Neckermann: Letzte Hoffnung Internet
Einer "Heuschrecke" verdankt der traditionsreiche VersandhÀndler, dass er jetzt nicht im Strudel der Arcandor-Insolvenz untergeht. Doch auch Neckermann steht vor Herausforderungen, seine Hoffnungen setzt das Unternehmen auf den Onlinehandel.
Der Neckermann [1]-Aufsichtsrat und Logistik-Betriebsrat Thomas Schmidt seufzt hörbar auf: "Wenn wir uns nicht von Arcandor gelöst hĂ€tten, wĂ€ren wir heute genauso platt wie Quelle." Niemals hĂ€tte er erwartet, dass er noch einmal froh sein wĂŒrde ĂŒber den Einstieg einer sogenannten "Heuschrecke" in sein Traditionsunternehmen, den Frankfurter Neckermann-Versand. Doch der US-Investor Sun Capital hat es ermöglicht, dass der seit Jahren gebeutelte VersandhĂ€ndler ĂŒberhaupt noch eine Zukunft planen kann.
Die liegt nach Ăberzeugung des vor wenigen Monaten neu eingesetzten Managements eindeutig im Online-Handel [2], der heute schon 60 Prozent des Umsatzes von rund 750 Millionen Euro in Deutschland ausmacht. In drei Jahren will Vorstandschef Henning Koopmann aus den jĂ€hrlichen Millionenverlusten eine schwarze Null beim Ergebnis machen, der Online-Anteil soll auf etwa 80 Prozent steigen.
Zwar ist Neckermann.de bereits vor 14 Jahren in das InternetgeschĂ€ft eingestiegen, hat es aber lange als nur zusĂ€tzlichen Bestellkanal unterschĂ€tzt. Auf die stĂ€ndige Preistransparenz der Konkurrenz und die flexiblen Internet-Plattformen von Amazon und Co. hatte man nur wenige Antworten im Einkauf und beim Marketing. Das soll sich ziemlich schnell Ă€ndern, verspricht das neue Management, das vor allem in das IT-System investieren will. Von der frĂŒheren Mutter Arcandor habe man sich in dieser Hinsicht bereits erfolgreich abgekoppelt. Bis vor wenigen Wochen konnte man bei Neckermann nicht mit Kreditkarte bezahlen, das im Netz beliebte Bezahlsystem Paypal soll jetzt folgen.
Von der alten Herrlichkeit mit dem Slogan "Neckermann machts möglich" ist in dem groĂen GebĂ€udekomplex, der lĂ€ngst nicht mehr der Firma gehört, nicht viel ĂŒbrig. Mehr als die HĂ€lfte der europaweit 4300 Neckermann-BeschĂ€ftigten arbeitet hier, hat mehrere Runden Lohnverzicht und Stellenabbau [3] hinter sich. So an die 30 VorstĂ€nde habe er seit 2001 erlebt, erzĂ€hlt Betriebsrat Schmidt. Da fehle manchen die Zuversicht, dass die jeweils aktuelle Mannschaft das Ruder herumwerfen kann. Die vorletzte Vorstandsriege wollte Neckermann selbst ĂŒbernehmen, biss dabei aber beim Mehrheitseigner Sun auf Granit. Ihren Nachfolgern hinterlieĂen die Manager einen Umsatzeinbruch von 820 auf 747 Millionen Euro in diesem Jahr.
Noch ungeklÀrt ist die Zukunft des Minderheitsanteils von 49 Prozent, den die insolvente Arcandor-Tochter Primondo an Neckermann hÀlt. Nach Angaben des Insolvenzverwalters Hubert Görg hat der Pensionsfonds von Karstadt-Quelle die Finger darauf, so dass ein Teilverkauf des Ex-Konkurrenten letztlich den gebeutelten Quelle- Arbeitern zugutekommen könnte.
Aktuell profitiert Neckermann sogar von der Pleite der lange Jahre erfolgreicheren Konkurrenz. Der frĂŒhere Quelle-Manager Koopmann vermeidet aber sorgsam jeden Anflug von HĂ€me oder Kritik in Richtung FĂŒrth. "Quelle ist in den Gesamtstrudel von Arcandor gezogen worden und dann war kein Geld mehr da. Da konnten viele tolle Sachen nicht mehr zu Ende gefĂŒhrt werden." Es hĂ€tte auch ihn treffen können, meint er wohl.
Hauptproblem der NeckermĂ€nner im eigenen GeschĂ€ft ist der immer noch gewichtige Katalog, der das Unternehmen einst groĂ gemacht hat. Zweimal im Jahr wird er immer noch an die Kundschaft verschickt in einer Auflage von 4,2 Millionen StĂŒck. Die Kosten habe man auf die HĂ€lfte gedrĂŒckt, sagt der Vorstand, ohne die exakte Summe zu nennen. Allerdings ist die zumeist Ă€ltere Katalogkundschaft weniger zahlungskrĂ€ftig als die Online-Kunden.
Die nĂ€chste Katalogausgabe fĂŒr FrĂŒhjahr/Sommer 2010 werde in jedem Fall erscheinen, sagt Koopmann. Man werde fĂŒr beide Zielgruppen unterschiedliche Angebote machen und sich auf die Kernsortimente Möbel, Mode und Technik konzentrieren. Nebenartikel könnten gut auch an Partner ĂŒbergeben werden, die ĂŒber die Neckermann-Plattform ihre Produkte anbieten. 80 solcher Unternehmen sind bereits an Bord, weitere sollen Schlange stehen fĂŒr die Internet-Strategie der bundesdeutschen Legende Neckermann.
(vbr [4])
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