Mobilbaukasten: VWs Modularer Querbaukasten

Die Verwendung einheitlicher Plattformen unter verschiedenen "HĂĽten" ist nicht neu. Volkswagen verlagert die Standardisierung nun auf die Modulebene, was trotz geringerer Teilevielfalt mehr Fahrzeugvarianten erlaubt

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Von
  • Gregor Hebermehl
  • Gernot Goppelt
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Wolfsburg, 2. Februar 2012 – Modulare Fahrzeugkonzepte sind natürlich nicht neu, praktisch alle Volumenhersteller setzen ihren Plattformen verschiedene Hüte auf. Auch und gerade bei Volkswagen ist das so: Allein auf der Golf-Plattform sind mehr als ein Dutzend Konzernmodelle der Marken VW, Audi, Seat und Skoda entstanden, deren "Unterbau" samt Technik in weiten Teilen identisch ist. Mit dem neuen "Modularen Querbaukasten" (MQB) will Volkswagen die Standardisierung aber noch weiter treiben, um bei Konstruktion und Produktion Kosten zu sparen. Erster Vorbote des MQB war übrigens das VW Cross Coupé, das der Hersteller als seriennahe Studie auf der Auto Show in Tokio 2011 zeigte.

Der Begriff "Hut" ist durchaus keine flapsige umgangssprachliche Formulierung: Die Hersteller differenzieren zwischen der "Plattform" (nicht Bodengruppe, wie sie auch gerne genannt wird) und dem "Hut", der im Wesentlichen die Karosserie und das Interieur ausmacht – also im Grunde das, was die Markendifferenzierung ermöglicht. VW geht jetzt aber einen wichtigen Schritt weiter: Nicht nur die Plattform, sondern beispielsweise auch der Antrieb, das Infotainment und die Produktion sollen standardisiert werden.

Mobilbaukasten: VWs Modularer Querbaukasten (11 Bilder)

Erweitertes Baukastenprinzip: VW fĂĽhrt den Modularen Querbaukasten (MQB) ein

Für Letzteres steht der so genannte "Modulare Produktionsbaukasten" (MPB). Dies heißt im Prinzip, dass in Zukunft viele VW-Fabriken weltweit fast identisch aussehen werden. Zudem soll es im Zusammenspiel von MPB und MQB möglich sein, verschiedene Modelle unterschiedlicher Marken auf derselben Linie zu fertigen. Der modulare Produktionsbaukasten macht es einfacher, Erfahrungen aus einem Werk auf ein neues zu übertragen. Interessant ist das besonders in neuen Märkten wie China, weil man so von Beginn an Werke auf mehrere Marken auslegen kann – Modelle von VW, Seat, Skoda, und Audi könnten im Prinzip von ein und demselben Band laufen.

Die Idee, dass Autos am besten in Deutschland produziert werden sollten, ist – am Rande bemerkt – ohnehin nicht mehr aufrecht zu erhalten. In China ist ein gewisser Anteil von Vorort-Produktion politisch gewollt und wird durchgesetzt. In den USA scheint sich andererseits zu zeigen, dass das neue VW-Werk in Chattanooga aus einem anderen Grund den Verkauf beflügelt: Die Autokäufer kaufen gerne Autos "Made in the USA – designed in Germany".

Doch zurück zum Modularen Querbaukasten: VW-Designchef Klaus Bischoff nimmt das kompakte SUV Tiguan als Beispiel dafür, welche Freiheiten trotz Standardisierung möglich sind. So ist die Position der Hinterachse verschiebbar – das erlaubt eine hohe Variabilität hinsichtlich des Designs und der Raumausnutzung. Durch eine neue Anordnung von Bauteilen unter dem Blech sind zudem größere Radhäuser und somit größere Reifen möglich. Zudem wird das am Heck nun wie bei einem Coupé auslaufende Dach ein wenig abgesenkt. Für einen stämmigeren Auftritt wird der Wagen breiter. Am Ende steht dynamisch und schnittig die oben bereits erwähnte Studie Cross Coupé vor uns.

Das erste Fahrzeug, das vollständig den MQB nutzt, wird die dritte Generation des Audi A3 sein, die auf dem Autosalon in Genf (8. bis 18. März 2012) Premiere hat. Dann folgt, ebenfalls 2012, die siebte Generation des Golf. Später sind der Skoda Octavia und der Seat Leon dran. Bis 2018 werden 40 Modelle in den Modularen Querbaukasten passen. Und auch wenn die Baukasten-Palette nur die Pkws von B- bis E-Segment (Polo bis Passat) umfassen wird: Selbst der kleine Up, der zur so genannten New Small Family gehört, profitiert von der Standardisierung. Deutlich vereinfacht wird zum Beispiel der Motoreneinbau und die Konstruktion der Triebwerksperipherie: Alle Diesel- und Ottomotoren werden in einer Neigung von zwölf Grad nach hinten montiert. Die kalte Seite (Ansaugtrakt) ist in Fahrtrichtung gesehen immer vorne und die heiße Seite (Abgasstrang) liegt immer hinten. Der Abstand zwischen Vorderachse und Pedalerie ist übrigens einer der wenigen festgesetzten Werte: Hier findet immer das Abgasreinigungssystem Platz, was keine großen Veränderungen zulässt.

Die Baukasten-Modularität setzt sich bis in jeden Bereich des Automobilbaus fort. Während VW für den MQB und Audi für den MLB verantwortlich ist, soll Porsche den Modularen Standardantriebs-Baukasten (MSB) betreuen. Dieses Projekt steckt noch in den Anfängen, einziges Modell ist bisher der Panamera. Hinsichtlich der Motoren wird es zunehmend austauschbare Technologien zwischen Otto- und Dieselmotoren geben. Die neuen Assistenzsysteme wie Spurverlassens- und Totwinkel-Warner sowie die City-Safety-Notbremse sollen als Gleichteil für alle Modellreihen verfügbar sein.

"Demokratisierung von Innovationen" nennt VW das. Und auch Leichtbauelemente lassen sich modellübergreifend verwenden. VW erwähnt hier als neueste Entwicklung Bleche, die in einem Stück mit fünf verschiedenen Dicken von 0,9 bis 1,7 Millimeter daherkommen. Tailor Rolled Blank nennt sich diese Technologie. Jedes Modell profitiert beim MQB von den Vorteilen anderer Varianten. "Zu Anfang mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, jetzt ist der Modulare Querbaukasten zu einem sich selbst beschleunigenden Prozess geworden. Jeder denkt ständig daran, ob seine Entwicklung zu diesem Baukasten passt", sagt Ulrich Hackenberg. (imp)