, auf Festanstellungen zu verzichten, im IT-Sektor besonders hĂ€ufig auftrete und das Thema daher relevant sei. Eine Mehrheit fand die Initiative trotzdem nicht.

Die im Konsens verabschiedeten Teile des Reports sprechen Themen an wie eine bessere Förderung von GrĂŒndern etwa durch eine verstĂ€rkte Finanzierung durch Wagniskapital, ein Recht auf "Nicht-Erreichbarkeit" in der vernetzten Arbeitswelt oder die gezielte Nachwuchsausbildung in den MINT-FĂ€chern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Eine steuerliche Forschungsförderung wird parallel zur projektbezogenen UnterstĂŒtzung wissenschaftlicher Arbeiten empfohlen. OppositionsantrĂ€ge etwa zu Mitbestimmung, BeschĂ€ftigten-Datenschutz & sozialer Absicherung werden dagegen nur als Sondermeinung Eingang in die Analyse finden. Gremiumschef Fischer lobte im Anschluss, dass nun 7 von 12 angestrebten Zwischenberichten verabschiedet seien. Damit handle es sich um eine der schnellsten und effizientesten parlamentarischen Enquete-Kommissionen ĂŒberhaupt. (vbr [10])


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[3] http://www.bundestag.de/internetenquete/dokumentation/Wirtschaft_Arbeit%20_Green_IT1/
[4] http://digitalcourage.de/
[5] https://www.heise.de/news/Bundestag-will-Luecken-bei-der-Breitbandversorgung-schliessen-188431.html
[6] https://www.heise.de/news/Bundestag-ringt-um-Breitband-fuer-alle-1242340.html
[7] https://www.heise.de/news/Bundestag-verabschiedet-Reform-des-Telekommunikationsgesetzes-1367636.html
[8] http://www.borderstep.de/
[9] http://www.izt.de/
[10] mailto:vbr@heise.de